Abtprimas Notker Wolf über seine Begegnungen mit Chinas Christen

Im Schatten des großen Drachen

Ein riesiges Volk, eine boomende Wirtschaft und jetzt die Olympischen Spiele in Peking - der Blick richtet sich in diesen Tagen auf China, wo sich die Welt zum sportlichen Wettkampf trifft. Die Situation in China wird die Welt auch dann noch beschäftigen, wenn die Sportler wieder nach Hause gereist sind. In diesen Kontext passt ein neu erschienenes Buch mit dem Titel "Im Schatten des großen Drachen". Abtprimas Notker Wolf und die Journalistin Corinna Mühlstedt schildern darin ihre Begegnungen mit Christen in China.

 (DR)

Noch als Erzabt der Missionsbenediktiner im oberbayerischen Sankt Ottilien kam Notker Wolf erstmals 1985 mit einem Mitbruder aus Südkorea nach Peking. Die beiden Ordensleute hatten sich ihr Visum über ein Reisebüro in Hongkong verschafft. Als Berufsbezeichnung gab Wolf wahrheitsgetreu «Archabbot» an, wissend, dass sich in China darunter niemand etwas vorstellen könne. Falls der Geheimdienst auf die Männer aufmerksam geworden wäre, hätte er immerhin nichts verschwiegen gehabt. Ziel der Mission war es, nach jenen Katholiken zu suchen, die von Benediktinerklöstern bis zur Kulturrevolution
(1966 bis 1976) seelsorglich betreut worden waren. Der abgerissene Faden sollte gefunden werden, um neu anzuknüpfen.

Auf abenteuerlichen Wegen gelang es ihnen, in der im Nordosten gelegenen Provinzstadt Jilin die Kathedrale zu besichtigen. Dort trafen sie einen Priester und ein Häuflein von Diözesanschwestern an. Diese trugen keine Ordenstrachten, sondern Jacken und Hosen wie in einem Gefangenenlager, erinnert sich Wolf. Trotz aller Misshandlungen hatten sie durchgehalten und hausten auf engstem Raum. Davon ist inzwischen nichts mehr zu sehen. Als Mühlstedt 2005 mit einer Delegation von Benediktinern samt Wolf, jetzt Abtprimas, dorthin kommt, haben die Schwestern längst mit Hilfe von außen neuerrichtete Räume bezogen. Heute gibt es in der Diözese Jilin mit
12 Millionen Einwohnern rund 120.000 Katholiken.

In ganz China leben schätzungsweise bis zu 60 Millionen Christen, darunter an die 14 Millionen Katholiken. Es sind hoffnungsvolle Geschichten, die die Autoren von katholischen und evangelischen Gemeinden in China berichten. Doch sie betonen: «Unserer Begriffe von den Menschenrechten sind dort alles andere als verwirklicht.» Dabei gibt es offiziell Religionsfreiheit. Die Partei gewährt sie, solange ihre Macht nicht infrage gestellt wird; denn die Sorge ist groß, dass religiöse Gemeinschaften zum Ausgangspunkt unliebsamer politischer Aktivitäten werden könnten.

Wenn der Abtprimas ins Land der Mitte reist, ist es verpflichtend, sich beim Religionsbüro anzumelden. Chinesische Beamte waren daher dabei, als er eine Lourdes-Grotte nahe Jilin aufsuchte, wo man mit einem Becher aus der Quelle Wasser schöpfen und trinken kann. Wolf erklärte seinen Begleitern, dieses Wasser habe im christlichen Volksglauben heilsame Wirkung. Einige Zeit später konnte er beobachten, wie die Kommunisten zurückkamen und davon tranken.
«Selbst das härteste Regime kann dem Menschen ihre tiefste innerste Sehnsucht nicht austreiben», lautet sein Kommentar.

Mit seiner Überzeugungs- und Tatkraft - durch benediktinische Hilfe entstanden auch viele soziale Einrichtungen - hat Wolf sogar chinesische Delegationen zu Gast in Sankt Ottilien gehabt. Ihm gehe es darum, Vertrauen aufzubauen, betont der Abtprimas. Dieses sollte man auch in Chinas Christen setzen. Sie seien in einem System, das die Würde des Menschen immer wieder mit Füßen trete, so etwas wie Boten, die ethische Werte in die Gesellschaft trügen. «Sie setzen darauf, dass selbst Regime, die brutalste Grausamkeiten rechtfertigten, lernfähig sind.»

Das Buch «Im Schatten des großen Drachen. Begegnung mit Chinas Christen» ist im Kreuz-Verlag Stuttgart erschienen und kostet 16,90 Euro.