Glauben in Zeiten (nach) der Krise

"Als tiefes Schweigen das All umfing"

Die Kirche befindet sich in einer Zeit der Krise und der Umwälzung. Wie kann Glaube in Zukunft gelebt werden? Diese Frage stellt sich auch der Theologe Werner Höbsch, der bis 2017 Leiter des Referats Interreligiöser Dialog im Erzbistum Köln war.

Wie wird Glaube in Zukunft aussehen? / © marvent (shutterstock)
Wie wird Glaube in Zukunft aussehen? / © marvent ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Der Theologe Karl Rahner hat einmal gesagt: "Der Christ von Morgen wird ein Mystiker sein, einer der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein." Herr Höbsch, was genau meint er damit?

Werner Höbsch (Theologe): Zunächst meint Karl Rahner, dass es im Glauben nicht um das Für-wahr-Halten von Sätzen geht, sondern um Erfahrungen oder zumindest um ein Sich-Öffnen für Erfahrungen. Glauben heißt Vertrauen und dabei geht es grundlegend um Erfahrung.

DOMRADIO.DE: Wenn wir Weihnachten staunen wie ein Kind und das Fest uns berührt – ist das dann schon eine solche Erfahrung, von der Rahner spricht?

Höbsch: Sich das Staunen zu bewahren und sich berühren zu lassen, ist der Beginn eines mystischen Weges. Allerdings muss ich eines hinzufügen: Mystik ist keine Flucht in die irrationale Gefühlswelt. Wir müssen uns ebenso anstrengen, den Glauben zu verstehen. Schon in der Antike hieß es, das Staunen sei der Anfang der Philosophie.

DOMRADIO.DE: Mystik, Mystiker – das sind schillernde Begriffe für uns, mit denen wir eine für uns kaum erreichbare tiefe Religiosität verbinden. Aber Sie sehen darin durchaus eine Form des Glaubens, die auch schon in unserem Alltag möglich ist?

Höbsch: "Mystik" ist ein sperriges Wort und schillernd, wie Sie sagen. Oft wird heute auch von „Spiritualität“ gesprochen. „Mystik“ bedeutet von seinem Ursprung her, Augen und Ohren zu schließen, zur Ruhe zu kommen im Getöse der Zeit und nach innen zu lauschen und wahrzunehmen, was mich trägt.

Spiritualität und Mystik sind aber nicht für weltfremde Frömmler oder religiöse Hochseilartisten. Die großen christlichen Mystikerinnen und Mystiker waren in Gott und im Alltag zu Hause. Gottverwurzelung und Nächstenliebe bedingen sich bei den großen Persönlichkeiten der Mystik.

DOMRADIO.DE: Was setzt das voraus? Welche Bereitschaft, welches aktive Tun ist dafür notwendig? Und hilft Mystik in Krisen?

Höbsch: Der Anfang eines spirituellen oder mystischen Weges ist das Innehalten, das ruhige Ein- und Ausatmen, das Loslassen. Die Bibel ist ein Buch, das viele Krisensituationen beschreibt, aber auch von der Widerstandskraft, heute sprechen wir von Resilienz, handelt.

Nehmen wir den Propheten Elija als Beispiel. Er war des Lebens müde, legte sich ermattet an Leib und Seele unter einen Strauch. Er wollte und konnte nicht mehr. Was geschah? Ein Engel Gottes kam, brachte ihm Brot und Wasser und ein Wort der Ermutigung: "Iss und trink, dein Weg ist noch weit." (1 Kg 19,5). Elija ließ sich berühren und ermutigen. Das ist eine entscheidende Voraussetzung, sich ansprechen und berühren lassen. Ohne Berührung zuzulassen, bleiben das Herz steinern und die Knochen bleiern.

DOMRADIO.DE: Wie Elija sich auf den Weg machen und dann Gott finden in einem sanften Wind – da klingt die Weihnachtsgeschichte an…

Höbsch: Ja, es ist die Geschichte einer Gotteserfahrung. Elija wanderte nach der Stärkung und Ermutigung zum Berg Horeb. Dort erfährt er Gott – nicht in einer mächtigen Machtdemonstration, nicht im Sturm, im Erdbeben oder im Feuer, sondern in "einem sanften, leisen Säuseln" (1 Kg 19,12). Buber/Rosenzweig übersetzen einfühlsamer "in einer Stimme verschwebenden Schweigens". Mystik und Spiritualität sind die Versuche, Gott in diesem "verschwebenden Schweigen" wahrzunehmen.

Darum geht es an Weihnachten, wenn wir "Stille Nacht, heilige Nacht" singen. Nicht im Lärm der Welt, sondern abseits politischer und religiöser Machtzentren ist im Schweigen der Nacht Gott zur Welt gekommen. Diese Erfahrung enthält auch das alttestamentliche Buch der Weisheit (18,14): "Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war,  da sprang  dein allmächtiges Wort  vom Himmel."

Das Interview führte Stefan Quilitz vom katholischen Bildungswerk Wuppertal, Solingen, Remscheid. Dr. Werner Höbsch hielt zu diesem Thema einen Vortrag in verschiedenen Einrichtungen des Bildungswerks der Erzdiözese Köln e.V..

Dr. Werner Höbsch / © privat
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Quelle:
DR
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