Armenien: Nahost-Konflikte und Erdogan leiten Touristenströme um

Die Krisen der anderen

Das kleine Armenien ist ein ganzer Kosmos: das älteste christliche Land der Welt und biblischer Ort; eine jahrtausendealte Kulturlandschaft im Kaukasus mit eigener Sprache, die die Nation zusammenhält.

Die ewige Flamme der Völkermord-Gedenkstätte Zizernakaberd in Jerewan (Armenien) / © Alexander Brüggemann (KNA)
Die ewige Flamme der Völkermord-Gedenkstätte Zizernakaberd in Jerewan (Armenien) / © Alexander Brüggemann ( KNA )

Die Wolken hängen tief nahe der georgischen Grenze. Der Busfahrer vollführt souverän das Unmögliche. 500 Meter der Serpentinenstraße fährt er seinen Doppeldeckerbus kurzerhand rückwärts hoch; die Kehren in der Debed-Schlucht bei Alaverdi sind einfach zu eng. Das Hupen ungeduldiger Lada-Fahrer lässt er an sich abtropfen und rangiert weit am Rand der Böschung. Krass. Auch so geht biblisch reisen in Armenien.

Die Passagiere nehmen es gelassen. "Da schau her", meint Inge nur, eine Endsechzigerin aus Salzburg. Schließlich will Sahanin erreicht sein, das nächste Bergkloster aus der langen Perlenkette eines erstaunlichen Unesco-Weltkulturerbes. Kunst- und Kulturreisen nach Armenien nahmen zuletzt einen deutlichen Aufschwung. Den "Erdogan-Effekt" nennt das Reiseleiter Michael Fieger, Professor für Altes Testament an der Universität Chur in der Schweiz. Dagegen ist das Türkei-Geschäft praktisch eingebrochen. "Solange dort dieser Präsident ist, mache ich keine Fahrt mehr dorthin", sagt Fieger.

Attraktiv ist terrorfrei

Die Infrastruktur dort mag besser sein, keine Frage – aber anders als das Wendemanöver über der Debed-Schlucht können Türkei-Reisen tatsächlich politisch gefährlich sein. Ohne Grund kann man dort derzeit auch als Tourist festgesetzt werden; "Terrorismusverdacht" - das Wort allein genügt. Auch die schwelenden Konflikte im Heiligen Land und der Syrien-Krieg sorgen dafür, dass Länder wie Bulgarien, Georgien, Rumänien oder Usbekistan auf dem Markt der Kulturreisen aufholen.

Die Strategie der Veranstalter: neue Geschäftsbereiche für ein kaufkräftiges, gebildetes Publikum erschließen. Attraktiv sind terrorfreie, weitgehend unbekannte Kulturländer, die neben dem religiösen Erbe auch aktuelle Fragestellungen zu Ökologie, Geografie oder zum Medizinsektor bieten.

In Armenien lernen die rund zwei Dutzend Reisenden zwischen Ende 20 und Mitte 70 aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einen ganzen Mikrokosmos kennen: das älteste christliche Land der Welt. Nachdem der grausame König Trdat III. im Jahr 301 von dem rätselhaften Missionar Gregor dem Erleuchter (Krikor Lusarowitsch) bekehrt wurde, ist das Christentum Staatsreligion.

Völkermord und Sowjetdiktatur

Armenien ist ein Land, das durch den türkischen Völkermord im Ersten Weltkrieg und durch die Sowjetdiktatur (1921-1991) unfassbar hat leiden müssen. Ein Land, das auch territorial stark geblutet hat. Das heutige Staatsgebiet macht nur noch einen Bruchteil jenes historischen Kulturraums aus, den die Armenier geprägt haben. Ihr Kernland im Westen mit dem Vansee und dem "heiligen Berg" Ararat heißt heute "Ostanatolien" und gehört dem einstigen Peiniger Türkei.

Und auch der schiitische Iran im Süden und der Feindstaat im Osten, das muslimische Aserbaidschan, haben in den 1920er Jahren namhaft vom diplomatischen Versagen der europäischen Mächte profitiert.

Selbstironisch sprechen die Armenier vom "armenischen Glück", solche Nachbarn zu haben. Mit Georgien im Norden sind die Beziehungen intakt – nicht allerdings zwischen Georgien und Wladimir Putins Russland, das immer noch Armeniens knebelnde Schutzmacht und wichtigster "Bruder" ist. Russland hat stets genügend strategisches Erpressungspotenzial, um etwa ein Assoziationsabkommen mit der EU zu unterbinden. Armenien, ein Land ohne Handelswege: Erst 2006 erreichte das Bruttoinlandsprodukt überhaupt wieder die Höhe der späten, maroden Sowjetzeit.

Hirtenflöten aus Aprikosenholz

Von der anhaltenden Wirtschaftskrise sprechen Fahrten durch übelste Ruinen sowjetischer Schwerindustrie. Statements der armenischen Geschichte, ebenso wie die uralten Klöster, die teils bis ins 4. oder 6. Jahrhundert zurückgehen. Ein Statement auch die melancholische Musik der Duduk-Spieler, jener 2.000 Jahre alten Flöten aus Aprikosenholz mit ihrem eigentümlichen, sehnsuchtsvollen Klang. Sie stehen für das weite Gebirgsland der Hirten.

