Mexiko, Tijuana: Demo mit einem Schild "Keine Karawanen mehr"
Mexiko, Tijuana: Demo mit einem Schild "Keine Karawanen mehr"

19.11.2018

Proteste gegen Flüchtlinge in Mexikos Grenzstadt Tijuana "Die Bevölkerung vor Ort fühlt sich zurückgesetzt"

Migrantenströme aus Mittelamerika stehen kurz vor der Grenze zur USA. Dort geht es aber nicht weiter. Vorerst sind sie im mexikanischen Grenzort Tijuana gestrandet. Zum Unmut vieler Einheimischer, die sich selbst vernachlässigt fühlen.

DOMRADIO.DE: Sie waren kürzlich erst in Tijuana. Wie haben Sie die Situation dort erlebt? Nimmt die Zahl der Demonstranten gegen die Flüchtlinge dort zu?

Reiner Wilhelm (Referent des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat): Das ist ähnlich wie hier bei uns auch: Eine Stimmung, die mehr und mehr Raum gegen die Migranten aus den mittelamerikanischen Ländern greift. Man merkt aber andererseits auch, dass die Hilfsbereitschaft nach wie vor unheimlich groß ist. Etwa haben sich die Bischöfe sehr dezidiert auf die Seite der Migranten gestellt. Auch Präsident Pena Nieto und sein zukünftiger Nachfolger. Sie haben ihre Hilfen zugesagt, sie wenigstens bis an die Grenzen zu bringen. Sie haben ihnen Asyl angeboten, wenn sie im Süden bleiben sollten. Das haben die Migranten allerdings abgelehnt.

DOMRADIO.DE: Tijuana ist von Migranten aufgebaut worden. Die Stadt an der Grenze zu den USA weiß eigentlich mit Migranten umzugehen. Es gibt auch Migrantenheime. Wie sieht die praktische Unterstützung für Flüchtlinge aus?

Wilhelm: Es gibt einige Migrantenheime in der Trägerschaft der Kirche. Das sind die Escalabrinianos. Dort helfen Frauen und Männer, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Es gibt zudem mehrere Migrantenheime, die in privater Trägerschaft sind. Das heißt, es ist ein richtiges Netzwerk um die Migranten entstanden. Migranten in Tijuana gehören zum Alltag dazu. Das ist über Jahrzehnte gewachsen.

Ein großes Problem ist aber, dass sich die Bevölkerung vor Ort zurückgesetzt fühlt. Man denkt und man glaubt, man kümmert sich nur um die Migranten und lässt die Armen eigentlich dann vor sich hindarben. Aber das ist eben nicht so. Denn es gibt auch Initiativen, die sich nicht nur um die Migranten, sondern ganz allgemein um die Armen kümmern. Man versucht vor allem von der Kirche aus, Projekte aufzubauen und ihnen auch Hilfestellungen zu geben und das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat hilft auch in diesem Bereich.

DOMRADIO.DE: Dass die Demonstranten auf den Straßen oft rufen 'Mexiko First', zeigt auch, dass die Leute sich zurückgesetzt fühlen. Inwieweit ist denn die Situation in der Stadt durch das aggressive Auftreten von US-Präsident Donald Trump aufgestachelt worden? Er hat ja im Wahlkampf zu den Kongresswahlen behauptet, das seien fast nur Kriminelle, die da auf der Flucht seien.

Wilhelm: Es sind eigentlich Menschen, die vor der Gewalt und der Perspektivlosigkeit in ihrer eigenen Heimat geflohen sind. Vor allem junge Menschen sehen, außer dass sie von den Banden akquiriert werden, keine Möglichkeit, ein gutes Leben für sich und ihre Familien aufzubauen. Deswegen bleibt ihnen meist keine andere Chance. Wer nimmt freiwillig die Gefahr von Verletzungen, von Tod in Kauf? Wer verlässt gerne seine Heimat und geht dann irgendwo hin, wo man nicht weiß, was einen dort erwartet? Die Not in ihren Heimatländern ist immens groß. Der Druck ist deswegen auch sehr groß, denn für Migranten in Mexiko ist der Durchgang oder die Durchfahrt sehr gefährlich.

DOMRADIO.DE: Die Migranten haben auch kaum Aussicht, in den USA Asyl zu bekommen. Was passiert jetzt mit denen? Ist eine Lösung in Sicht?

Wilhelm: Es gibt ein sogenanntes humanitäres Asyl, was in den USA, aber auch in Mexiko vergeben wird. Es ist für Menschen, die nachweisen können, dass sie vertrieben worden sind und dass sie von Gewalt bedroht werden. Das ist natürlich - wie überall - schwierig nachzuweisen. Wenn sie Gewalterfahrungen in Mexiko gemacht haben, dann kann man das natürlich auch vor Ort einklagen und da gibt es das sogenannte humanitäre Asyl. Die Zahlen sind allerdings sehr gering.

Von Tijuana aus selber kann man beim US-amerikanischen Konsulat einen Antrag stellen, das dauert sehr lange und die Aussichten sind sehr gering. Unsere Partner, die Scalabrinianerinnen, arbeiten genau in diesem Bereich und es kommen regelmäßig Rechtsanwälte von der anderen Seite, von Santiego, die dort diese Prozesse und diese Fälle begleiten. Trotzdem ist die Situation relativ schwierig und sehr kompliziert.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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