Unruhen in Chile
Unruhen in Chile
Demonstranten plündern eine Kirche in Chile
Demonstranten plündern eine Kirche in Chile

12.12.2019

Kirche in Chile zu sozialen Protesten und Vandalismus "Soziale Explosion spiegelt Schieflage der Gesellschaft"

Chile erlebt seit Wochen Unruhen und Proteste. Es gab auch Attacken auf katholische Kirchen. Der Sprecher der Chilenischen Bischofskonferenz, Jaime Coiro, zieht im Interview eine Bilanz der jüngsten Turbulenzen.

KNA: Wie groß ist der Schaden durch Vandalismus an katholischen Kirchen?

Jaime Coiro (Diakon und Sprecher der Chilenischen Bischofskonferenz): Die Situation ist in den einzelnen Diözesen unterschiedlich. Wie die Bischöfe und Verwalter der Diözesen es zuletzt ausgedrückt haben, "besorgt uns die materielle Zerstörung von öffentlichen und privaten Gebäuden sowie Gebetsstätten, die eigentlich Räume von Frieden und Gebet sein sollen". Aber mit diesen Vorfällen erschüttern uns auch die schweren Menschenrechtsverletzungen, die verletzten Gesichter von Kindern, Frauen und Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes, die Toten und Schwerverletzten.

KNA: Was sind die Gründe für den Vandalismus gegen Kirchen? Spielt der Missbrauchsskandal in Chile eine Rolle?

Coiro: Wir haben jüngst Hunderttausende Bürger gesehen, die friedlich und kreativ in ganz Chile demonstriert und ihren Forderungen Ausdruck verliehen haben. Trotzdem haben wir auch intensive Gewalt von kleinen Gruppen erlebt, die Polizisten, kulturelle Einrichtungen, Kirchen, private und öffentliche Infrastruktur und das alltägliche Leben der Menschen attackiert haben.

Die Unzufriedenheit durch Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Missbrauch haben sich in diesen unterschiedlichen Formen ausgedrückt. Hat es Autoritäten, Unternehmen, politische und soziale Führer gegeben, die nicht den Anforderungen der Gesellschaft gerecht geworden sind? Auch Autoritäten und Repräsentanten der Kirche haben viele Chilenen betrogen und sind der Grund für Skandale und Schmerz.

KNA: Fühlen Sie sich angesichts der Übergriffe ausreichend geschützt?

Coiro: Der vordringlichste Schutz, den wir heute in Chile brauchen, ist nicht der für die Kirche und die Gotteshäuser. Wir brauchen Schutz für die verwundbarsten Mitglieder der Gesellschaft, der seit Jahrzehnten immer wieder aufgeschoben wurde. Schutz für jene, die den Konsequenzen von repressiver und zerstörerischer Gewalt ausgesetzt sind, besonders für die Familien von Todesopfern und Verletzten und für Tausende Arbeitslose.

KNA: Welche Rolle spielt die Kirche bei den Sozialprotesten?

Coiro: Die Bischofskonferenz hat betont, dass wir alle Verantwortung dafür tragen, ein bürgerliches Zusammenleben und ein Klima der Freundschaft zu erarbeiten, das Gewalt verhindert - auch wenn das eigentlich vor allem die Pflicht derer ist, die die Verantwortung zur Führung der Gesellschaft übertragen bekommen haben. Deshalb sind die Bischöfe besonders den Gemeinden und Orden, Geistlichen und Laien dankbar, die unser Volk in diesen schwierigen Zeiten begleiten. Und wir wünschen uns, dass sich unsere Kirche weiter als Brücke von Einheit und Frieden, als Haus des Schutzes in Momenten des Schmerzes fühlen kann.

KNA: Wie würden Sie das aktuelle Klima beschreiben?

Coiro: Die Kommission Gerechtigkeit und Frieden der Bischofskonferenz hat erklärt, dass die soziale Explosion, die wir erlebt haben, die Schieflage der Gesellschaft mit ihren Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten widerspiegelt. Wir halten es für fundamental, dass die politischen Entscheidungsträger offen sind für die Rufe, die aus der Gesellschaft kommen. Wir beobachten ein Aufwachen der Bürgerschaft, eine Hoffnung in der Gemeinschaft. Es sind Räume der Teilhabe geöffnet worden, wo die Menschen angehört werden, wo Ungerechtigkeiten, Missbrauch und Schmerz dargelegt werden - ebenso wie Träume von einem gerechteren Zusammenleben.

Die Autoritäten und Parteien, die Zivilgesellschaft, die Universitäten, die Menschen in den Gemeinden und Städten - wir alle müssen über das Land sprechen, das wir wollen. Das erlaubt uns, uns in den Aufbau einer Gesellschaft einzuklinken, die wir alle als unsere eigene empfinden. Und es sorgt dafür, dass wir uns alle verpflichtet fühlen, das Gemeinwohl zu schützen.

Das Interview führte Tobias Käufer.

(KNA)

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