Vor 75 Jahren erschien die erste Ausgabe des "Spiegel"

Abgründe und andere Affären

Viel Feind, viel Ehr. Willy Brandt nannte den "Spiegel" ein "Scheißblatt". Für Franz Josef Strauß war das Magazin "Ausdruck der Zerrissenheit und des Nihilismus der deutschen Seele". Blättern wir noch einmal zurück.

Spiegel-Titel "Nein zur Pille" aus dem Jahr 1968  / © Michael Merten (KNA)
Spiegel-Titel "Nein zur Pille" aus dem Jahr 1968 / © Michael Merten ( KNA )

Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß schäumte, Bundeskanzler Konrad Adenauer witterte einen "Abgrund von Landesverrat". Die "Spiegel"-Titelgeschichte "Bedingt abwehrbereit" über das Nato-Manöver "Fallex 62" und die dabei deutlich gewordenen Schwächen der jungen Bundeswehr schlug im Herbst 1961 hohe Wellen. Herausgeber Rudolf Augstein und weitere Mitarbeiter des Magazins wurden verhaftet. Doch das Armdrücken mit dem Staat ging letzten Endes zugunsten der Journalisten aus und beschleunigte das Ende der Ära Adenauer.

Für den "Spiegel" sei die Affäre das "größte Glück seiner Geschichte" gewesen, urteilte der Historiker Norbert Frei. Augstein-Biograph Ulrich Greiwe nannte Strauß gar "ein Geschenk Gottes". Das Magazin wurde zum Inbegriff der Pressefreiheit und der vierten Gewalt im Staat - und zehrt bis auf den heutigen Tag von diesem Nimbus. Vor 75 Jahren, am 4. Januar 1947, erschien die erste "Spiegel"-Ausgabe mit einer Startauflage von 15.000 Exemplaren, damals noch in Hannover.

Glück in den ersten Jahren 

Die 22 Seiten widmeten sich unter anderem der Diskussion um den Abtreibungsparagraphen 218 sowie der Situation auf dem Schwarzmarkt. Die Macher schreckten schon in der Frühzeit nicht davor zurück, heiße Eisen anzufassen. Mit dem "Spürsinn eines Morddezernats" (O-Ton Augstein) ging die "Spiegel"-Crew den Dingen auf den Grund. 1950 machte sie Gerüchte öffentlich, wonach Bonn im Jahr zuvor nur durch Bestechung Hauptstadt der Bundesrepublik geworden sei. Insgesamt 37 Mal tagte ein Untersuchungsausschuss im Bundestag. Die Sache verlief im Sande, bescherte dem "Spiegel" aber eine gehörige Portion Gratis-Publicity.

Augstein bewies ein nahezu traumwandlerisches Gespür für Themen. Bei der Auswahl der Mitarbeiter lagen in den frühen Jahren allerdings Licht und Schatten beieinander. Neben Autoren vom Schlage eines Ralph Giordano oder Ernst von Khuon konnten auch mehrere ehemalige SS-Männer in der Redaktion anlanden. Dagegen segelten engagierte Journalistinnen wie Eva Windmöller lange nur im Windschatten.

Vom Aufdecken dunkler Machenschaften und ikonischen Titeln

Unlautere Machenschaften von Politikern aufzudecken, wurde zum Markenkern des Magazins, egal ob bei der Parteispendenaffäre um den Flick-Konzern (1981-1987) oder den Spähaktionen des amerikanischen Geheimdienstes NSA (2015). Dazwischen - gern auch zu christlichen Feiertagen - gab es immer wieder einmal große Storys zu Religion und Jesus. Kein Wunder, hatte doch der aus der Kirche ausgetretene Katholik Augstein dem "Menschensohn" 1972 einen Bestseller gewidmet.

Beinahe kultische Verehrung genießen manche Titelbilder. Eine best of-Sammlung tourte zwischen 2004 und 2006 durch Museen von Berlin bis New York. Grüßte auf der ersten "Spiegel"-Ausgabe noch der heute weitgehend vergessene österreichische Diplomat Ludwig Kleinwächter "mit dem Hut in der Hand", beeindruckte die Nummer 45 aus dem Jahr 2000 mit einer Neuversion des Emanuel Leutze-Gemäldes "Washington überquert den Delaware" - mit dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton als Blickfang. Darüber die auch 20 Jahre danach schwer zu beantwortende Frage: "Wohin steuert Amerika?"

Zunehmend raue See für den Spiegel

Der "Spiegel" selbst versucht, in einer zunehmend rauen See Kurs zu halten, zuletzt mit einer schneller wechselnden Abfolge von Kapitänen. Seit 1988 gibt es das Beiboot Spiegel TV, seit 1994 eine eigene Website. Inzwischen sind Print und online mehr oder weniger miteinander verschmolzen. In schweres Fahrwasser geriet der "Spiegel" vor rund drei Jahren, als herauskam, dass der hochgelobte Reporter Claas Relotius eher selten die Parole von Gründervater Augstein beherzigt hatte: "Sagen, was ist."

Relotius wurde wegen Fälschungen unter anderem der Katholische Medienpreis aberkannt, den er 2017 für seine Reportage "Königskinder" erhalten hatte. Bei der Verleihung wollte die ehemalige "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel den Text noch zur "Pflichtlektüre für alle Politiker" erhoben wissen. Stattdessen braute sich nun ein Sturm der Entrüstung über dem "Spiegel" und seinem Erzählstil zusammen.

An der Ericusspitze in Hamburg werden sie wohl trotzdem auf die vergangenen 75 Jahre anstoßen. Die Jubiläums-Ausgabe am 8. Januar will überdies die Zukunft des Journalismus ins Visier nehmen.

Von Joachim Heinz

Quelle:
KNA