Bärbel Bas steht als neue Parlamentspräsidentin zur Wahl

Als dritte Frau im zweithöchsten Staatsamt?

Vielen war ihr Name bislang nicht bekannt. Nun könnte die SPD-Abgeordnete Bärbel Bas nach einer Karriere über den Zweiten Bildungsweg ins zweithöchste Staatsamt kommen. Dabei könnte ihre ruhig-sachliche Art von Vorteil sein.

Der Plenarsaal im Bundestag / © Michael Kappeler (dpa)
Der Plenarsaal im Bundestag / © Michael Kappeler ( dpa )

Bärbel wer? Fragte sich mancher bei der Nominierung der SPD-Abgeordneten Bärbel Bas zur Bundestagspräsidentin. Selbst der Spiegel zeigte sich "Bas erstaunt". Den Sozialdemokraten steht als größter Fraktion das Vorschlagsrecht zu. In der konstituierenden Sitzung am Dienstag wird sie also möglicherweise die Nachfolge von Wolfgang Schäuble im zweithöchsten Amt des Staates antreten.

Der CDU-Politiker besaß wie die meisten seiner Amtsvorgänger bereits vor der Nominierung einen hohen Bekanntheitsgrad. Das galt auch für die bisher zwei Frauen im Amt der Bundestagspräsidentin: die "Grande Dame" der SPD Annemarie Renger (1974-78), die selbstbewusst von sich sagte: "Ich habe erreicht, was ich wollte. Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann" und die CDU-Politikerin Rita Süssmuth (1988-98).

In Politikkreisen bekannt

Dabei ist Bas in Partei wie Parlament keine Unbekannte, auch wenn sie in ihrer eher ruhigen Art nicht publicitysüchtig ist. Immerhin war sie in der auslaufenden Legislatur stellvertretende Fraktionsvorsitzende für die Bereiche Gesundheit, Bildung und Forschung. Allerdings stand sie als Gesundheitspolitische Sprecherin im Schatten des medienwirksamen Karl Lauterbach, der gleichsam als Corona-Sprecher fast omnipräsent auftrat. Der sachlich-geerdete Ton, mit dem sie bisher im Bundestag auftrat, könnte von Vorteil sein, wenn es im Parlament wieder hitzig wird. Und das verspricht nicht nur das Auftreten mancher AfD-Abgeordneter, sondern auch umstrittene Gesetzesvorhaben der Ampel-Regierung - sofern sich SPD, Grüne und FDP auf eine Koalition einigen.

Deutliche Zustimmung der Wähler

Die 53-Jährige, die im Handbuch des Bundestags keine Angaben zu ihrer Religionszugehörigkeit macht, gehört seit 2009 dem Parlament an. Von 2013 bis 2019 war sie eine der Parlamentarischen Geschäftsführerinnen. So konnte sie sich mit den genauen Abläufen im Parlamentsgeschehen vertraut machen. Bei den jüngsten Wahlen verteidigte sie zum vierten Mal ihr Direktmandat im Wahlkreis Duisburg I mit über 40 Prozent und damit erneut mit einem Ergebnis, das deutlich über dem der Partei lag. Einen Grund dafür sehen Beobachter in ihrer Bürgernähe.

Das politische Handwerk erlernte Bas im Ruhrpott als Kommunalpolitikerin. Von 1994 bis 2002 war sie im Stadtrat. Mit 20 Jahren trat sie in die SPD ein und schloss sich den Jusos an. Der traditionell linken Ausrichtung ist sie treu geblieben. In der Fraktion gehört sie zum Flügel der Parlamentarischen Linken (PL), zuletzt als deren Schatzmeisterin.

Gesundheits- und Sozialpolitikerin

Neben dem "Herzensthema" Gesundheitspolitik, wo sie sich besonders um die Pflege kümmert, gilt ihr Engagement der Renten-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Im Bundestag votierte sie für ein Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe und bei der Organspendereform für die Widerspruchslösung. Sie trat für die Stärkung des Menschenrechts auf Religionsfreiheit ein und gegen die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen. Sie ist sie Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung "Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-infizierte Personen" ihrer Stadt. Und "besonders am Herzen liegt, mir meine Schirmherrschaft für das Malteser Hospiz St. Raphael", so die Abgeordnete.

Bas wurde am 3. Mai 1968 im heutigen Duisburger Stadtteil Walsum geboren. Sie wuchs mit fünf Geschwistern auf. Schon früh ging sie leidenschaftlich der damaligen Männerdomäne Fußball nach, den sie heute als Fan des Stadtvereins MSV weiter von den Rängen verfolgt. Sie gilt als Krimifan und feiert gerne Karneval. Vergangenes Jahr traf sie ein schwerer Schicksalsschlag: Am 22. September verstarb ihr Mann Siegfried Ambrosius der fast vier Jahrzehnte die Geschäfte der SPD in Duisburg geführt hatte.

Hochgearbeitet über den zweiten Bildungsweg

Nach einem Hauptschulabschluss arbeitete sich Bas von der Bürogehilfin und Sachbearbeiterin bei der Duisburger Verkehrsgesellschaft über Aus- und Fortbildungen einschließlich Fachstudium zur Sozialversicherungsangestellten, Krankenkassenbetriebswirtin und Personalmanagerin hoch, bis sie zuletzt Abteilungsleiterin einer Betriebskrankenkasse war. Seit 2015 ist sie im Mitglied im Aufsichtsrat der Hüttenwerke Krupp Mannesmann.

Die Kandidatensuche der SPD gestaltete sich nicht einfach. SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich war selbst im Gespräch. Eine männliche Besetzung aller vier Spitzenämter der Republik hätte sich aber kaum mit den gleichstellungspolitischen Wahlversprechen der Sozialdemokraten vertragen. Dem Stempel der Quotenfrau dürfte aber schon die Vita widersprechen. Im Falle einer Wahl wird Bas auf ihre Weise das Amt neu prägen müssen.

SPD-Fraktionsvize Bärbel Bas 2020 im Bundestag / © Michael Kappeler (dpa)
SPD-Fraktionsvize Bärbel Bas 2020 im Bundestag / © Michael Kappeler ( dpa )
Autor/in:
Christoph Scholz
Quelle:
KNA