Anselm Grün sieht immer Spielraum im eigenen Handeln

"Viele fühlen sich als Opfer"

Dem bekannten Seelsorger und Bestseller-Autor Pater Anselm Grün ist es wichtig, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Er sei kein Sklave, sagt der Benediktinermönch. Grün gibt diese Woche Impulse zum Tagesevangelium.

Anselm Grün / © Harald Oppitz (KNA)
Anselm Grün / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Ihre Bestseller haben Titel wie "Versäume nicht dein Leben" oder "Trau dich, neu zu werden" sowie "Im Wandel wachsen". Man hat das Gefühl, es liegt viel Positives da drin. Eine Hoffnung, dass man bewusstes Leben wirklich lernen kann. Kann man das? 

Anselm Grün, Benediktinerpater und Geistlicher Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach / © Harald Oppitz (KNA)
Anselm Grün, Benediktinerpater und Geistlicher Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach / © Harald Oppitz ( KNA )

Pater Dr. Anselm Grün OSB (Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach und Bestseller-Autor): Ja, das kann man lernen. Es kommt immer auf die Einstellung an, mit der ich das Leben bewältige, ob ich pessimistisch bin oder ob ich Hoffnung habe. Man sollte die Situation sehen, wie sie ist und trotzdem die Hoffnung haben und mir zutrauen, dass in mir etwas Gutes ist, was ich leben kann, damit ich mich nicht als Opfer fühle. 

Viele fühlen sich als Opfer von irgendwelchen negativen Erfahrungen. Wir haben aber immer Spielraum, selber was zu gestalten. Das ist für mich wichtig, dass ich mein Leben selber in die Hand nehme.

DOMRADIO.DE: Das sagen auch Neurowissenschaftler. Man muss diesen dauerhaften Katastrophenmodus im Kopf verlassen, dann geht es gleich besser. Woher wissen Sie das alles? Sind das eigene Erfahrungen, die Sie in Ihrem Leben gemacht haben?

Grün: Ich habe viel von Menschen gehört und hatte viele Gespräche. Das sind auch eigene Erfahrungen, aber natürlich auch Weisheiten von anderen. Ich kann nicht immer unterscheiden, ob das eine ganz spezielle Einsicht ist oder ob ich etwas von dem Gelesenen übernommen habe, was mir plausibel erschien. 

DOMRADIO.DE: Sie schreiben sehr viel. Entscheiden Sie über die Inhalte Ihrer Bücher eigentlich komplett selbst oder sagt der Verlag auch mal, das wäre jetzt ein Thema?

Grün: Der Verlag hat natürlich Wünsche. Da muss ich immer schauen, ob da was bei mir anspringt oder ob ich das Gefühl habe, ich kann nicht überall alles schreiben. Ich habe gerade erst zwei Titel abgelehnt und habe gesagt, dass ich dazu nichts Neues schreibe. Denn dazu hatte ich schon was geschrieben. Das wäre nur eine Wiederholung. 

Manche Themen kommen von mir selber, wenn ich in Gesprächen spüre, da müsstest du mal was zu schreiben. Es ist also beides, Impulse von mir, aber auch Impulse vom Verlag. Ich bin kein Sklave des Verlags und frei. Ich kann nur das schreiben, bei dem ich Resonanz spüre.

DOMRADIO.DE: Sie sind selbst kürzlich 79 Jahre alt geworden und Ihr Buch "Die hohe Kunst des Älterwerdens" ist auch ein sehr erfolgreiches Buch. Wie ist das für Sie persönlich? Fällt es Ihnen leicht, älter zu werden? 

Grün: Das Buch habe ich geschrieben, als ich 62 Jahre alt war. Da war ich noch etwas jünger, jetzt bin ich 79. Ich kann schon sagen, es fällt mir leichter. Natürlich merke ich meine Grenzen, wenn man müde wird, die Augen nicht mehr so gut sind, das Hören nicht mehr so gut geht. Aber sonst bin ich eigentlich ganz dankbar. Ich kann immer noch was tun. Ich spüre im Alter, dass man sich nicht mehr zu beweisen braucht, da ist vieles leichter.

DOMRADIO.DE: Sie geben in dieser Woche auch Impulse zum jeweiligen Bibeltext des Tages. An diesem Dienstag erzählt das Markusevangelium von Jesus Familie, von seiner leiblichen Mutter und seinen Brüdern und davon, dass Jesus sich ihrem Aufruf widersetzt und sagt, das jeder, der den Willen Gottes tut, für ihn Bruder und Schwester und Mutter ist (Mk 3, 31-35). Ist dieser Text eher familienfeindlich? 

