Rechtliche Absicherung der Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln
Insignien weltlicher Gerichtsbarkeit: Justitia und Aktenstapel.
Klaus Prömpers
Klaus Prömpers
Der ehemalige Kardinal Theodore McCarrick
Ex-Kardinal Theodore E. McCarrick

03.09.2021

Prozess gegen Ex-Kardinal McCarrick beginnt in den USA "Könnte ein wenig Glaubwürdigkeit zurückerobern"

Der Heilige Stuhl hatte Theodore McCarrick bereits im Februar 2019 aus dem Klerikerstand entlassen. Nun muss sich der Ex-Kardinal vor einem weltlichen Gericht wegen sexualisierter Gewalt strafrechtlich verantworten. Was ist zu erwarten?

DOMRADIO.DE: Vor dem Dedham District Court in Massachusetts steht McCarrick nun vor Gericht. Wie wird dieser Prozess gegen McCarrick ablaufen?

Klaus Prömpers (leitete die ZDF-Studios in Wien und New York): McCarrick lebt mittlerweile in Missouri und kann in Massachusetts vor Gericht gestellt werden, weil die Tat, die ihm vorgeworfen wird, zum Teil in Massachusetts begangen worden war. Massachusetts hat mittlerweile seine Gesetze geändert, dass wenn jemand aus dem Bundesstaat wegzieht, dass das die Verjährungsfrist anhält. Er ist ewig nicht in Massachusetts gewesen. Jetzt wurde die Anklage erhoben und er kam zurück. Und dann hat die Polizei gleich vorsichtshalber Untersuchungshaft angeordnet, damit er nicht wieder nach Missouri zurückgeht.

DOMRADIO.DE: Und was genau wird McCarrick vorgeworfen? Er hat sich ja einem Gerichtsprozess bisher immer entziehen können.

Prömpers: Bisher haben an allen anderen Stellen, wo es Beschwerden über ihn gegeben hat, Verjährungsfristen gegolten, die strafprozessrechtlich traditionell relativ kurz sind, wenn man in Betracht zieht, dass Opfer sehr lange brauchen, bis sie offenbaren, was ihnen da widerfahren ist in ihren jungen Jahren. Ihm wird konkret jetzt der Fall vorgeworfen, dass er am 8. Juni 1974 einen 16-Jährigen missbraucht haben soll, und zwar im Zusammenhang mit der Hochzeit des größeren Bruders, die er administriert und eingesegnet hat.

Am Rande dieser Hochzeit soll er erstmals diesen damals 16-Jährigen missbraucht haben. Es kam offensichtlich zu mehreren Übergriffen des damaligen Monsignores, so sagt der 16-Jährige in den Gerichtsakten, die einsehbar waren für einige Zeitungen. McCarrick lebte damals in New York und war Assistent des damaligen New Yorker Kardinals Cooke, in Kalifornien,  in New York, in New Jersey und dann noch mal in Massachusetts. Das alles wird jetzt dort vorgetragen werden und der Prozess wird sicher mit großer Aufmerksamkeit vor allem im katholischen Raum betrachtet werden, aber vor allem natürlich von den Opfern.

DOMRADIO.DE: Welche Strafen könnten McCarrick erwarten? Er ist ja auch immerhin schon 91 Jahre alt.

Prömpers: Es könnte ihm so ergehen, dass er im Grunde, wenn er verurteilt wird, den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringt. Anzunehmen ist, dass er dann noch mal in Revision geht, also Einspruch eingelegt. Aber das ist noch zu früh, das zu beurteilen. Denn es hängt ja wesentlich von der Glaubwürdigkeit des Zeugen ab – und anderer Zeugen, die möglicherweise noch hinzutreten werden, ob er in einem strafrechtlichen Sinne verurteilt werden kann. Innerhalb der Kirche ist er ja verurteilt worden und 2019 aus dem Priesterstand rausgeflogen. Vorher hatte er bereits seinen Kardinalshut abgegeben.

Es gibt aber weiter auch andernorts immer noch Bemühungen von Seminaristen, beispielsweise aus seiner Zeit, als er Bischof in Metuchen war und in einem anderen Bistum in New Jersey, wo er mit einzelnen Seminaristen an den Strand gefahren ist und dort mit einzelnen Seminaristen gemeinschaftlich in einer Strandhütte übernachtet hat. Auch da soll es zu Übergriffen gekommen sein. Und die bemühen sich jetzt um Schadensersatz. Und offensichtlich sind zwei Diözesen in New Jersey bereit, da auch zu zahlen.

DOMRADIO.DE: Rom hat ihn ja schon rausgeschmissen. Für den Fall, dass McCarrick tatsächlich verurteilt würde: Hören wir dann noch mal was aus Rom zu dem Fall?

Prömpers: Allenfalls im Sinne dessen, dass man in Rom dann noch einmal von der Glaubenskongregation bekräftigen wird, was ja ein Resultat dieses Rausschmisses des ehemaligen Kardinals McCarrick war, nämlich eine eigene neue Anweisung, wie umzugehen ist, erstens mit sexuellem Missbrauch und mit der Vertuschung von sexuellem Missbrauch. Damals wurden im Februar 2019 die Daumenschrauben sehr stark angezogen.

Das ist natürlich gerade auch für Deutschland interessant, wo die Diskussion ja auch immer weitergeht, wie man umgeht mit der Vergangenheit. Man wartet ja noch beispielsweise auf das Gutachten, was die Münchner Verhältnisse anbetrifft. Da wird man jetzt höchstens eine Bekräftigung hören. Alles andere wird man, glaube ich, nicht hören, weil: Man hat sich ja entschieden in Rom, und man hat sich wahrscheinlich dafür entschieden, ihn aus dem Priesterstand rauszuschmeißen, nachdem für die Römer glasklar war, dass die Vorwürfe erhärtbar waren, auch wenn sie strafrechtlich in vielen Fällen in den USA nicht mehr zu Verurteilungen geführt haben.

DOMRADIO.DE: In seiner Amtszeit hat McCarrick sich ja eher als Kämpfer gegen sexualisierte Gewalt präsentiert und die Vorwürfe gegen ihn bestreitet er. Sie haben bereits gesagt, wie der Gerichtsprozess ausgeht, ist noch offen. Aber was bedeutet denn dieser Prozess an sich für die katholische Kirche in den USA?

Prömpers: Ich glaube, es ist ein weiterer Befreiungsschlag für weite Teile der katholischen Kirche, vor allem für alle, die Opfer gewesen sind in der Vergangenheit und Angehörige von Opfern gewesen sind, die ja mit den Opfern gelitten haben. Da könnte dann auch die Tatsache, dass er jetzt vor einem weltlichen Gericht steht, zu mehr Glaubwürdigkeit beitragen.

Es werden sicher weitere Fälle folgen in diesem Sinne, dass Menschen, die missbraucht haben, vor Gerichte gestellt werden. Das könnte, glaube ich, ein wenig Glaubwürdigkeit zurückerobern. So schwierig das auch gerade in den USA ist. Gerade da, wo der Prozess jetzt stattfindet, in Boston, wird er hohe Aufmerksamkeit kriegen. Denn 2002 gingen dort die ersten Aufklärungsschritte vonstatten – und dabei wurden Dinge aufgedeckt, die man sich nie hätte vorstellen können und wollen.

Das Interview führte Hannah Krewer.

(DR)

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