Kloster Mor Yakoub
Kloster Mor Yakoub

12.01.2020

Festnahmen in der Türkei sorgen für Ängste unter Christen Mönch unter Terrorverdacht

Vor wenigen Tagen sind in der Türkei drei Christen festgenommen worden. Der Vorwurf: Unterstützung der als Terrororganisation verbotenen kurdischen PKK. Die syrisch-orthodoxen Gemeinden sind fassungslos.

Die türkischen Polizisten kamen morgens um sechs. Mit Gewehren standen sie vor den Toren des syrisch-orthodoxen Klosters Mor Yakoub in der Abgeschiedenheit Südostanatoliens. Ihre lauten Rufe setzen der Stille des anbrechenden Wintermorgens ein jähes Ende. Sie waren gekommen, um Abt Dayroyo Aho zu holen.

Kloster unweit der Grenze zu Syrien

Der 43-jährige Mönch lebt schon seit einigen Jahren im Kloster auf dem Berg unweit der Grenze zu Syrien, in der selbst gewählten Einsamkeit des südost-türkischen Hinterlandes, das Tur Abdin genannt wird. Meistens ist er hier im Blaumann anzutreffen, denn er war es, der das Kloster überwiegend in Eigenleistung restauriert hat.

Während die Einsatztruppe den Geistlichen mitnahm, führten ihre Kollegen an weit mehr als einem Dutzend anderer Orten in der Umgebung ähnliche Operationen durch. Die Sonne war noch nicht weit über dem Tur Abdin aufgegangen, da saßen bereits insgesamt 25 Menschen in Polizeigewahrsam.

Solche Festnahmen sind in der Türkei keine Ausnahme mehr. Was aber bemerkenswert ist: Die Razzien trafen neben Dayroyo Aho auch zwei weitere Christen, Yousef Yar und Musa Tastekin.

Ihnen wird vorgeworfen, die in der Türkei als Terrororganisation eingestufte kurdische PKK unterstützt zu haben. Deren Sympathisanten sollen sich zum Teil in den Bergen in der Umgebung aufhalten. Seit Jahrzehnten liefern sich PKK und türkisches Militär Kämpfe, bei denen laut offiziellen Angaben mehr als 40.000 Menschen getötet wurden.

Proteste gegen die Festnahme

Dass das türkische Militär - immerhin mit der zweitgrößten Armee in der Nato - die Kurdenmiliz noch nicht besiegen konnte, wird von manchen Beobachtern als ein Beweis für die Ausdauer der PKK gewertet. Andere sehen darin eher ein Indiz dafür, dass Ankara die Gefahr durch die Kurdenmiliz gerne für eigene Zwecke nutzt - um zum Beispiel einen Einmarsch im benachbarten Syrien zu rechtfertigen oder um Festnahmen zu legitimieren. So wie die von Abt Aho und den anderen beiden Christen.

Während einer der beiden Laien nach wenigen Stunden unter der Auflage, sich regelmäßig bei der Polizei zu melden, wieder freikam, sitzen der andere und der Ordensmann noch immer fest. Den Menschen vor Ort geht vor allem die Festnahme des Geistlichen gegen den Strich. Sie protestierten unmittelbar nach der Festnahme und forderten die Behörden zu einer Erklärung auf. “Dann hat die Staatsanwaltschaft gesagt, dass sie nicht gewusst hätten, dass es sich bei Abt Aho um einen Mönch handelt, es sei ein Versehen gewesen”, berichtet ein Anwohner am Nachmittag nach der Verhaftung. Die Christen im Tur Abdin atmen vorsichtig auf - laut Behördenangaben solle der Mönch in den nächsten Tagen freikommen.

Im fernen Deutschland regt sich Ibrahim, ein Christ mit Wurzeln im Südosten der Türkei, auf: "Was soll denn das? Der Mann hat ein Kreuz um, trägt eine christliche Kopfbedeckung und lebt in einem Kloster. Wie kann man nicht erkennen, dass er Mönch ist?" Die Neuigkeit vom eingesperrten Geistlichen verbreitete sich in Deutschland und in anderen Ländern, in denen viele aramäische und assyrische Christen leben, wie ein Lauffeuer.

Als der Mönch einen Tag nach seiner Festnahme wider Erwarten nicht freikam, sondern die Staatsanwaltschaft eine Anklageschrift bereit hielt, gingen die Christen im In- und Ausland auf die Barrikaden. Vor dem zuständigen Gericht in der Türkei protestierten mehr als einhundert Menschen, bei Facebook wird seit Tagen eine Online-Petition beworben, und es gibt zahlreiche Krisentreffen der verschiedenen syrisch-orthodoxen Vereine.

