Pfarrer Roland Maurer
Pfarrer Roland Maurer

04.10.2021

Was unterscheidet Australiens "Plenarkonzil" vom "Synodalen Weg"? "Struktur ist nicht die einzige Lösung"

Nicht nur die deutsche Kirche sucht Reformen, in Australien tagt seit Sonntag das vergleichbare "Plenarkonzil". Der Pfarrer der deutschen Gemeinde Sydney ist einer der Delegierten und sieht große Unterschiede zum deutschen Prozess.

DOMRADIO.DE: In Deutschland war der Missbrauchsskandal Auslöser für den Reformprozess. Wie sieht das in Australien aus?

Roland Maurer (Pfarrer der deutschen Gemeinde Sydney und Delegierter des Australischen Plenarkonzils): Wir haben hier eine ähnliche Krise wie in Deutschland. Wir haben auch die Missbrauchs-Geschichte hier durchlebt und durchleben sie noch. Das war sicherlich auch mit der Anlass, die Kirche in Australien mal wieder in den Blick zu nehmen. Was sind wir? Wo sind wir? Wie wird die Zukunft aussehen, weil die gesellschaftlichen Veränderungen hier, sagen wir zehn Jahre Deutschland voraus sind?

Mit Blick auf die Zukunft hat man sich zusammengesetzt und die Bischöfe haben gesagt: Wir brauchen jetzt wieder ein nationales Konzil. Das kann man mit der Würzburger Synode der Siebzigerjahre in Deutschland vergleichen. Das wird am Schluss dann sicherlich viele Dokumente hervorbringen, aber auch konkrete Beschlüsse mit rechtlich bindender Kraft. Also es ist nicht nur ein Gesprächs-Prozess, um miteinander auf einen Weg zu kommen, sondern es werden auch sicherlich Entscheidungen für die Zukunft getroffen, die bindend sein werden.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, Australien ist Deutschland zehn Jahre voraus. Was heißt das für die Kirche? Spielt die noch eine Rolle in der Gesellschaft?

Maurer: Beim Thema Säkularisierung und der Bedeutung der Kirche in der Öffentlichkeit und der Wahrnehmung sind wir hier zehn Jahre voraus. Aber auch in allen anderen gesellschaftlichen Phänomenen, wie zum Beispiel der Individualisierung. Was hält uns als Land zusammen? Das betrifft auch die Kirche. Und hier erleben wir jetzt mit der altherkömmlichen Kirche einen starken Umbruch, sodass der Glaube an sich und die religiöse Praxis - vor allem des Christentums - in jüngeren Generationen sehr stark verschwindet.

Aber was vor allem die katholische Kirche hier noch sehr stark hält, ist folgender Fakt: Wir sind ein Einwanderungsland. Viele Leute, die einwandern, sind sehr gläubig und praktizieren ihren Glauben.

Das heißt, in einer Metropolregion wie Sydney mit vielen Einwanderern ist die Kirche noch relativ stark. Draußen auf dem Land ist das eher klassisch europäisch-australisch geprägt. Da ist der Zusammenhalt der Leute noch mal anders gestrickt. Aber im Hinblick auf die nächsten 20 bis 30 Jahre stellt sich dann die Frage: Wenn sich die Einwanderer, die Nachfolgegeneration entsprechend säkular assimiliert haben, wie wird das dann aussehen?

DOMRADIO.DE: Deshalb das Plenarkonzil?

Maurer: Genau. Wir stellen uns die Fragen: Wie sieht es mit dem Glauben aus? Was müssen wir als Kirche tun? Nicht als Bischöfe, nicht als Priester, sondern als Kirche im Allgemeinen. Da sind schon viele Gespräche, Gedankenmodelle, Strukturprozesse im Gange. Da ging es aber nicht nur um strukturelle Sachen, wie man Gemeinden am besten zusammenlegen kann und all diese Geschichten, die in Deutschland immer so leidlich verarbeitet werden.

