Domkapitular Thomas Weitz stellte in seiner Predigt am Mittwoch der vierten Woche im Jahreskreis die Lesung aus dem zweiten Buch Samuel in den Mittelpunkt. Die Erzählung, in der König David nach einer Volkszählung zwischen drei Strafmöglichkeiten wählen muss und sich für die Pest entscheidet, erscheine zunächst unverständlich. Erst mit näherem Blick werde die Aussage deutlich: David vertraut auf seine eigene Macht und verliert dabei die Abhängigkeit von Gott aus dem Blick. Die Volkszählung sei Ausdruck dieser Selbstüberschätzung – ein Zeichen für seine Entfremdung vom göttlichen Vertrauen.
Erst nach der Tat werde David von seinem Gewissen getroffen. Mit seiner Aussage, lieber in Gottes Hand als in die der Menschen zu fallen, beginne eine Umkehr. Der heilige Rabanus Maurus deute diese Geschichte als Beispiel für den "Nebel der Überheblichkeit", der die Augen der Mächtigen trübe und sie an klarem Urteil hindere. In dieser Interpretation wird Davids Verhalten zu einem warnenden Bild für geistliche Blindheit durch Selbstüberschätzung.
"Mit dem Herzen zu lesen"
Weitz verwies auf die hermeneutische Haltung des Rabanus Maurus, der die Bibel als bewusst mit dunklen Stellen versehen verstand. Angelehnt an Augustinus sah Rabanus darin eine geistliche Pädagogik: Die klaren Stellen stillten den Hunger des Suchenden, die dunklen aber bewahrten vor Stolz und Geringschätzung. Dunkelheit in der Schrift solle zur Suche anregen und das Herz wach halten. Wichtig sei, dass man nicht aus Trägheit aufhöre zu fragen. Es gehe darum, mit dem Herzen zu lesen – getragen von der Liebe.
Der Prediger zitierte Rabanus Maurus: Wer die Liebe hat, besitze auch das, was er in der Schrift (noch) nicht verstehe. In dem, was verständlich ist, zeige sich die Liebe Gottes. In dem, was unverständlich bleibt, verberge sie sich. In beidem sei sie gegenwärtig – für den, der glaubt.
Zum Abschluss bezog sich Weitz auf das berühmte "Lob des Heiligen Kreuzes", ein dichterisches Kunstwerk von Rabanus Maurus, in dem sich Text, Form und Bild gegenseitig durchdringen. Alles in diesem Werk deute auf das Kreuz Christi als Zeichen der Erlösung. Diese rettende Liebe sei das Zentrum des Glaubens und das Schlüsselmotiv für jedes Verstehen – auch dort, wo menschliches Begreifen an seine Grenzen stoße.