Anglikanischer Pfarrer erklärt neuen Premierminister

"Ein religiöser Mensch"

Hindu und Migrationshintergrund: Mit Rishi Sunak ist ein ungewöhnlicher Politiker neuer britischer Premierminister geworden. Der anglikanische Pfarrer Johannes Arens erklärt, was den neuen Premierminister politisch auszeichnet.

Rishi Sunak / © David Cliff (dpa)
Rishi Sunak / © David Cliff ( dpa )

DOMRADIO.DE: Rishi Sunak ist der neue Chef der konservativen Tory Partei. Wird seine Amtszeit länger sein als die von Liz Truss? Was meinen Sie?

Johannes Arens (Hochschulpfarrer und Domkapitular an der anglikanischen Kathedrale in Leicester): So was wie bei Liz Truss kann nicht nochmal passieren. Da müsste es schon mit dem Teufel zugehen, oder? So was hat es auch noch nie gegeben. Sie war die kürzeste Amtsinhaberin aller Zeiten und das ging auch schon von vornherein schief. Jetzt freuen sich, glaube ich, alle, auch die politischen Gegner, darüber dass jetzt so was wie eine Klarheit herrscht, nach dem Chaos der letzten zwei Monate. Zudem gab es in England zu Beginn der Amtszeit von Liz Truss ja überhaupt keine aktive Politik. Die Beerdigung der Königin hat ja alles überschattet. Im Grunde genommen war sie nur drei Wochen im Amt.

DOMRADIO.DE: Sunak ist für einen Premier vergleichsweise jung, 1980 geboren, der Vater Arzt, die Mutter hatte eine Apotheke, die Familie ist eingewandert aus britischen Kolonien, und die Wurzeln liegen zum Teil in Indien, zum Teil in Ostafrika. Kein weißer Mann und keine weiße Frau ist an der Macht. Ist das jetzt ein Zeichen, dass die Regierung da setzt?

Johannes Arens, Hochschulpfarrer und Domkapitular an der anglikanischen Kathedrale in Leicester (DR)
Johannes Arens, Hochschulpfarrer und Domkapitular an der anglikanischen Kathedrale in Leicester / ( DR )

Arens: Ich denke, das hat wenig mit der Regierung zu tun, sondern mit der Rekrutierungspolitik der Tory-Partei. Die hat in den letzten Jahren ganz massiv eine Quote für ethnische Minderheiten eingeführt  und das auch knallhart durchgedrückt. Das erstaunt viele Leute, dass gerade die Konservativen diese Quote eingeführt haben, für Leute mit Migrationshintergrund. Das hätte man von denen nicht unbedingt erwartet. Und auch, dass sie das durchgehalten haben und gar nicht erst Leute aufgestellt haben, die weiß, männlich und englisch sind, sondern ganz klar Schwarze, Indischstämmige und Einwanderer aufgestellt haben.

DOMRADIO.DE:  Wie werden die denn wahrgenommen?

Arens: In Deutschland nimmt man Einwanderer ja häufig anders wahr; dass sie eher sozialdemokratisch, oder eher grün sind. Dass Politiker mit Migrationshintergrund am rechten Rand des Spektrums beheimatet sind, führt zu einer kognitiven Dissonanz. Da gibt es mehrere in England, nicht nur Rishi Sunak, der sich sehr für den Brexit geäußert hat, da gibt es auch Suella Braverman, die indischstämmig ist oder Kemi Badenoch, die schwarz ist und die zum äußersten Rechten Rand der konservativen Partei gehören.

Wobei man da auch dazu sagen muss, dass Sunak einen ausgesprochen privilegierten Hintergrund hat. Die Sunaks sind, glaube ich, im Moment auf Platz 222 der Reichenliste in Großbritannien. Die Sunaks sind Multimillionäre, seine Frau kommt aus einer Milliardärsfamilie. Das heißt, sein Hintergrund ist untypisch.

DOMRADIO.DE: Der neue Premierminister ist Hindu – wird das auf seine Politik Einfluss haben?

Arens: Es spiegelt die Realität der britischen Gesellschaft wider, dass viele Hindus in England nicht direkt aus Indien zugewandert sind, sondern aus Afrika oder Ostafrika. Und da gibt es so eine traumatische Situation, dass Idi Amin in den 70er Jahren die asiatischen Immigranten aus Uganda rausgeworfen hat, innerhalb von sehr kurzer Zeit. Und etwas ähnliches ist in Kenia passiert, wo auch Sunaks Vorfahren herkommen. Und Sunaks Familie ist eine von denen, die von Indien über Afrika nach England gekommen sind. Er selbst ist in England geboren, in England und Amerika zur Schule gegangen und er ist ein hochintelligenter und hochbegabter Mensch.