Die vielleicht wichtigste Lektion für Besucher aus Westeuropa: Das Christentum ist eine exotische Religion. Entstanden in Palästina, einer der hintersten und kleinsten und religiös schillerndsten Provinzen des Römischen Reiches, breitete es sich in verschiedenste Richtungen und Kulturen aus. Wer die päpstlich-römische oder gar westdeutsche Spielart des Christentums für die ursprüngliche, zwangsläufige oder gar einzig wahre hält, der sollte unbedingt nach Armenien reisen.

Schwere Kerben in die Volksreligiosität

Das Christentum, verkörpert durch seine Klöster, ist tief eingebrannt in die armenische Identität – auch wenn drei Generationen kommunistisch verordneten Atheismus' schwere Kerben in die Volksreligiosität getrieben haben. Nur eines steht noch stärker für

Armenien: sein eigenes Alphabet und seine Sprache. Drei Alphabete muss jeder armenische Schüler lernen: zunächst das eigene, erfunden um das Jahr 400 vom heiligen Mesrop Maschtots; als zweites das kyrillische; zuletzt das lateinische – das allein dem westlichen Individualtouristen auf Armeniens Straßen den Weg weisen könnte.

"Aus der Seele der Mutter"

Die Dichterin Silva Kaputikian (1919-2006) schrieb ihrem Sohn ins Stammbuch: "Höre, mein Kind, dies ist eine Botschaft aus der Seele deiner Mutter, wo sie am tiefsten ist: Von heute an übergebe ich in deine Hände die armenische Sprache und ihre Schätze. (...) Sie wurde Hoffnung und Flagge und hat uns auf unserem Weg bewahrt. Halte sie hoch und rein wie den Schnee vom Ararat. Birg sie an deiner Brust wie die Reliquien deiner Vorfahren. Verteidige sie mit deinem Leben, als ob du deine Mutter verteidigen würdest. Und, mein Sohn, wo immer du auch bist (...): Selbst wenn du deine Mutter vergessen würdest - vergiss nicht deine Muttersprache."

Der Schnee vom Ararat. Dieser heilige Berg macht Armenien zu einem biblischen Land. Auf seinem 5.137 Meter hohen Gipfel soll einst Noah nach der Sintflut mit seiner Arche gelandet sein. Der Ararat liegt in Sichtweite der heutigen armenischen Hauptstadt Jerewan; der Hausberg sozusagen. Doch je näher man ihm kommt, desto unerreichbarer rückt er weg. Durch Mauschelei der Mächtigen ist das Kernland der Armenier seit den 1920er Jahren Teil der Türkei.

Nirgends spürt man diese Trennung stärker als am Kloster von Khor Virap, vor der Sehnsuchtskulisse Armeniens, wo einst Gregor der Erleuchter eingekerkert war. Ganze Großfamilien stiegen hier auf den Hügel oberhalb des Klosters. Die Männer zeigen herüber zum Ararat, aber können nicht hin. Betroffen schaut man über den garstigen Todesstreifen; militärisches Sperrgebiet, das gleich unter dem Hügel beginnt. Ratlose Erinnerungsfotos werden gemacht, fast so ratlos wie tags zuvor an der Völkermordgedenkstätte von Tsitsernakaberd in Jerewan. Immerhin: Echte Tauben kann man hier steigen lassen, wie einst Noah nach der Flut, für umgerechnet 3,50 Euro.

Ein obszöner Kindergeburtstag

Armenien ist arm, sehr arm. Einige wenige Oligarchen sind reich, sehr reich. Sie haben sich beizeiten Monopole aus der Sowjetzeit unter den Nagel gerissen. Zement oder Zucker bezahlen ihre Bentleys, Jaguars und SUVs. In der Hauptstadt kann man den tiefen Riss besichtigen, der durch die Gesellschaft geht: einen obszön anmutenden Kindergeburtstag auf der Hotelterrasse etwa. Die Gastgeberin, langhaarig, hübsch zurechtgemacht im schwarzen Leder-Mini; so etwa acht Jahre alt. Berge hellblauer und rosa Luftballons, dazwischen ein bulliger Türsteher im Maßanzug.

Zwei kleine Jungs mit weißem Hemd und Fliege rennen durchs Bild, im Hintergrund mehrere Bespaßer in albernen bunten Ganzkörperkostümen. Vor dem Hoteleingang stehen die protzigen Luxuslimousinen der Eltern. Eine Ghetto-Veranstaltung für Superreiche in einem armen und geprügelten Land.

Wie groß ist der Kontrast zur Stille des alten Klosters Haghpat, hoch über der Debed-Schlucht. Hier berichtet Reinhold, Theologe aus Schwaben, was ihn hierher gebracht hat. Vor fünf Jahren sei er mit seiner Ehefrau in "Westarmenien" gewesen, dem heutigen Ostanatolien. Über Jahrzehnte wurden dort armenische Kirchen und Friedhöfe als Schießübungsplätze der türkischen Armee missbraucht. Nun, so sagt er, "wollte ich mal die andere Seite sehen".

Kreuzsteine am Kloster Norawank in Armenien / © Alexander Brüggemann (KNA)
Kreuzsteine am Kloster Norawank in Armenien / © Alexander Brüggemann ( KNA )
Gedenken an Genozid-Opfer in Armenien / © Maurizio Brambatti (dpa)
Gedenken an Genozid-Opfer in Armenien / © Maurizio Brambatti ( dpa )
Gottesdienst in der nordarmenischen Stadt Gjumri  / © L'osservatore Romano (dpa)
Gottesdienst in der nordarmenischen Stadt Gjumri / © L'osservatore Romano ( dpa )
Quelle:
KNA