Akten als Schlüssel zu den Grauen des Bürgerkriegs

Archiv des Terrors

​Vor 20 Jahren ging der Bürgerkrieg in Guatemala zuende. Noch immer werden Tausende vermisst. Das Polizeiarchiv gibt Hinweise auf die Schicksale von Verschwundenen. Doch nicht alle haben Interesse an der Aufklärung.

Autor/in:
Elisabeth Schomaker
Frauenfotos in einer Mappe des Nationalen Polizeiarchivs (AHPN) in Guatemala-Stadt / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Frauenfotos in einer Mappe des Nationalen Polizeiarchivs (AHPN) in Guatemala-Stadt / © Elisabeth Schomaker ( KNA )

Neonröhren beleuchten die engen Gänge des Nationalen Polizeiarchivs in Guatemala-Stadt. Obwohl draußen heller Tag ist, dringt nur wenig Sonnenlicht durch die vergitterten Fenster. In die muffige Luft mischen sich das Rascheln von Papier und das Surren von Scannern. Vorsichtig trennt eine Mitarbeiterin mit einer langen Pinzette die verklebten Blätter eines Überwachungsprotokolls.

Kittel, Handschuhe und Mundschutz sollen sie vor dem jahrzehntealten Staub schützen. Neben ihr scannt ein Kollege ein bereits gesäubertes Dokument. In den Fluren des einst geheimen Archivs stapeln sich lange Reihen von Pappkartons, teils bis unter die Decke. Der Inhalt: rund 80 Millionen Polizeidokumente aus der Zeit zwischen 1882 und 1996. Verhör- und Überwachungsprotokolle, Lageberichte, Gefängniseinweisungen, Fotos.

Erst versteckt, dann zufällig wiedergefunden

Der Staat Guatemala hat die Existenz des Polizeiarchivs stets bestritten. Seine Akten hätten nie veröffentlicht werden sollen, denn sie dokumentieren auch die Zeit des Bürgerkriegs von 1960 bis 1996, als das Militär auf Befehl der Polizei furchtbare Gräueltaten an der Zivilbevölkerung beging. Mehr als 220.000 Menschen starben, Zehntausende verschwanden spurlos. Die Armee massakrierte ganze Maya-Dörfer, um der Guerilla die Unterstützung zu entziehen.

Um die Beteiligung des Staates zu vertuschen, wurde das Archiv nach 1996 versteckt - bis es 2005 in der Bauruine eines nie fertiggestellten Polizeikrankenhauses mitten in der Hauptstadt zufällig wiedergefunden wurde. "Der Staat hat seine Geschichte wie Müll behandelt", sagt der Menschenrechtler Alberto Fuentes, der zur Direktion des Archivs gehört. "Die Papiere verrotteten auf dem feuchten Boden. Ratten hatten darin ihre Nester gebaut, und aus stinkenden Bergen von Archivalien wuchsen Pflanzen." Doch für ihn, für die Opfer und ihre Angehörige war der Fund von unschätzbarem Wert.

Viele unbekannte Tote

Fuentes und seine Mitarbeiter stehen vor einer Sisyphos-Aufgabe: Sie wollen Ordnung in das Chaos der Millionen ungeordneten Akten bringen. Denn obwohl seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen Staat und Guerilla mittlerweile 20 Jahre vergangen sind, gelten noch immer 45.000 Menschen als vermisst. Viele wurden ermordet und als "XX", als "unbekannt", begraben. Fuentes und seine knapp 100 Mitarbeiter bemühen sich darum, aus den Akten zumindest ein paar der unbekannten Toten ihre Namen zurückzugeben und ihre Familien von der Ungewissheit zu befreien.

Zunehmend nutzen auch Anwälte die Dokumente als Beweismittel vor Gericht. Denn obwohl sich darin keine Schießbefehle oder Todesdrohungen befinden, lassen sich einige Verbrechen anhand der Bestände nachvollziehen. Die Akten geben Aufschluss über Tathergang und Verbleib der Opfer; sie liefern Hinweise auf Befehlsketten und Verantwortlichkeiten und dienten bereits vereinzelt als Grundlage für Verurteilungen. Vor dem Fund des Polizeiarchivs konnte sich die Wahrheitsfindung allein auf Zeugenaussagen und die Ergebnisse von Exhumierungen stützen.

Staat will Gräueltaten nicht aufdecken

Doch längst nicht alle haben Interesse an einer Aufarbeitung des Bürgerkriegs. Vom Staat bekomme das Archiv "keinen Centavo", sagt Fuentes. "Wenn die Polizeichefs geahnt hätten, dass die Archivalien gegen sie verwandt würden, hätten sie sie vernichtet", ist er sicher.

Der Staat habe kein Interesse daran, die Gräueltaten aufzudecken - denn noch immer bekleiden ehemalige Militärs hohe Staatsämter. Seit klar ist, was für bedeutende Unterlagen in der Bauruine schlummern, wird das Gebäude überwacht. Mitarbeiter werden bedroht und eingeschüchtert. Einmal flog ein Molotow-Cocktail über den Zaun.

"Ohne Aufarbeitung keinen richtigen Frieden"

Finanziert wird das Archiv ausschließlich aus dem Ausland. Vor allem die Schweiz und Schweden zahlen technische Ausrüstung und Gehälter. Studierte Archivare gibt es nicht. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Weil Regale fehlen, werden die Pappkartons einfach übereinandergestapelt. Das Gewicht der oberen Kartons quetscht die unteren Reihen. Die unteren liegen fast ungeschützt auf dem feuchten Boden. Luftentfeuchter sollen für etwas mehr Trockenheit sorgen - doch eigentlich ist das gesamte Gebäude ungeeignet.

Ohne Aufarbeitung könne es keinen richtigen Frieden geben, sagt Fuentes. Bevor die Menschen verzeihen könnten, müssten sie schließlich wissen, wem sie was verzeihen sollen. Sein Traum: Das Archiv soll ein Instrument für Gerechtigkeit werden.


Quelle:
KNA