Adveniat stellt Jahresbilanz vor

Angst vor dem "Armuts-Tsunami"

Anlässlich der Jahresbilanzpressekonferenz befürchtet das Hilfswerk Adveniat unter anderem einen "Armuts-Tsunami" in Lateinamerika aufgrund der Corona-Pandemie. Der Kontinent sei zurück auf der Weltkarte des Hungers.

Armut ist in Lateinamerika allgegenwärtig (dpa)
Armut ist in Lateinamerika allgegenwärtig / ( dpa )

Das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat sieht als Folge der Corona-Pandemie einen "Armuts-Tsunami" auf dem Kontinent. Die Menschen suchten zu Tausenden im Müll nach Lebensmittelresten, sagte Hauptgeschäftsführer Pater Martin Maier am Montag bei der Vorstellung der Jahresbilanz des Hilfswerks in Essen. Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck sagte: "Lateinamerika ist zurück auf der Weltkarte des Hungers."

Er verwies auf extreme Preisanstiege unter anderem bei Lebensmitteln, auch infolge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Auch das Leiden und der Hunger in Lateinamerika seien eine "humanitäre Katastrophe"; sie dürften selbst angesichts des "größten Unrechts" in der Ukraine nicht vergessen werden.

Strukturelle Projektarbeit in Lateinamerika durch Pandemie erschwert

Durch die Pandemie ist laut Adveniat die strukturelle Projektarbeit in Lateinamerika extrem erschwert worden. Deshalb und auch angesichts der grassierenden extremen Not habe man sich im abgelaufenen Jahr verstärkt in der Nothilfe engagiert. So habe das Hilfswerk in 580 Projekten allein zehn Millionen Euro für Lebensmittel- und Medikamentenhilfe ausgegeben. Dies bedeute allerdings keine Änderung der grundsätzlichen strukturellen Ausrichtung, so Geschäftsführerin Tanja Himer. Dienstreisen und persönliche Kontakte vor Ort sollten möglichst bald wieder aufgenommen werden.

Das Hilfswerk selbst hat durch die Pandemie-Beschränkungen einen Einnahmenrückgang von rund zehn Prozent für das abgelaufene Geschäftsjahr (von Oktober 2020 bis September 2021) zu beklagen. Die Weihnachtskollekte, die traditionell am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen in Deutschland gesammelt wird, erbrachte knapp 12 Millionen Euro und damit nur etwa die Hälfte der Vor-Corona-Zeit, wie aus dem Zahlenwerk hervorgeht.

Einzelspenden gestiegen

Allerdings stiegen die Einzelspenden von zuletzt rund 12 Millionen auf einen Höchststand von 19,6 Millionen Euro. Insgesamt sanken die Erträge von zuletzt 48,6 Millionen Euro auf 43,6 Millionen Euro. Neben Weihnachtskollekte und Einzelspenden setzen sie sich unter anderem aus weiteren Spenden, Aktions-Geldern, Nachlässen, Zuwendungen und Zinserträgen zusammen. Laut der Jahresbilanz förderte Adveniat im vergangenen Geschäftsjahr 1.500 Projekte mit insgesamt 29,3 Millionen Euro.

Hauptgeschäftsführer Pater Maier forderte: "Die Antwort auf die weltweiten Notstände muss weltweite Solidarität sein." Er verlangte von der internationalen Politik unter anderem gerechten Zugang zu Impfstoffen sowie mehr Einsatz für die Rechte der indigenen Bevölkerungen. Infolge von Naturkatastrophen, Armut, Menschenrechtsverletzungen und Chancenlosigkeit hätten sich aus mehreren Ländern Lateinamerikas und der Karibik Flüchtlings-Trecks auf den Weg gemacht, so Maier. "Adveniat steht an ihrer Seite" und kümmere sich etwa um Migrantenseelsorge, Versorgung und Rechtsbeistand.

Ergebnisse zu Missbrauchsuntersuchung noch dieses Jahr

Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung zu einer möglichen Verschickung von deutschen Sexualstraftätern nach Lateinamerika sollen nach Angaben von Adveniat noch in diesem Jahr vorliegen. Der entsprechende Aktenbestand über sogenannte "Fidei-Donum"-Priester werde von einer beauftragten Rechtsanwältin untersucht, sagte Pressesprecher Stephan Neumann in Essen. Danach würden jene Bistümer informiert, in denen betreffende Priester ansässig (inkardiniert) sind.

Auf die Nachfrage, ob Adveniat als mögliches "Instrument" der Vorgänge damit nicht die Verantwortung auf die Bistümer abschiebe, antwortete Hauptgeschäftsführer Pater Martin Maier, das Hilfswerk könne nicht selbst aufklären; dies müsse unabhängig erfolgen. Dafür habe man die Anwältin Antje Niewisch-Lennartz eingeschaltet. Die Aufklärung der Vorgänge aus der Vergangenheit sei aber "absolut diskussionslos".

