Papst Franziskus (l.) und Enzo Bianchi (Archiv)
Papst Franziskus (l.) und Enzo Bianchi (Archiv)

24.02.2021

Wie ein renitenter Klostergründer den Vatikan in Atem hält Bruder Enzo will nicht gehen

An Skandalen herrscht in der katholischen Kirche derzeit gewiss kein Mangel. Jener um den italienischen Klostergründer Enzo Bianchi ist besonders bizarr. Der 77-jährige Mann aus den italienischen Alpen lässt abermals eine Frist verstreichen.

Dessen international bekannte Kommunität im piemontesischen Bose will eigentlich ein Modell christlicher Einheit sein. Doch was sich derzeit auf dem ländlichen Anwesen zu Füßen der Alpen abspielt, ist das genaue Gegenteil.

Auf Sturheit folgt Bitterkeit

Seit Monaten versucht die Ordensgemeinschaft verzweifelt, ihren populären Gründungsvater loszuwerden. Doch der 77-Jährige weigert sich beharrlich zu gehen - trotz einer entsprechenden Anordnung des Vatikan. Vor einigen Tagen ließ er abermals eine für den Auszug gesetzte Frist verstreichen.

Das Kloster Bose veröffentliche daraufhin eine resigniert klingende Erklärung: "Mit großer Bitterkeit" müsse man zur Kenntnis nehmen, dass Bruder Enzo nicht innerhalb des vom päpstlichen Delegaten festgelegten Zeitraums gegangen sei. Damit hätte er dazu beitragen können, "die Spannungen und das Leid aller zu lindern", so die ökumenische Gemeinschaft von rund 90 Männern und Frauen.

Enzos blühende Primeln

Eine plausible Perspektive zeigt das Schreiben nicht auf. Formelhaft wird stattdessen auf Gebete verwiesen. Der missliebige Ex-Prior ergötzt sich derweil an "blühenden Primeln", die er beim Waldspaziergang fotografiert und auf Twitter wortreich kommentiert.

"Die Schönheit lebt, auch wenn sie nicht gesehen wird", schrieb er einen Tag nach Ablauf der vatikanischen Auszugsfrist. Die Lage in Bose - sie ist nach zahlreichen erfolglosen Vermittlungsversuchen an einem toten Punkt angelangt.

Was die Angelegenheit für die Kirche umso peinlicher macht: Bianchi spielt in einer Liga mit Gestalten vom Rang des Sant'Egidio-Gründers Andrea Riccardi. Er zählt in Italien zu den meistgelesenen geistlichen Autoren, schreibt regelmäßig Beiträge für Zeitungen und ist gerngesehener Talkshow-Gast.

"Mittelalterliche Axt"

Darüber hinaus folgen ihm in den sozialen Netzwerken Zehntausende Menschen aus aller Welt. In der Öffentlichkeit macht sich daher Unverständnis über die von Bose und dem Vatikan betriebene Verbannung des Laienmönchs breit. Kritiker sprechen von einer "mittelalterlichen Axt", die auf den alten Mann herabgelassen worden sei.

Ein solches Vorgehen, meinen viele, gehöre sich nicht. Aber wie konnte es überhaupt zu diesem unwürdigen Schauspiel kommen? Bianchi rief die Kommunität Bose 1965 unter dem Eindruck der Studentenbewegung und des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ins Leben. Aus dem Projekt wurde eine innovative Form des Klosterlebens, die unterschiedliche christliche Konfessionen und sogar Elemente anderer Religionen miteinander verbindet.

Übergabe wird zum Fiasko

Im Jahr 2017 wählte die Gemeinschaft einen neuen Prior: Luciano Manicardi, Jahrgang 1957, selbst seit Jahrzehnten Mitglied der Kommunität. Doch die Übergabe des Staffelstabs geriet zum Fiasko. Was genau hinter den Klostermauern vorgefallen ist, wurde nicht kommuniziert.

Fest steht: Es muss gewaltig gekracht haben. Von anhaltendem "Machtmissbrauch" Bianchis ist die Rede. So, als wolle dieser die Autorität seines Nachfolgers nicht anerkennen. Der Beschuldigte weist das entschieden zurück.

Apostolische Visitation

Die Gemeinschaft klagt, der Konflikt sei "Ursache für viel und großes Leid". Der Vatikan veranlasste eine apostolische Visitation, um in der festgefahrenen Auseinandersetzung zu schlichten. Auf Grundlage eines Untersuchungsberichts entschied Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin am 13. Mai 2020: Bianchi und einige weitere Mitglieder müssen Bose zeitweilig verlassen.

Nach zähen Verhandlungen und einigem Hin und Her war dann scheinbar ein tragfähiger Kompromiss gefunden: Bianchi sollte mit seinen Getreuen in die toskanische Zweiggründung Cellole übersiedeln. Es war vorgesehen, die dortige Unterkunft dafür eigens zu räumen und organisatorisch vom Orden abzutrennen.

"In die Toskana? Wo sind denn die vertraglichen Garantien?"

Aber der Gründer ließ die letzte Frist mit Datum 16. Februar verstreichen. Der gelernte Buchhalter fordert dem Vernehmen nach vertragliche Garantien, die ihm bislang niemand geben wollte. Er fürchtet - wohl nicht ganz zu Unrecht - bei möglichen Unstimmigkeiten in der Toskana gleich wieder vor die Tür gesetzt zu werden.

Wie Bose und der Vatikan nun weiter verfahren wollen, ist unklar. Einerseits können sie den renitenten Ordensstifter nicht mit der Zwangsjacke abführen. Eine einvernehmliche Lösung in dem jahrelangen Zwist scheint andererseits unmöglich.

Allen Beteiligten bleibt nur zu wünschen, dass sie sich am Ende doch noch zusammenraufen. Als Gewinner wird aus diesem Streit - so oder so - niemand mehr hervorgehen.

Alexander Pitz
(KNA)

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