Vor 50 Jahren: Kardinal Frings greift die römische Kurie an

Eine Bombe in der Konzilsaula

Am 8. November 1963 griff der damals 76jährige Kölner Kardinal Frings während des Zweiten Vatikanischen Konzils das Heilige Offizium an. Der Vorgänger der Glaubenskongregation habe der Kirche schweren Schaden zugefügt.

Kardinal Frings und Papst Paul VI. 1963 (KNA)
Kardinal Frings und Papst Paul VI. 1963 / ( KNA )

Die Zahl der Anekdoten vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) ist Legion. Ein Zwischenfall aber überstrahlt alle, weil er wie kein anderer die Polarität der größten Kirchenversammlung des 20. Jahrhunderts widerspiegelt: Am 8. November 1963, vor 50 Jahren, griff der Kölner Kardinal Josef Frings frontal und in furioser lateinischer Rede das Heilige Offizium an, den Vorgänger der Glaubenskongregation. Dessen Leiter Alfredo Ottaviani kochte: "Altissime", mit lautester Stimme, müsse er gegen die Schmähungen seiner Behörde protestieren.

Es war womöglich der entscheidende Moment des Konzils: Der Kölner Kardinal, 76 Jahre alt, fast erblindet und über Jahrzehnte eigentlich als Stockkonservativer bekannt, trat ans Rednerpult - um nun mitten im Petersdom massiv gegen ein jahrhundertealtes ungeschriebenes Gesetz zu verstoßen: Das Heilige Offizium ist nicht zu kritisieren!

Applaus in der Konzilsaula

Frings ging in die Vollen: Die oberste Vatikanbehörde, Nachfolgerin der mittelalterlichen Inquisition, habe der Kirche schweren Schaden zugefügt und sei für Nichtkatholiken ein "Ärgernis". Rechtgläubige Gelehrte würden verurteilt, ohne angehört zu werden; ohne Angabe von Gründen würden theologische Bücher verboten. Applaus in der Konzilsaula - und der brüskierte Behördenchef Ottaviani rang sichtlich um Fassung.

Der Angriff war ein doppelter: Er zielte auch und vor allem auf den Anspruch Ottavianis, mit seiner Theologischen Kommission über Recht- und Unrechtmäßigkeit der Konzilsbeschlüsse zu befinden - sprich die Kurie über die Autorität des Konzils und der versammelten Bischöfe der Weltkirche zu stellen. Es war diese drohende Entmündigung der Konzilsväter, die Frings, einen der zwölf Präsidenten der Versammlung, zu seiner beispiellosen Attacke gegen die traditionellen Überwachungspraktiken des Vatikans brachte.

Pikanterweise hat der Kölner Kardinal seine theologische Umkehr zu nicht geringen Teilen seinem jungen Konzilsberater zu verdanken, der sich damals als eine der Speerspitzen der "Fortschrittlichen" profilieren konnte: Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. (2005-2013). Ratzinger hatte für Frings dessen erstes progressives Manifest verfasst, einen Vortrag über "Das Konzil und die moderne Gedankenwelt", mit dem Frings 1961 in Genua glänzte und der ihm auch bei Papst Johannes XXIII. einen dicken Stein im Brett verschaffte.

Reformen unverzichtbar

Der frische Wind unter dem Konzilspapst machte auch einen neuen Frings. Und auch von Paul VI., ab März 1963 Papst, fühlte er Rückendeckung: Am Vortag der furiosen Redeschlacht hatte der den deutschen Bischöfen in einer Audienz versichert, er halte Reformen in der Kirche für unverzichtbar.

Die Schriftstellerin Luise Rinser erklärte sich Frings' kämpferischen Wandel mit dem Verlust seines Augenlichts. Das mache ihn hellhöriger, auch für "die Notrufe der Zeit". Der Kardinal selbst sagte über sein Selbstverständnis, die Bischöfe seien im Konzil nicht Gehorchende, sondern gemeinsam mit dem Papst selbst Gesetzgeber. Da dürfe es nicht verwundern, dass "manche, die sich im Gehorsam gegen den römischen Papst von niemandem übertreffen ließen", nun in dieser Lage "fortschrittliche und freiheitliche Ansichten" verträten.

Großes Presseecho

Die Attacke des 8. November machte Furore. Die Konzilsväter drängten sich nach den Beratungen an die beiden Bars in den Seitenschiffen des Petersdoms, um den Vorfall nachzubereiten. Die "Deutsche Tagespost" schrieb martialisch von einem "Kampf der Titanen", und die Essener Bistumszeitung "Ruhrwort" verglich das Duell mit der biblischen Überlieferung, "als Paulus in Antiochien den Petrus vor allen zur Rede stellte". Frings selbst spielte das Ereignis herunter: Ottaviani sei später an der Bar zu ihm gekommen und habe auf Französisch zu ihm gesagt: "Nous sommes freres" (wir sind Brüder); im Grunde wollten doch beide dasselbe.

Es ist nicht ohne historischen Charme, dass 50 Jahre, nachdem Frings und sein Berater Ratzinger die Mauer des Schweigens über die Kurie einrissen, nun Papst Franziskus einen neuen Reformversuch unternimmt, der seinem Amtsvorgänger Ratzinger/Benedikt XVI. nicht mehr gelungen war. Und wieder geht es auch um die Frage: Wer regiert die Kirche?

Papst und Bischöfe in Kollegialität - oder der römische Apparat?


Quelle:
KNA