Trauer um Adolfo Nicolas
Trauer um Adolfo Nicolas

20.05.2020

Ex-Jesuitengeneral Nicolas gestorben Bis vor kurzem amtierten die Ordensleiter bis zum Tod

"Schwarzer Papst" wird der Jesuiten-General auch genannt - in Anspielung auf den "weißen Papst". Derzeit sind sogar beide Jesuiten. Doch die Zeit, dass Schwarzer wie Weißer lebenslang amtierten, könnte dem Ende zugehen.

Es war ein Paukenschlag, als im Mai 2014 der Ordensgeneral der Jesuiten, Adolfo Nicolas, für 2016 seinen Amtsverzicht ankündigte. Mit Blick auf seine Kräfte wolle er die Leitung des größten Männerordens der katholischen Kirche in jüngere Hände geben, hieß es damals in einem Brief aus Rom an die rund 16.400 Jesuiten weltweit. Nun, nach vier Jahren im Ruhestand und einem sich verschlechternden Gesundheitszustand, ist Nicolas mit 84 Jahren in Tokio gestorben.

Amtsverzicht

2016 gab der damals 80-jährige Spanier, 29. Nachfolger des Gründers Ignatius von Loyola (1491-1556), den Stab weiter an den Venezolaner Arturo Marcelino Sosa (71). Eigentlich amtieren die Generaloberen der Jesuiten, wegen ihrer einstigen kirchenpolitischen internationalen Macht und mit Blick auf die Ordenstracht auch "schwarzer Papst" genannt, seit fast 500 Jahren auf Lebenszeit. Nicolas' Amtsverzicht 2016 war allerdings schon der dritte Bruch mit dieser Regel in Folge.

Mit dem Niederländer Peter Hans Kolvenbach (seit 1983) trat 2008 erstmals ein Jesuitengeneral freiwillig vorzeitig von der Ordensleitung zurück. Den Traditionsbruch leitete freilich ein anderer ein: Nach einem Schlaganfall von General Pedro Arrupe (1965-1981) setzte - auf dem Höhepunkt einer Krise des Ordens - Papst Johannes Paul II. (1978-2005) zwei Stellvertreter seines Vertrauens für den gewählten Amtsinhaber ein.

Ein spektakulärer Eingriff des Papstes in die Eigenständigkeit des Ordens, der damals auch scharfe Kritik hervorrief. Später soll Johannes Paul II. im Gespräch, also inoffiziell, eingeräumt haben, falsch über den angeblich ungeordneten Zustand des Ordens informiert gewesen zu sein.

Mithin sind es zwei Päpste der jüngsten Vergangenheit, die einen historischen Wandel in der Leitung der "Gesellschaft Jesu" anstießen: der Steuermann der Weltgeschichte Johannes Paul II. und sein deutscher Nachfolger Benedikt XVI. (2005-2013) - der den Mut hatte, erstmals seit dem Mittelalter die Karte eines päpstlichen Amtsverzichts qua Alter bzw. fehlender Kräfte zu ziehen.

Zwei neue Entwicklungen losgetreten

Damit wurden 2013 offenbar gleich zwei neue Entwicklungen losgetreten. Erstens: Auf Benedikt XVI. folgte der Lateinamerikaner Franziskus, eine Sensation als erster Jesuit auf dem Papstthron und Vertreter einer Gemeinschaft, der qua Ordensregel eingeschärft ist, niemals nach kirchlichen Ämtern zu streben. Und zweitens: Wer qua Tradition lebenslänglich hat, muss nicht mehr zwangsläufig auch lebenslänglich bleiben.

Der "schwarze Papst" Nicolas folgte darin 2016 dem "weißen Papst" Benedikt XVI.: Wer glaubhaft angeben kann, seine Kräfte reichten für das Leitungsamt nicht mehr aus, der darf ehrenhaft das Zepter weitergeben. Die polnische Leidens-Lesart Johannes Pauls II. lautete wenige Jahre zuvor noch: Vom Kreuz steigt man nicht herab.

Der Kreis zwischen Päpsten und Jesuiten schließt sich, liest man den Brief des damals scheidenden Generals Nicolas von 2014 weiter. Papst Franziskus - selbst Jesuit - trage seine Entscheidung zum Amtsverzicht mit, hieß es darin; zumindest habe er die Idee mit ihm und mit vielen Jesuiten-Provinzialen weltweit diskutiert. Später gab Nicolas noch zu Protokoll, Franziskus habe ihm abgeraten, einen Amtsverzicht offiziell als Möglichkeit zu verankern. Die Ordensregel gebe schon jetzt genügend Spielraum dafür.

Und was bedeutet das für den amtierenden Papst selbst? Franziskus ist 83 Jahre alt und gesundheitlich anfällig. Könnte er, sich berufend auf seinen päpstlichen Vorgänger Benedikt XVI. (93) wie auch auf seine früheren Ordensgeneräle, in absehbarer Zeit sagen: Es ist genug gewesen? Die historische Bürde für ein solches mögliches Votum fiele nicht nur auf Benedikt XVI. allein, sondern auch auf den Jesuitenorden zurück.

Auch der niederländische Ex-General Peter Hans Kolvenbach (1928-2016), sagte damals, als er sich 2008 mit 79 Jahren zurückzog: "Die Gesellschaft Jesu hat das Recht, von einem Jesuiten regiert und inspiriert zu werden, der in vollem Besitz seiner körperlichen und geistlichen Talente ist - und nicht von einem Ordensbruder, dessen Energie vom Alter zerrieben wird." Ähnlich schrieb es 2014 Nicolas.

Setzt sich der Trend fort, ließe sich in kirchenhistorischer Perspektive spitz formulieren: Die Päpste wie auch die Jesuitengeneräle näherten sich im 21. Jahrhundert ähnlich den Kardinälen einer 80-Jahre-Grenze für ihre Leitungsfunktionen an.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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