Die unabhängige Untersuchung war von der Deutschen Bischofskonferenz im Dezember in Absprache mit Adveniat in Auftrag gegeben worden. Dabei sollen Akten der vom früheren Adveniat-Geschäftsführer Bischof Emil Stehle (1926-2017) geleiteten Stelle "Fidei Donum" (lat. "Geschenk des Glaubens") nach Hinweisen auf mögliches Fehlverhalten durchsucht werden.

Bekanntgabe der Vorwürfe gegen Stehle

2021 waren Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens gegen Stehle bekanntgeworden. Seither gibt es Hinweise von mindestens fünf Personen, "die auf eine Täterschaft Stehles in Fällen sexuellen Missbrauchs hindeuten", wie ein Adveniat-Sprecher der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) im Februar sagte. Unklar ist, ob es um Missbrauch Minderjähriger oder um sexuelles Fehlverhalten gegenüber Erwachsenen geht.

Zudem geht es darum, ob Stehle andere Priester durch einen Auslandseinsatz vor Strafverfolgung wegen Missbrauchs schützte. Unter die Lupe genommen wird daher auch der von 1972 bis 1984 von Stehle koordinierte Missionseinsatz deutscher Geistlicher, vorwiegend in Lateinamerika und der Karibik.

"Absolute Null-Toleranz gegen sexualisierte Gewalt"

Pater Maier betonte erneut, Adveniat verfolge eine "absolute Null-Toleranz gegen sexualisierte Gewalt". Jeder Fall werde öffentlich gemacht. Neben der Aufklärung der Vorgänge in der Vergangenheit fordere das Hilfswerk inzwischen konsequent von Partnern ein Präventionskonzept ein, so Maier. Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck betonte, bei entsprechenden Vorwürfen gegenüber Projektpartnern würden umgehend die Fördermittel eingefroren; dies sei auch eine Verpflichtung gegenüber den Spendern.

Anlass der Äußerungen war die Jahresbilanzpressekonferenz des Hilfswerks. Zu diesem Anlass dankte Overbeck dem kürzlich verstorbenen Essener Weihbischof und langjährigen Adveniat-Bischof Franz Grave (1932-2022) für seinen unermüdlichen Einsatz für Lateinamerika und für Adveniat. Grave war von 1991/92 bis 2008 Vorsitzender der Adveniat-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Botschaft des Synodalen Weges besser vermitteln

Adveniat will die Botschaften des Synodalen Weges in Deutschland besser nach Lateinamerika übermitteln. Dort und anderswo werde vielfach "einseitig und falsch" über die Reformdebatte in der deutschen Kirche informiert, sagte Hauptgeschäftsführer Pater Martin Maier am Montag in Essen. Er erwäge derzeit, einen Kirchenvertreter aus Lateinamerika für die beiden letzten Versammlungen des Synodalen Weges einzuladen. Sondierungen dafür seien im Gang. Es gelte auch hier, Missverständnisse über den Weg der Kirche auszuräumen und Brücken der Verständigung zu bauen.

Adveniat ist das Hilfswerk der deutschen Katholiken für die Kirche Lateinamerikas. Der Name leitet sich ab von der lateinischen Vaterunser-Bitte "Adveniat regnum tuum" ("Dein Reich komme"). Das in Essen ansässige Hilfswerk wurde 1961 von der Deutschen Bischofskonferenz ins Leben gerufen. Seitdem unterstützt Adveniat die Kirche in Lateinamerika und der Karibik bei ihrem Einsatz für die arme Bevölkerung. Seit der Gründung erhielt die Bischöfliche Aktion Adveniat, so der offizielle Titel, rund 2,5 Milliarden Euro an Spenden. Jährlich fördert sie rund 2.000 Projekte mit zuletzt etwa 35 Millionen Euro, coronabedingt zuletzt rund 1.500 Projekte mit 29,3 Millionen Euro. Die kommende bundesweite Weihnachtsaktion steht unter dem Motto "Gesundsein fördern".

Adveniat

Das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, Adveniat, steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen. Dazu arbeitet Adveniat entschieden in Kirche und Gesellschaft in Deutschland. Getragen wird das Werk von hunderttausenden Spenderinnen und Spendern – vor allem auch in der alljährlichen Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember. Adveniat finanziert sich zu 95 Prozent aus Spenden.

Eröffnung der Adveniat-Aktion 2016 / © Rolf Vennenbernd (dpa)

Quelle:
KNA