Als während der Berliner Olympiade das KZ Sachsenhausen entstand

Terror und Spiele

Am 1. August 1936 wurden die Olympischen Sommerspiele in Berlin eröffnet. Doch Heinrich Mann sollte Recht behalten. Während Hitler hier die von Richard Strauss komponierte Hymne erklang, mussten Häftlinge ein KZ errichten.

 © DOMRADIO (DR)
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Der Schriftsteller Heinrich Mann hatte im Frühsommer 1936 im Exil in Paris noch einmal gewarnt: Sportler, die an den Olympischen Sommerspielen der Nazis in Berlin teilnehmen, würden dort nichts weiter sein als "Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr der Welt fühlt". Doch internationale Gemeinschaft und Sportfunktionäre hatten sich schon davor nicht von Kritik und Boykottaufrufen beeindrucken lassen. Während vor 75 Jahren, wie von der NS-Propaganda geplant, erstmals ein Fackellauf aus Griechenland zum Austragungsort der Spiele stattfand und das Internationale Olympische Komitee im noblen Hotel Adlon der Reichshauptstadt logierte, wurde vor den Toren Berlins ein Konzentrationslager gebaut. Während Hitler am 1. August im Olympiastadion die Sommerspiele eröffnete und die von Richard Strauss komponierte Hymne erklang, mussten Häftlinge das KZ Sachsenhausen errichten. Aus dem KZ Esterwegen im Emsland und aus dem Berliner KZ Columbia-Haus am Flughafen Tempelhof hatte die SS im Sommer Häftlinge nach Oranienburg verlegt, um dort auf einem 80 Hektar großen Forstgelände ein neues Konzentrationslager aufzubauen - als Modell- und Schulungslager der SS. Berüchtigte Inschrift "Arbeit macht frei" "Es wurden Wälder abgeholzt", erinnert sich später ein politischer Häftling, der den Terror in Sachsenhausen überlebt hat. "Das Zusammenschleppen der Baumstämme, fünf bis sechs Meter lang, musste im Laufschritt geschehen." Die SS-Männer amüsierten sich damit, auf die auf der Erde schleifenden Baumkronen zu springen und die Häftlinge so aus dem Tritt zu bringen und zu Boden zu reißen. Ein "modernes, vollkommen neuzeitliches Konzentrationslager" sollte Sachsenhausen werden, so hatte es SS-Reichsführer und Polizeichef Heinrich Himmler formuliert. Mit einer fast drei Meter hohen Mauer, einem elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun und neun Wachtürmen wurde schließlich das 18 Hektar große Häftlingslager gesichert - eine dreieckige, überall einsehbare Anlage als Ausdruck der "Geometrie des totalen Terrors". Auf "Turm A" mit der berüchtigten Inschrift "Arbeit macht frei" wurde ein Maschinengewehr installiert, mit dem das gesamte Gelände beschossen werden konnte. Das KZ mit SS-Truppenlager, Werkstätten und Depots wurde in den folgenden Jahren stetig erweitert, bis es bei Kriegsende mit 400 Hektar rund ein Drittel der Fläche Oranienburgs einnahm. Mehr als 200.000 Menschen wurden bis 1945 in Sachsenhausen inhaftiert, Zehntausende starben durch Misshandlungen, Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit oder wurden von der SS ermordet. Längst auf dem Weg zu neuen Verbrechen Während die SS in Sachsenhausen im Sommer 1936 bereits beim Bau des Konzentrationslagers die Häftlinge quälte, wurden die Olympischen Spiele in Berlin zu einem Welterfolg der Nazis - mit Kulturprogramm und Kunstausstellungen und der Übertragung von Wettkämpfen in Rundfunk und Fernsehen. 89 Medaillen errangen die deutschen Sportler vom 1. bis 16. August, mit 56 folgten abgeschlagen auf Platz zwei die USA. 49 Nationen nahmen an den Spielen teil, darunter erstmals Afghanistan, Bolivien und Liechtenstein. Und während der schwarze US-Sportler Jesse Owens in Berlin vier Leichtathletik-Goldmedaillen gewann, waren deutsche Truppen längst auf dem Weg zu neuen Verbrechen: Anfang August trafen die ersten Einheiten der Legion Condor in Spanien ein, um dort den Putsch des Generals Francisco Franco gegen die Republik zu unterstützen. Wenige Monate später zerstörte die Wehrmacht-Einheit die baskische Stadt Guernika, die Legion Condor führte den ersten großen Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung in Europa. "Die Eintrittskarte zu den Olympischen Spielen steckt in meiner Brieftasche", hat ein deutscher Bomberpilot der Legion Condor im August 1936 in seinem Tagebuch notiert. "In der Eile des Aufbruchs vergaß ich, sie jemandem zu schenken."
Autor/in:
Yvonne Jennerjahn
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