2010 gaben in Deutschland hochrangige Kirchenleute ihr Amt auf

Das Jahr der Rücktritte

Nicht nur politische Amtsträger wie Bundespräsident Horst Köhler, Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust oder Hessens Ministerpräsident Roland Koch sorgten mit ihren Rücktritten im Jahr 2010 in Deutschland für Wirbel in den Medien. Auch vier hochrangige Kirchenleute - drei Bischöfe aus beiden großen Kirchen - gaben aus höchst unterschiedlichen Gründen ihr Amt auf.

Autor/in:
Stephan Cezanne
 (DR)

Den Anfang machte Ende Februar die hannoversche Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann. Die heute 52-Jährige trat von allen kirchlichen Leitungsämtern zurück und zog damit die Konsequenz aus einer Fahrt unter Alkoholeinfluss. Mit ihrem raschen Rücktritt erwarb sie sich bundesweit viel Respekt. Nach einem längeren USA-Aufenthalt wird sie von Januar an als Gastprofessorin an der Ruhr-Universität in Bochum lehren.



Käßmann war erst im Oktober 2009 als erste Frau an die Spitze der EKD gewählt worden. Ihr Amtsantritt war mit großen Hoffnungen verbunden, denn die populäre und streitbare Protestantin gilt als fromm, engagiert und nah bei den Menschen.



Bischof Mixa und die tiefen Gräben in der Kirchenlandschaft

Während der Rücktritt Käßmanns allgemein auf Bedauern stieß, riss der Fall des früheren katholischen Augsburger Bischofs Walter Mixa tiefe Gräben in die Kirchenlandschaft. Im April richtete der 69-Jährige ein Rücktrittsgesuch an Papst Benedikt XVI. Vorausgegangen waren unter anderem Vorwürfe, Mixa habe vor Jahren als Stadtpfarrer im bayerischen Schrobenhausen Heimkinder geprügelt. Zudem gab es Berichte über finanzielle Unregelmäßigkeiten aus dieser Zeit. Dennoch findet der Ex-Oberhirte bis heute Rückhalt bei konservativen Katholiken. Einige sprechen von einer "öffentlichen Hinrichtung".



Der Papst nahm den Rücktritt Anfang Mai an. In einem Brief bat Mixa um Verzeihung: "Ich habe sicher auch viele Fehler gemacht, obwohl ich niemanden in irgendeiner Weise verletzen oder beschädigen wollte." Vorermittlungen gegen Mixa wegen sexuellen Missbrauchs wurden allerdings eingestellt. Im Rahmen des Missbrauchsskandals, der die katholische Kirche 2010 erschüttert hat, waren in Irland und Belgien mehrere Bischöfe zurückgetreten.



Ein ganz anderer Fall: Obwohl sie sich nichts vorzuwerfen hatte, verkündete die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen (65) Mitte Juli ihren Rückzug aus dem Amt. Die weltweit erste lutherische Bischöfin war wegen ihres Umgangs mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen Pastor in die Kritik geraten. Der Vorwurf der Untätigkeit der Bischöfin erwies sich als nicht haltbar. Zu ihrem Rücktritt sagte Jepsen, durch die Vorwürfe in den Medien sei ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen worden: "Von daher sehe ich mich nicht mehr in der Lage, die frohe Botschaft so weiterzusagen."



Fast überall stehen Nachfolger fest

In der nordelbischen evangelischen Kirche von Schleswig-Holstein und Hamburg rechnete man erst 2012 mit ihrem Rückzug in den Ruhestand. Dann wäre Jepsens zweite zehnjährige Amtszeit abgelaufen. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider - der Käßmann an der Spitze der evangelischen Kirche folgte - erinnerte zu Jepsens Abschied an den langen Weg, den Frauen bis zur Übernahme kirchlicher Leitungsämter gehen mussten. Die "große Strahlkraft", die von Bischöfin Jepsen ausgegangen sei, habe noch einmal klar bewiesen, wie wichtig Frauen im Bischofsamt seien.



Der Präsident des Diakonischen Werkes der evangelischen Kirche, Klaus-Dieter Kottnik (58), legte zum 30. September aus gesundheitlichen Gründen sein Amt nieder. Der Theologe leitete seit 2007 den Bundesverband, der einer der größten Arbeitgeber in Deutschland ist. Im August war bekanntgeworden, dass sein persönlicher Referent fast ein Jahr lang eingetragener Geschäftspartner einer Unternehmensberatung war, die in Kottniks Amtszeit von der Diakonie Aufträge in sechsstelliger Höhe erhalten hatte.



Fast überall stehen inzwischen Nachfolger fest: Auf Käßmann folgt 2011 Ralf Meister (48) als Bischof der hannoverschen Landeskirche, Ende Oktober wurde Konrad Zdarsa (66) als neuer katholischer Bischof von Augsburg eingeführt. An der Spitze des Diakonischen Werks steht künftig statt Kottnik der Theologe Johannes Stockmeier (62) aus Baden.



In der Diakonie gibt es allerdings zum Jahreswechsel noch einen Rückzug: Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese kehrt dem evangelischen Wohlfahrtsverband unabhängig von der Berateraffäre den Rücken. Sie will sich wieder voll der Politik widmen.