Anselm Grün

"Sich vereinnahmen zu lassen, tut den Menschen nie gut."

Grün: Er ist nicht familienfeindlich. Aber er sieht natürlich auch die Gefahr, wenn die Familie einen vereinnahmen will. Wenn sie bestimmen will, wie ich denke und was ich sagen darf, wird die Familie auch zum engen Korsett. Das tut uns nicht gut. Wir brauchen beides, die Geborgenheit der Familie, das Getragen sein, die Auseinandersetzung mit den Geschwistern, den Eltern, aber auch die innere Freiheit. Das zeigt uns das Evangelium. Sich vereinnahmen zu lassen, tut den Menschen nie gut. 

DOMRADIO.DE: Zur Familie müssen nicht unbedingt nur die eigenen Kinder oder Geschwister gehören. Sie zum Beispiel haben einen engen Draht zu ihren Geschwistern und ihren Mitbrüdern. Ist das auch Familie?

Grün: Das ist auch Familie. Die habe ich mir nicht ausgesucht. Die Geschwister sucht man sich ja auch nicht aus. Man wird in die Familie hinein geboren und die Brüder im Kloster sucht man sich auch nicht aus. 

Aber ja, es ist wie eine Familie, natürlich emotional nicht so eng verbunden. Aber man muss auch miteinander versuchen auszukommen. Da wäre es auch wichtig, nicht zu meinen, bei uns denkt man so, bei uns macht man so was nicht. Die Gemeinschaft kann nur leben, wenn jeder eine innere Freiheit hat.

DOMRADIO.DE: Was hängen bleibt, ist besonders der letzte Satz: Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. Was ist der Wille Gottes und woran erkennen wir den?

Grün: Paulus sagt im Thessalonicherbrief: Der Wille Gottes ist eure Heiligung. Das heißt, der Wille Gottes ist, dass ich heil werde, ganz werde. Die Mönche sagen, ob etwas mein Wille ist oder Gottes Wille, das erlebe ich an den Auswirkungen. 

Anselm Grün

"Der Wille Gottes führt immer zu Lebendigkeit, Freiheit, Friede und Liebe."

Der Wille Gottes führt immer zu Lebendigkeit, Freiheit, Friede und Liebe. Oft ist mein Wille der Wille meines Ehrgeizes und der führt häufig zu Überforderung, zur Angst, zur Enge, zum Druck, den ich mir selber setze.

Der Wille Gottes ist, dass ich ganz ich selber werde, durch diesen einmaligen Menschen, als der mich Gott geschaffen hat und der zu werden und darauf zu hören, wer bin ich. Was ist für mich stimmig? 

Der Wille Gottes ist nichts Fremdes. Manche erleben den Willen Gottes als etwas Negatives, Bedrohliches. Ich habe einen Priester begleitet, der immer vom barmherzigen Gott gepredigt hat. Aber weil sein Vater Alkoholiker war und willkürlich war, hat er auch dem Willen Gottes nicht getraut. Da ist immer etwas, was einem einen Strich durch die Rechnung macht.

DOMRADIO.DE: Welchem Impuls kann man also mitnehmen? 

Grün: Wir müssen bei dem Oberflächlichen, ich will jetzt dahin und dorthin, unterscheiden. Wenn ich wirklich still werde und spüre, was ich in der Tiefe will, dann ist das auch der Wille Gottes. Vor allem, wenn er dann in Lebendigkeit und Freiheit, in Frieden und Liebe führt, tut es sicher gut, inne zu halten und zu spüren, was für mich wirklich stimmig ist.

Der Wille Gottes ist die Stimmigkeit, die Übereinstimmung mit meinem wahren Selbst.

Das Interview führte Verena Tröster. 

Anselm Grün OSB

Der Münsterschwarzacher Benediktinerpater gilt als der bekannteste Mönch Deutschlands und als einer der erfolgreichsten Autoren christlicher Literatur. Seine Werke bringen es nach eigenen Angaben auf rund 20 Millionen Auflage. Übersetzt wurden sie demnach in rund 30 Sprachen. Derzeit seien etwa 300 Titel lieferbar.

Wenn die eigenen Bücher gelesen würden und Säle bei Vorträgen voll seien, sei er dankbar; darüber dürfe man sich aber nicht definieren. "Das ist ein Geschenk, und es ist nicht mein Verdienst." 

Pater Anselm Grün / © Harald Oppitz (KNA)
Pater Anselm Grün / © Harald Oppitz ( KNA )

 

Quelle:
DR