Also, Struktur ist nicht die einzige Lösung, sondern es hieß hier in Australien "Go make Discipels", werdet zu Jüngern. Das bedeutet, dass dann quasi die gesamte Kirche, also das Volk Gottes, samt den Priestern dazu berufen ist, das Evangelium der Welt zu verkündigen und nicht nur, wie wir es bisher gewohnt waren, nur am Sonntag in die Kirche zu gehen. Der Pfarrer predigt, gibt mir die Kommunion und das wars.

Es geht um das aktiv gelebte Leben eines Christen, auch im Alltag. Er geht darum, die Leute zu befähigen und zu ermutigen.

DOMRADIO.DE: Das ist ja auch ein Vorwurf gegen den Synodalen Weg in Deutschland, dass es mehr um Strukturen und Dokumente geht und weniger um den Glauben und das Evangelium. Das sieht bei Ihnen dann anders aus?

Maurer: Das Grundthema bei uns ist "Hören auf das, was der Geist sagt". Also, es gab einen langen Prozess, in dem alle Gemeinden aufgerufen waren, sich zu beteiligen, auf die Lebens- und Glaubensgeschichten der anderen Mitchristen zu hören, diese wertzuschätzen und nicht dauernd irgendwas zu reden und zu sagen und vor allem nicht anderen zu sagen, wie sie zu glauben hätten.

Das war ein sehr erfrischender Ansatz. Es ist ja oft so: Jeder möchte dem anderen sagen, wie die Sache zu laufen hat, weil jeder die Wahrheit gepachtet hat.

Das war auch für die Bischöfe teilweise mal ein Neuanfang, sich einfach nur hinzusetzen und zuzuhören. Wenn man auf den anderen Menschen hört und auf die Glaubensgeschichte hört, lernt man auch seinen eigenen Glauben noch mal neu und besser zu verstehen oder auch mit anderen einzuordnen.

DOMRADIO.DE: Kommendes Wochenende eröffnet Papst Franziskus die Weltbischofssynode zum gleichen Thema. Ihr Prozess in Australien ist schon länger im Gange. Inwieweit werden Sie sich da einbringen und eingliedern?

Maurer: Das Plenarkonzil ist aus Australien und für Australien und wird unmittelbare Auswirkungen auf Australien haben. Wie das dann auf andere Länder wirkt, weiß ich auch nicht. Mit der Bischofssynode in Rom hat das nur am Rande zu tun. Es ist kein untergeordnetes Gremium, sondern eine selbständige Sache. Sicherlich kann dann so manches Ergebnis oder die Art und Weise, wie wir das machen, Auswirkungen auf die Synode in Rom haben. Aber was hier in Australien läuft, wie wir das versuchen für uns hinzubekommen, muss nicht für Südamerika und für Afrika, Asien und auch nicht für Europa Gültigkeit haben. Da gelten ja andere Bedingungen.

DOMRADIO.DE: Das ist ein Prozess, der auf mehrere Jahre angesetzt ist. Was wünschen Sie sich als Ergebnis?

Maurer: Eine gewisse Offenheit, würde ich sagen, und zwar von allen Seiten. Wie gesagt, es gibt viele Arten zu glauben, nicht nur eine einzige. Es gibt viele Geschwindigkeiten zu glauben. Wir versuchen miteinander auf dem Weg zu sein und nicht den anderen auszugrenzen oder als "Katholik light" zu betrachten. Eine gemeinsame Toleranz in alle Richtungen und dieses "Wir sind gemeinsam Kirche" wäre dann schon ein guter Weg.

Aber das lässt sich nicht durch ein Dekret verordnen. Ich bin inzwischen sehr weit davon abgekommen, das Heil in Strukturen und Gesetzen zu suchen. Es muss ein spiritueller Wandel stattfinden. Den kann man nur unterstützen, aber nicht durch Gesetze, Regeln oder Strukturen einfordern.

Zurück nach Deutschland: Wir fordern dies, wir fordern das. Muss denn immer gleich alles gefordert werden? Ist das nicht etwas, das dem Geist widerspricht? Das ist eine Frage, keine Antwort. Da werde ich immer etwas vorsichtig, wenn gleich Forderungen gestellt werden, wie Sachen sein müssen. Braucht jemand eine Priesterweihe, um das Evangelium zu verkünden? Nein. Das kann jeder und das soll jeder Christ.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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