10.08.2018

Keine Entscheidung ohne Verantwortung
Erbarmen auch für Schwarzmaler

DOMRADIO.DE Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen hört bei schweren Entscheidungen auf sein Gefühl.

Haben Sie das Foto auch in Ihrer Zeitung gesehen? Ein Grup­penfoto aus einer katholischen Kita, quasi als nette Erinne­rung für das Leben. Der in diesem Fall tiefschwarze Haken bei der Sache: Bis auf ein Gesicht waren alle anderen Kinderge­sichter geschwärzt - unkenntlich gemacht. Eltern und Kinder rieben sich verwundert die Augen. Ein Erinnerungsbuch für das spätere Leben - aber nur das eigene Kind ist zu erken­nen? Die Verantwortlichen wollten den Anforderungen der neuen Datenschutzverordnung Genüge tun. Es lag zwar eine alte Fotogenehmigung aller Eltern vor, aber ob damit alle Er­fordernisse des neuen Datenschutzes berücksichtigt waren? Also ging man, das ist selbst in höchsten katholischen Krei­sen oft angesagt, auf Nummer sicher. Auch wenn der eigene gesunde Menschenverstand hier natürlich zuerst ausgeschal­tet werden musste. Recht ist Recht und muss Recht blieben - wo kommen wir denn sonst hin?

Wir sind immer schon in Teufels Küche, wenn wir nicht sel­ber bereit sind, für unser Tun und Handeln Verantwortung zu übernehmen. Alles auf irgendwelche Vorschriften oder Ande­re - meistens „auf die da oben“ abwälzen mag formal richtig, gut bürgerlich und juristisch hundertprozentig korrekt sein - und ist doch gleichzeitig so falsch wie es nur sein kann. Denn selbst wenn wir formal auf der richtigen Seite sind, können wir in die Irre laufen! Doch wer hilft mir bei Entscheidungen - zumal wenn nachher garantiert immer irgendein Besserwis­ser um die Ecke kommt und mir meine falsche Entscheidung um die Ohren haut? Mir hilft mein Gewissen und ich hoffe, bisweilen auch das nötige Bauchgefühl. Möglichst oft hof­fentlich auch der gesunde Menschenverstand. „Lebe wild und gefährlich!“, stand mal auf meinem jugendlichen Merkzettel. Ich habe es leider nie geschafft wild und gefährlich zu leben - sonst wäre ich nicht bei Mutter Kirche gelandet. Aber we­nigsten hin und wieder ist es mir ganz egal ob das jetzt formal falsch ist. Mein ganzes Leben lässt sich nicht nur nach den Buchstaben des bürgerlichen oder kirchlichen Rechts leben. Sogar der liebe Gott schreibt bekanntlich auf den krummen Zeilen gerade. Im Zweifelsfall nenne ich das dann immer den „vorrauseilenden Gehorsam“.

Gerade in der Kirche, in der oft alle Wege erst über Rom füh­ren, ist dieser vorrauseilende Gehorsam mir zu einem guten Begleiter geworden. Meine Entscheidungen aber sind niemals willkürlich - sondern sorgfältige abgewogen und haben vor meine Gewissen bestand. Wie mein letzter Richter das am Ende beurteilen wird, weiß ich natürlich auch nicht. Aber ich vertraue in tiefster Gewissheit auf einen barmherzigen Gott, der wenn es nötig ist, auch mal beide Augen zukneifen kann. Einen Gott, der mir sein wahres hoffentlich ungeschwärztes Gesicht zeigt und dann gütig lächelt. Über all unsere gutge­meinten Gebote und Gesetze einfach hinweglächelt. Lächelt, über alle 100 prozentigen Gesetzestreuen, die wahrhaft Ge­rechten und besorgten Schwarzmaler. Aber hoffentlich auch über diejenigen, die Fehler machen - die mal Fünf gerade sein lassen und besonders auch über all meine vielen gutgemein­ten Fehler.

 

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