Kardinal George Pell
George Pell (4.v.l), bisheriger Finanzchef des Vatikans, verlässt das Gericht, den County Court of Victoria

13.08.2018

Nummer drei des Vatikans kommt vor Gericht Ein Kardinalfall

Die katholische Kirche wird das Missbrauchsthema nicht los. Als bislang höchster Würdenträger muss sich Vatikan-Finanzchef George Pell einem Prozess stellen. Der Kurienkardinal aus Australien weist alle Vorwürfe zurück.

Man hat schon länger nichts mehr von George Pell gehört. Im "Sydney Morning Herald", Australiens ältester Zeitung, stand vor ein paar Wochen in der Klatschkolumne, dass sich der 77-jährige Kurienkardinal bei einer Hochzeit amüsiert habe. Mehr nicht. Das ist verhältnismäßig wenig, wenn man bedenkt, dass der enge Vertraute von Papst Franziskus demnächst vor Gericht kommt, weil er Kinder in früheren Jahren sexuell missbraucht haben soll.

Das Missbrauchsthema wird die römisch-katholische Kirche jetzt schon seit einer ganzen Weile nicht mehr los. Doch höher hinauf in die Hierarchie reichten die Vorwürfe noch nie. Als Finanzchef des Vatikans ist Pell, ein konservativer Mann aus einfachen Verhältnissen, die inoffizielle Nummer drei des Kirchenstaats. Zu viel mehr Macht kann man es nicht bringen. Es gab Zeiten, da wurde der Australier als künftiger Papst gehandelt.

Die Heimatkirche tut sich schwer mit der Aufarbeitung

Damit ist es vorbei. Ersten Schaden nahm der Ruf von Australiens prominentestem Kirchenmann, weil sich seine Heimatkirche mit der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen enorm schwer tat. Einige der besonders schlimmen Schilderungen kamen aus Pells Geburtsort Ballarat. Dort war er Priester, bevor er es zum Erzbischof von Melbourne und dann von Sydney brachte. Viele Jahre später, schon als Kardinal, sagte er in einer Anhörung dazu: "Das war eine traurige Geschichte und sie hat mich nicht groß interessiert."

Dann gab es auch immer mehr Vorwürfe gegen Pell persönlich, worüber weltweit breit berichtet wurde. Im Juni 2017 ließ er sich vom Papst beurlauben, um sich besser verteidigen zu können. Offiziell ist er aber immer noch im Amt. Franziskus hält den Stuhl für ihn bis heute frei, auch wenn kaum noch jemand mit Pells Rückkehr rechnet.

Kardinal plädiert auf nicht schuldig

Bevor der Kardinal sich aus Rom verabschiedete, beschwerte er sich noch über "unerbittlichen Rufmord". "Ich bin unschuldig. Diese Anschuldigungen sind falsch. Die ganze Vorstellung von sexuellem Missbrauch ist abscheulich für mich." Auch in den Anhörungen der australischen Justiz plädierte der Kardinal auf nicht schuldig.

Die Hoffnung, um einen Prozess herumzukommen, erfüllte sich jedoch nicht. Zwar blieb ein Großteil der Vorwürfe auf der Strecke - aber eben nicht alle. Im Frühjahr ließ eine Richterin nach zweimonatigen Vorprüfungen die Anklage zu. Sexueller Missbrauch an Kindern verjährt in Australien nicht. Die Höchststrafe liegt bei 25 Jahren Haft.

Spitzename "Big George"

Für den erfolgsverwöhnten Kardinal war das ein harter Schlag. Zuhause haben ihm die Leute den Spitzenamen "Big George" gegeben. Das hat mit der imposanten Figur zu tun, die der ehemalige Football-Spieler auch mit 77 Jahren noch hat, mit seinem Einfluss und wahrscheinlich auch mit seinem Ego. Pell war bislang auch keiner, der mit seiner Meinung hinter dem Berg hielt. In Australiens oberen Schichten ist er immer noch bestens vernetzt.

Dass man nun so wenig über das bevorstehende Verfahren erfährt, hat mit den Besonderheiten des dortigen Justizsystems zu tun. Die Gerichte können sehr strikte Regeln erlassen, die die Berichterstattung über Prozesse massiv einschränken, auch über Australien hinaus. Damit soll der Angeklagte geschützt, vor allem aber eine Beeinflussung der Geschworenen verhindert werden. Verstöße könnten hart bestraft werden. Zudem besteht das Risiko, dass ein ganzer Prozess platzt.

Ein Gottesmann muss vor ein weltliches Gericht

Wenn Australiens Medien jetzt noch über den Fall berichten, dann in der immer gleichen, einigermaßen merkwürdigen Formulierung: dass sich Pell vor dem County Court von Melbourne wegen "historischer Sexualstraftaten gegen Kinder" verantworten müsse. Das ist der Kern der Nachricht: Der Gottesmann muss vor ein weltliches Gericht. Mehr aber auch nicht.

Auch aus dem Vatikan verlautete zu dem Fall offiziell schon länger nichts mehr. Umso energischer zeigte sich der Papst, was andere Missbrauchsskandale betrifft: Im Juli nahm Franziskus den Rücktritt eines prominenten US-Kardinals an, dem sexuelle Belästigung Minderjähriger vorgeworfen wird. Kurz darauf nahm er den Rücktritt eines australischen Erzbischofs an, der bei der Vertuschung von Vorwürfen gegen einen anderen Geistlichen geholfen hatte.

Christoph Sator
(dpa)

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