25.07.2019

Misereor-Chef zur Amazonas-Synode Europäische Interessen sind zweitrangig

Wird bei der Amazonas-Synode im Oktober der Zölibat gelockert? Misereor-Chef Pirmin Spiegel warnt im Interview vor einer Vereinnahmung der Synode durch europäische Interessen. Das lenke von den eigentlichen Herausforderungen ab.

DOMRADIO.DE: Monsignore Spiegel, Sie haben selbst in Brasilien als Pfarrer gelebt und kennen die Region Amazonien gut. Warum braucht es eine Amazonas-Synode?

Monsignore Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer des kirchlichen Entwicklungswerkes Misereor): Der Amazonas ist ein riesiges Gebiet, über 20 Mal größer als Deutschland, und seine Ressourcen wurden seit den 1960er Jahren ausgebeutet. Satellitenbilder zeigen heute, welche riesigen Regionen durch Rodung, Viehzucht und den Anbau von Soja schon verloren gegangen sind.

Der Amazonas ist ein lebendes System, das dadurch verändert wird: Regenzeiten verschieben sich zum Beispiel und man merkt, dass die Nicht-Beachtung der eigenen Logik Amazoniens bereits Folgen hat. Amazonien ist die Lunge der Erde und deswegen muss es ein wichtiges Thema der Amazonas-Synode im Oktober sein, die Bedeutung hervorzuheben, die die Region für das Weltklima, die Wirtschaft und die Menschen, die dort leben, hat.

DOMRADIO.DE: Es geht bei der Synode auch um die indigenen Völker, deren Lebensräume bedroht sind. Sie selbst haben mit einigen zusammengelebt. Wie bekommen die diese Entwicklungen zu spüren?

Spiegel: Es gibt keine einheitliche Haltung innerhalb der indigenen Völker. Einige wollen den Fortschritt, andere wollen ihr traditionelles Leben so fortführen, wie sie es seit Jahrhunderten tun. Was man aber hervorheben muss: Die Lebensweise der indigenen Völker ist die beste und nachhaltigste, die man sich vorstellen kann. Sie führen seit Jahrhunderten einen Lebensstil, der die Grenzen ihres Lebensraumes respektiert. Das ist mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen und deshalb muss, wenn Entscheidungen über den Urwald getroffen werden, auch die Weisheit dieser Völker unbedingt mitgehört werden.  

DOMRADIO.DE: Allerdings ist derzeit mit Jair Bolsonaro in Brasilien ein Mann Präsident, dem die Rechte der Indigenen egal sind und der den Amazonas für Investoren freigeben will. Sind Sie besorgt?

Spiegel: Die Sorge ist sehr groß, auch bei unseren Partnern in Brasilien. Bolsonaro hat angekündigt, dass er den Indigenen keinen weiteren Zentimeter Land zur Verfügung stellen will und den Amazonas als Rohstoffquelle freigeben will, um Wirtschaft und Fortschritt anzukurbeln.

Die Frage ist, wie stark Zivilgesellschaft, Kirche und die internationale Gemeinschaft sind, um ihm klarzumachen, dass dies nicht zukunftsfähig ist. Wir müssen neue Dialogkanäle suchen, um Bolsonaro daran zu erinnern, dass Brasilien Verträge unterschrieben hat, an die sich das Land halten muss und dass die Zukunftsfähigkeit des Landes von Amazonien abhängt.

DOMRADIO.DE: Hört Bolsonaro denn auf die Stimme der Kirche?

Spiegel: Die Frage ist, ob Bolsonaro den Herausforderungen gewachsen ist und ob er versteht, welche Folgen diese Art von Wirtschaft und Entwicklung bedeutet. Aber auch er merkt, dass die Zivilgesellschaft in Brasilien und internationale Akteure seine Politik immer stärker in Frage stellen. Der Widerstand wächst.

DOMRADIO.DE: In Deutschland interessiert man sich vor allem für die Frage, ob bei der Amazonas-Synode der Zölibat gelockert wird, ob es beim Zugang zu Weiheämtern zu Änderungen kommt. Ist das eine sehr deutsche Perspektive?

