Anglikanischer Ex-Bischof Broadhurst wird katholischer Priester

"Das, was wir immer wollten"

"Ich bin zu Hause angekommen". Wenn auch sein Terminkalender in diesen Tagen kaum Zeit für Emotionen lässt: Manchmal bricht es doch heraus aus John Broadhurst, dem 68-jährigen ehemaligen anglikanischen Bischof von Fulham. Auch und gerade angesichts seiner bevorstehenden Weihe zum katholischen Priester, dem wohl einschneidendsten Schritt im Verhältnis zwischen anglikanischer und katholischer Kirche seit 1994.

 (DR)

Damals löste die Einführung der Frauenweihe eine ökumenische Eiszeit aus. Broadhurst wird gemeinsam mit seinen zwei Mitstreitern, den ehemaligen Bischöfen Keith Newton und Andrew Burnham, geweiht. "Ist es das, was wir immer wollten?", fragt er sich selbst. "Ja, das ist es!" Dabei stellt die Weihe nicht nur einen symbolischen Akt der Aufnahme in die katholische Kirche dar. Vielmehr beginnt an diesem Samstag eine neue ökumenische Ära, wird doch nahezu zeitgleich aus Rom die Errichtung des ersten "Personalordinariats" verkündet, jene neue Rechtsform, die es übertrittswilligen Anglikanern ermöglicht, unter Bewahrung eigener Traditionen zum Katholizismus überzutreten. Ökumene, so Kritiker, werde fortan in einer "Rückkehr-Ökumene" bestehen. Broadhurst ficht das nicht an - im Gegenteil. Er hält die ökumenisch bewährte Rede von einer "Einheit in Vielfalt" für nichts anderes als "rubbish" (Unsinn).

Es wäre leicht, in Broadhurst einen verbohrten Konservativen zu sehen. Markant seine Position zur Ökumene, brachial seine Ablehnung des Frauenpriestertums, überhaupt aller feministisch-theologischen Bestrebungen. Das Frauenpriestertum, so eine seiner Spitzen, trage mit Schuld am Ausbluten der Pfarreien in der anglikanischen Kirche.

Keine Frage - Broadhurst polarisiert. Dabei liest sich seine Biografie wie das Paradebeispiel eines anglikanischen Karrieristen:  Ursprünglich katholisch getauft, fand er in seinem anglikanischen Umfeld rasch eine spirituelle Heimat. Er besuchte das elitäre Londoner King"s College; 1967 die Priesterweihe. Seine pastoralen Lehr- und Wanderjahre verbrachte er in verschiedenen Londoner Gemeinden, bevor er schließlich 1972 als jüngstes Mitglied in die Generalsynode der Church of England gewählt wurde. 1996 wurde er Bischof von Fulham.

Ehemann und Vater
Man sollte den langjährig erprobten Ehemann und Vater von vier Kindern freilich nicht auf seine markigen Sprüche reduzieren. Die Piusbrüder etwa lehnt er rundheraus ab. In seinem Bücherregal stehen ebenso Werke von Karl Rahner, Hans Küng oder feministischen Theologinnen. Erste Regel versierter Kirchenpolitik: Studiere und kenne deine Feinde. "Ich bin konservativ, aber kein Reaktionär. Ich weiß, was in der Welt gespielt wird", sagt er.

So arbeitet er mit einer großen Portion Pragmatismus seit 15 Jahren - als Reaktion auf die Zulassung der Weihe von Frauen in der Church of England - an der Spitze der anglo-katholischen Bewegung "Forward in faith" beharrlich an einer Annäherung an Rom. Dabei hat er allein in England rund 1.000 Priester und 8.000 Laien um sich geschart. Ihre Triebfeder ist bis heute vor allem die Enttäuschung über das "doppelte Gesicht" und die "fehlende Integrität" der anglikanischen Weltgemeinschaft.

Sucht man nach den persönlichen Motiven, die Broadhurst umtreiben, so verweist er gerne auch auf das Zweite Vatikanische Konzil. Das spätere Studium der Konzilsdokumente habe ihm "die Augen geöffnet", indem es "die perfekte Synthese zwischen einem protestantisch geprägten personalen Glaubensprinzip und der Vorstellung von Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden geboten habe. Er habe erkannt: "Alles, was ich gesucht habe, ist hier, ist in der katholischen Kirche, verwirklicht."

Bewunderer Papst Benedikt XVI.
Seinen Anteil an diesem geradezu schwärmerischen Verhältnis hat nicht zuletzt Papst Benedikt XVI., den Broadhurst seit jeher bewundert. So berichtet er nicht ohne Stolz von einer zweistündigen persönlichen Unterredung vor 14 Jahren mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger. Seither meint er auch eine Veränderung in den Schriften Ratzingers zur Ökumene, speziell zur anglikanischen Kirche, feststellen zu können.

An "seiner" Kirche lässt Broadhurst kein gutes Haar. "Das anglikanische Experiment ist gescheitert - die Gemeinschaft zerfällt zusehends", ist er überzeugt. Die Gemeinschaft sei zerstrittener denn je, die Debatten um Weihe von Frauen sowie die Weihe von bekennend homosexuellen Priestern habe die Kirche in eine Krise geführt, von der sie sich nicht wieder erholen werde. Ein versöhnlicher Abschied sieht anders aus - für Frust bleibt jedoch keine Zeit: das Ordinariat muss mit Leben gefüllt werden, davon - das weiß Broadhurst - hängt alles ab, soll am Ende nicht das "anglikanische Experiment", sondern das anglo-katholische Modell scheitern.