Auf Anfrage konnte der Anwalt von Abt Aho wenig sagen. Er wisse weder, wie genau die Verhaftung stattgefunden habe, noch wie seine Verteidigung aussehen, noch, wann es zum Prozess kommen werde. Er habe außerdem keinen Zugang zu den Ermittlungsunterlagen, weil die Angelegenheit als geheim eingestuft worden sei.

Im schlimmsten Fall 15 Jahre Gefängnis

Lediglich die Anklageschrift bekam er zu lesen. Auf den 16 Seiten steht beschrieben, was den Geistlichen im schlimmsten Fall für 15 Jahre ins Gefängnis bringen könnte. Auch Ibrahim hat das Dokument gesehen: "Der Mönch soll PKK-Kämpfern Unterschlupf und Nahrung gegeben haben. Es soll Drohnenaufnahmen geben, die zeigen, wie fünf PKK-Männer angeklopft haben, ins Kloster gingen und nur drei wieder herauskamen."

Das sei Unsinn, kommentiert Yahkup, ein Christ, der ebenfalls in Deutschland wohnt, aber regelmäßig in die Nähe des Klosters reist. Er kennt den Mönch gut. "Der hat nichts mit der PKK zu tun! Jeder Mensch, der zum Kloster kommt, bekommt dort Hilfe - also Wasser, Kaffee, Essen. Das ist normal bei Klöstern. Und das macht die Polizei skeptisch." Der Fall stellt für die Christen in der Türkei ein Grundsatzproblem dar: Darf es gelebte Nächstenliebe auch für PKK-Mitglieder geben? Yahkup meint: "Wer soll denn erkennen, ob sie von der PKK sind? Die sehen ja ganz normal aus und kommen auch ohne Gewehre."

Es ist nicht das erste Mal, dass Dayroyo Aho ins Visier der Ermittler gerät. Vor knapp zwei Jahren gab es schon einmal eine Operation auf dem Klostergelände und in der Umgebung. Auch damals ging es darum, vermeintlich versteckte PKK-Kämpfer zu finden. Der Abt befand sich zeitweise in polizeilichem Gewahrsam, die Sicherheitsbehörden waren mit Hubschraubern und schwerer Munition im Einsatz. "Am Ende sind zwei Menschen gestorben, und dann war die Razzia vorbei", erinnert sich Yahkup.

Ärger mit dem Staat um Grundstücke

Die abermalige Verhaftung weckt bei Ibrahim und anderen Christen dunkle Erinnerungen. Seit knapp zwei Jahrtausenden hätten Christen in Südostanatolien gesiedelt - bis viele von ihnen ab dem 19. Jahrhundert aus Angst vor Gewalt und Verfolgung ihre Heimat verließen. Zuletzt wanderten Christen der Region vermehrt nach Deutschland, in die Schweiz oder nach Skandinavien aus.

Doch seit ein paar Jahren kommen einige wieder zurück; manche für den Sommer, ein paar bleiben das ganze Jahr. Seitdem gibt es immer wieder Ärger mit dem Staat um Grundstücke. Die Rückkehrer sehen sich oft zwischen den Fronten von Militär und PKK. "Wir bauen hier unsere Dörfer und Kirchen wieder auf und bleiben unter uns, versuchen uns nicht einzumischen", erklärt Ibrahim.

Bisher haben die Christen laut eigenen Angaben 25 Millionen Euro in ihre alte Heimat investiert. Das sind von der Türkei angesichts der Wirtschaftskrise dringend benötigte Devisen. Die Investitionen ziehen außerdem immer mehr Touristen an, die ebenfalls Geld bringen. Für die Türkei müssten die Christen damit eigentlich ein Segen sein. Doch die Verhaftungen der vergangenen Woche macht vielen von ihnen Angst.

Ein paar Nächte in Polizeigewahrsam reichen manchmal aus, um vor allem Freunde und Familien der Betroffenen unter Druck zu setzen und sie daran zu erinnern, wer in der Türkei das Sagen hat. So wie im Fall eines früheren christlichen Bürgermeisters aus der Gegend, der auch in Deutschland einen Wohnsitz hat. Landsleute wollen erfahren haben, dass auch ihm eine Festnahme droht. Für ein aktuelles Interview stehe er sicherheitshalber nicht zur Verfügung, ließ der Ex-Lokalpolitiker ausrichten. In die Türkei werde er vorerst auch nicht mehr reisen.

Marion Sendker
(KNA)

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