Spiegel: Die Synode fokussiert die Region Amazonien. Diese hat andere Herausforderungen und eine andere Kirchengeschichte als wir hier in Deutschland. Insofern denke ich, dass man unsere Fragen nicht einfach übertragen kann. Damit instrumentalisiert man die Synode letztendlich auch ein Stück weit für unsere Belange.

Gleichzeitig heißt es Synode, bei uns heißt es synodaler Weg. Das ist ein Element, Kirche zu denken, nämlich gemeinsam vom Glauben der Menschen her Wege zu finden, wie Kirche heute ihrem missionarischen Auftrag nachkommt. Insofern denke ich, dass die Ergebnisse der Amazonas-Synode auch unseren synodalen Weg inspirieren können, aber immer unter der Prämisse, dass Lösungen, die dort gefunden werden, nicht kopiert werden können.

DOMRADIO.DE: Wie funktioniert denn Kirche in Amazonien? Sie waren selbst in einer Region, die dünn besiedelt ist und wo es längst nicht in jedem Dorf einen Priester gibt…

Spiegel: Ich war als Pfarrer verantwortlich für 67 Gemeinden, einige waren bis zu 100 Kilometer entfernt. Zu manchen Jahreszeiten konnte ich die nur zu Fuß gehen oder auf dem Esel erreichen. Es gab Gemeinden, die konnte ich nur einmal im Jahr besuchen. Die konnten nur einmal im Jahr Eucharistie feiern, nämlich wenn ich da war. Und das ist essentiell: Die Feier des Letzten Abendmahls, die Feier des Todes und der Auferstehung Jesu. Die Frage ist: Wie können neue Zugänge zum Amt gefunden werden, um diesen Herausforderungen gerecht zu werden?

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie dieses Problem gelöst?

Spiegel: Wir haben es in der Diözese so organisiert, dass fast alle Kapellen einen Tabernakel hatten, die Kirche muss eine gewisse Sicherheit bieten, die Gemeinde musste sich mehrmals pro Woche treffen, eine gewisse Struktur haben und einen Gemeindeleiter. Wenn dies der Fall war, haben wir jeweils in den Gremien der Pfarrei entschieden, dass dort jeden Sonntag die Kommunion ausgeteilt wird.

Aber das war trotzdem eine Herausforderung, denn die Gemeindeleiter – und das waren häufig Frauen – mussten einmal pro Monat in die nächste Gemeinde, 50 bis 60 Kilometer auf dem Esel zurücklegen, um dort geweihte Hostien zu holen. Da haben wir gemerkt, dass dieses System nicht dem entspricht, was wir unter Kirchesein verstehen. Auf diese Fragen versucht die Amazonas-Synode Antworten zu geben. Es gibt also zwei großen Themen: neue Wege für die Kirche und neue Wege für eine ganzheitliche Ökologie.

DOMRADIO.DE: Was wäre Ihr Vorschlag für neue Wege in der Kirche?  

Spiegel: Im Vorbereitungsdokument wird die Frage der "viri probati" aufgeworfen, also die der "Bewährten Männer", die ein Leben im Geiste des Evangeliums führen. Sie könnten geweiht werden, um in abgelegenen Regionen der Eucharistie vorzustehen. Und es wird auch um die Frage gehen, ob Frauen zu Diakoninnen geweiht werden. Es wird spannend zu beobachten sein, ob es zu gemeinsamen Vorschlägen kommt, die der Papst bereit ist mitzugehen. Und inwieweit diese Wege für Amazonien auch Rückwirkungen für uns hier in Deutschland haben.

DOMRADIO.DE: Wofür plädieren Sie?

Spiegel: Es ist ein viel diskutiertes Thema und die Diskussion ist noch lange nicht zu Ende. Ich habe in Frankfurt Theologie studiert und einer meiner Lehrer war der große Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning. Er sagte Ende der 1970er Jahre: "Wenn die Kirche die Arbeiterschaft verliert, dann ist es nicht mehr die Kirche Jesu Christi." Und ich denke heute: Wenn die Kirche aufgrund ihrer Art, diese Fragen anzugehen, die Frauen verliert, dann ist sie auch nicht mehr die Kirche Jesu Christi. Von daher hoffe ich, dass durch den Synodalen Weg diese Fragen ehrlich diskutiert werden und wir zu Ergebnissen kommen, die den Herausforderungen der Kirche heute gerecht werden.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

(DR)

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