Seine Religionszugehörigkeit ist interessant, weil er gläubiger und praktizierender Hindu ist - wie viele andere in England auch, die einen ähnlichen Hintergrund haben.

DOMRADIO.DE: Könnte das einen Einfluss auf die Kommunikation mit den Kirchen haben?

Johannes Arens

"Interessanter, als dass er Hindu ist, finde ich, dass Sunak ein religiöser Mensch ist"

Arens: Wir haben in England eine Staatskirche. Und er hat, in minimalem Maße, auch eine kirchliche Rolle, weil er in die Ernennung von Bischöfen involviert ist – wobei er da nicht unbedingt eine Entscheidungsgewalt hat. Die Bevölkerung in England ist wahrscheinlich stärker säkularisiert als in Deutschland.

Interessanter, als dass er Hindu ist, finde ich, dass er ein religiöser Mensch ist. Die sind ja in Europa mittlerweile in der Minderheit. Was ich spannend finde, ist, dass die indische Politik – sein Großvater war Inder – im Moment sehr hinduistisch und nationalistisch geprägt ist.

In letzter Zeit gab es immer wieder Konflikte zwischen Muslimen und Hindus, das steht am nächsten Tag in der Zeitung. Wir sind so vernetzt und so globalisiert, dass das Auswirkungen auf uns hat. Insofern bin ich mir sicher, dass seine Ernennung in Indien sehr genau beobachtet wird.

DOMRADIO.DE: Könnte ja auch das Verhältnis zu Indien noch mal stärken, oder?

Arens: Mit Sicherheit. Das ist auch eine wichtig, da die britisch-kontinentaleuropäischen Beziehungen momentan eher beschädigt sind.

DOMRADIO.DE: Tony Blair ist nach seiner Amtszeit zur katholischen Kirche übergetreten. Da könnte man denken, dass das Amt des Premiers unvereinbar sei mit einer starken religiösen Überzeugung. Würden Sie das auch so sehen?

Johannes Arens

"Ich glaube nicht, dass man sagen kann, Religiosität, Kirchen- oder Religionszugehörigkeit ist unvereinbar mit dem Amt des Premiers."

 

Arens: Nein, das sehe ich nicht so. Ich glaube, in Amerika ist das ein Problem. US-Präsident Joe Biden wird immer dafür angefeindet, dass er sich für Abtreibungsrechte einsetzt, weil das als Katholik angeblich nicht geht.

In Europa ist das sehr viel klarer, dass man seine politischen Überzeugungen von seinen religiösen Ansichten trennen kann. Hier ist es durchaus möglich als Politiker Ansichten zu haben und zu vertreten, die nicht im hundertprozentigen Einklang mit der Religion stehen. In Großbritannien wird verlangt, dass man sich als Politiker an die Überzeugungen der Partei hält, und die persönlichen Überzeugungen hinter die der Religionsgemeinschaft zurückstellt. Hatte Tony Blair da eine geteilte Loyalität? Möglicherweise kommen da alte Ressentiments zum Vorschein. Aber ich glaube nicht, dass man sagen kann, Religiosität, Kirchen- oder Religionszugehörigkeit ist unvereinbar mit dem Amt des Premiers. Fakt ist, dass Großbritannien ein sehr säkularer Staat ist, genau wie Deutschland oder Holland.

Das Interview führte Elena Hong.

Konfessionen und Religionen in Großbritannien

Die einstige Kolonial- und Weltmacht Großbritannien vereint diverse Weltanschauungen. Unter den 66 Millionen Bewohnern stehen neben rund 25 Millionen anglikanischen, 10 Millionen anderen protestantischen und 6 Millionen katholischen Christen immer mehr Konfessions- und Religionslose zu Buche. Zudem gibt es ein bis vier Millionen Buddhisten, geschätzt drei Millionen Muslime sowie mehr als 800.000 Hindus, 420.000 Sikhs und 300.000 Juden.

Großbritannien lässt die EU im Regen stehen / © Alex Hofford (dpa)
Großbritannien lässt die EU im Regen stehen / © Alex Hofford ( dpa )

 

Quelle:
DR