Sex-Vorwürfe gegen Priester
Ein graues und ein weißes Collarhemd

07.01.2020

Als die Niederländer vor 50 Jahren den Zölibat abschafften Die Kirchen-Revolution von Noordwijkerhout

Was in Deutschland "Synodaler Weg" heißt, hat Vorläufer. Vor 50 Jahren, am 7. Januar 1970, entschied das niederländische "Pastoralkonzil", dass katholische Priester nicht mehr ehelos leben müssen. Doch Rom zog nicht mit.

Das Abstimmungsergebnis war überwältigend: Mit 90 zu 6 Stimmen votierte das "Pastoraal Concilie" der Niederlande in Noordwijkerhout für die Abschaffung der Jahrhunderte alten Zölibatsvorschrift für katholische Priester. "Für künftige Priester soll der Zölibat nicht mehr verpflichtend sein", lautete der Beschluss.

Aber er hatte zwei Schönheitsfehler: Der Apostolische Nuntius Angelo Felici hatte unmittelbar vor der Abstimmung unter Protest den Saal verlassen. Und die meisten anwesenden Bischöfe enthielten sich der Stimme - und das, obwohl sie damals noch fast geschlossen zu den progressivsten katholischen Oberhirten der Weltkirche zählten. Trotz der Enthaltung erklärten sie sich unter Führung des Utrechter Kardinals Bernard Jan Alfrink bereit, das Ergebnis in Rom vorzutragen.

Schon beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) hatte Alfrink zu den entschiedenen Modernisierern gehört. Doch mit den revolutionären Beschlüssen des "Pastoralkonzils" stieß er nun bei Papst Paul VI. auf taube Ohren. Der äußerte sich "tief betrübt" über die Voten der Niederländer; eine kirchenrechtliche Umsetzung rückte in weite Ferne.

Chaotische Phase in der katholischen Kirche der Niederlande

In der katholischen Kirche der Niederlande setzte eine chaotische Phase ein. Zahlreiche Priester heirateten, manche leiteten mit oder ohne bischöfliche Erlaubnis weiter Gemeinden und Gottesdienste, Gemeinden spalteten sich. Es begann ein Exodus der Gläubigen, der sich nach der Reise von Papst Johannes Paul II. in die Niederlande im Jahr 1985 noch beschleunigte. Bei dieser Reise machte der Papst unmissverständlich klar, dass er ein Ende des niederländischen Sonderweges verlangte. Die reformorientierten Katholiken reagierten mit teils lautstarken Protesten.

Entschiedener als sein Vorgänger setzte der Papst aus Polen alles daran, die wilden Triebe am niederländischen Kirchenstamm zu kappen.

Zug um Zug ernannte er konservative Bischöfe. Schon 1979 berief er eine niederländische Partikular-Synode im Vatikan ein. Ohne die zehn Jahre alten Voten des "Pastoralkonzils" auch nur mit einem Wort zu erwähnen, beschlossen die Bischöfe im Januar 1980 mehrheitlich, die allgemein gültige Lehre und Kirchendisziplin in allen wesentlichen Punkten zu unterschreiben, auch in Sachen Zölibat. Die Versammlung von Noordwijkerhout und ihre Ergebnisse waren damit Makulatur.

Adrianus Simonis war beim Pastoralkonzil noch ein junger Priester. Er war einer der wenigen konservativen Kritiker des Neuerungskurses. Der Papst machte ihn 1970 zum Bischof von Rotterdam, Johannes Paul II. ernannte ihn 1983 zum Erzbischof von Utrecht und später zum Kardinal.

Auf romtreuen Kurs zurückgeführt

Unter Simonis' Führung wurden die niederländischen Bischöfe wieder auf einen romtreuen Kurs zurückgeführt, doch die meisten der reformorientierten Gläubigen und der inzwischen verheirateten Priester kehrten nicht zurück.

Die Zahl der Katholiken ging in den 50 Jahren nach dem Pastoralkonzil drastisch zurück, von rund 40 Prozent auf nunmehr 24 Prozent der Bevölkerung. Die evangelischen Kirchen verloren in derselben Zeit noch mehr Anhänger, so dass heute die Mehrheit der Niederländer als konfessionslos gilt.

Noch dramatischer sind die Zahlen beim Kirchgang und beim Priesternachwuchs: Nur noch ein Prozent der Katholiken besucht regelmäßig die Sonntagsmesse. Auch die sichtbare Präsenz der katholischen Kirche schwindet stetig. Kirchliche Krankenhäuser und Schulen und sind eine Rarität, die katholische Radboud-Universität von Nijmegen ist eine der letzten ihrer Art. Ob das Pastoralkonzil von Noordwijkerhout diesen rasanten Niedergang beschleunigt oder gar herbeigeführt hat, ist bis heute umstritten. Sicher ist nur, dass es ihn nicht aufgehalten hat.

Ludwig Ring-Eifel
(KNA)

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