Agrarökonom von Braun über Spekulationen auf Lebensmittel

Vom Mangel profitieren

Lebensmittelspekulationen haben entgegen mancher Berichte keinen wesentlichen Einfluss auf die Hungerkrise in Ostafrika, sagt der Bonner Entwicklungsforscher Joachim von Braun. Im Interview erläutert der Agrarökonom, warum das Geschäft mit der Nahrung trotzdem eine Gefahr ist.

 (DR)

KNA: Herr von Braun, welche Rolle spielen Finanzspekulationen auf Lebensmittel für die gegenwärtige Hungerkrise in Ostafrika?

von Braun: Eine sehr geringe Rolle. Der Markteffekt der Hungerkatastrophe in Ostafrika ist klein. Die dramatischen Preissteigerungen dort, insbesondere der mehr als verdoppelte Maispreis, sind das Resultat der lokalen Knappheit durch die langanhaltende Dürre und die zu geringe landwirtschaftliche Produktion. Lokale Spekulation und das Horten von Lebensmitteln existiert dort gelegentlich auch, ist aber kein Thema für die Finanzmärkte. In den Gebieten der akuten ostafrikanischen Hungersnot mangelt es an Kaufkraft bei den Armen und deshalb ist Hilfe notwendig. Der Markt bietet in akuten Hungersnöten meist keine Lösung.



KNA: Wie genau funktioniert Lebensmittelspekulation?

von Braun: Finanzinvestoren wetten auf Preisänderungen. Der Händler mit Lagerbeständen hält sich bei steigenden Preiserwartungen mit Verkäufen zurück. Spekulation verstärkt die Preiserhöhungen in Zeiten drohender Knappheit, treibt also die Preise dann besonders stark nach oben, wenn es schon einen Mangel gibt. Die Warenterminbörsen in Chicago, London, Paris und an anderen Standorten ermöglichen nicht nur die Finanzanlage in Agrarprodukte zur Absicherung von Termingeschäften sondern auch das Finanzgeschäft mit steigenden Preisen. Besonders betroffen sind Weizen und Mais, Baumwolle, Zucker und Kakao.



Privatleute oder etwa Versicherungen können sich über Fonds daran beteiligen. Allerdings gibt es bei spekulativen Anlagen Gewinner und Verlierer, es ist also kein sicheres Geschäft. Gewinner ist tendenziell, wer gut informiert ist. Das spekulative Agieren dient auch der Signalisierung von Knappheit.



KNA: Welche Länder und Regionen sind von Spekulationen besonders betroffen? Nur Entwicklungsländer?

von Braun: Die Preisbildung findet global statt. Allerdings waren in der Preiskrise von 2008 die Entwicklungsländer mit hohem Importbedarf besonders betroffen. Die Schwankung der Preise nach oben geht natürlich zulasten der Armen.



KNA: Inwiefern ist das heutige Weltfinanzsystem schuld am Phänomen Lebensmittelspekulation?

von Braun: Spekulation mit Getreide ist uralt, aber die Verquickung mit den Finanzmärkten in diesem Ausmaß ist tatsächlich neu. Hinzu kommt inzwischen die Verknüpfung mit den Energiemärkten über die Bioenergieproduktion, die in der Landwirtschaft immer mehr Raum einnimmt. Getreide und andere Lebensmittel sind eine Form der Geldanlage geworden, die mit Gold, Aktien etc. konkurriert. Diese Entwicklung lässt sich nicht grundsätzlich zurückschrauben.



KNA: Welche Maßnahmen könnten die armutfördernden Auswirkungen der Spekulationen denn abmildern?

von Braun: Erst einmal brauchen wir verbesserte Informationen über die Märkte, auf denen sich die Lebensmittelspekulation abspielt, und mehr Klarheit über die Finanzmarktakteure, die sich daran beteiligen. Eine generelle Verteuerung der Spekulation würde deren Wirkung dämpfen, zum Beispiel indem die Händler bei ihren Geschäften mehr Kapital hinterlegen müssten. Dabei darf der Handel mit Nahrungsmitteln nicht durch Exportbehinderungen beschränkt werden.

All dies sind durchaus marktwirtschaftliche Regelungen. Die G20 diskutieren solche Maßnahmen, haben sich aber noch nicht zu einem wirksamen Paket durchgerungen.



KNA: Noch einmal der Blick auf Ostafrika - was ist aus Sicht des Agrarexperten das Problem der Landwirtschaft am Horn von Afrika? Dass sie zu sehr auf der Weidewirtschaft gründet?

von Braun: Die zuweilen durch Dürre betroffenen ostafrikanischen Gebiete sind für die Weidewirtschaft eigentlich durchaus geeignet. Allerdings sind sie tendenziell übernutzt, das heißt der Viehbestand ist oft zu hoch. Das ist auch deshalb der Fall, weil die Weidegründe durch Ackerbau zunehmend eingeschränkt wurden und daran sind auch Regierungen beteiligt. Die Landnutzungsrechte der Nomaden werden oft vernachlässigt. An den marginalen Standorten, auf die der Nomadismus inzwischen zurückgedrängt ist, werden die Lebensbedingungen immer schwieriger.



Der weltweite kommerzielle Druck auf das knappe Ackerland und die Anlagen von nationalen und internationalen Landinvestoren verstärken diesen Trend seit der Preiskrise von 2008. An diesen komplexen Standorten ist ländliche Entwicklung mit Rechtssicherheit, Landwirtschaft, Bildung und Infrastruktur notwendig, nicht allein Entwicklung der Viehwirtschaft.



Interview: Christoph Schmidt