Afghanische Flüchtlingskinder
Afghanische Flüchtlingskinder
Dr. Meike Riebau, Save the Children
Dr. Meike Riebau, Save the Children

15.05.2018

Save the Children fordert kindgerechte Flüchtlingsunterkünfte "Wir müssen uns jetzt kümmern"

Die Rechte von Kindern in Flüchtlingsheimen in Deutschland kommen zu kurz - zu dieser Einschätzung kommt eine Studie der Hilfsorganisation Save the Children. Sie kritisiert unter anderem eine Zwei-Klassen-Medizin und mangelhaften Zugang zu Bildung.

DOMRADIO.DE: Sie kritisieren die Zustände in den Flüchtlingsunterkünften, gerade, was die Kinder angeht. Was sind denn das für Zustände, was kritisieren Sie?

Meike Riebau (Rechtspolitische Sprecherin der Hilfsorganisation Save the Children): Wir haben in unserer Studie beobachtet, dass es in allen Bereichen Mängel gibt. Dabei haben wir uns vier zentrale Rechte von Kindern angeschaut: Das Recht auf Gesundheit, das Recht auf Schutz, das Recht auf Beteiligung und das Recht auf Bildung. In jedem einzelnen Bereich fallen die Unterkünfte hinter dem zurück, was die UN-Kinderrechtskonvention eigentlich gebietet. 

Ein Beispiel aus dem Bereich der Medizin: Wir haben eine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland für geflüchtete Kinder. Sie haben oft keinen Zugang zu Brillen, die sie dringend brauchen. Wenn sie an chronischen Krankheiten leiden, werden sie ganz oft nicht ausreichend betreut und behandelt. Das darf nicht sein. 

DOMRADIO.DE: Sie sind direkt in die Unterkünfte gegangen und haben mit Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 17 Jahren selbst gesprochen. Was erzählen die Ihnen? 

Riebau: Es sind ganz unterschiedliche Geschichten. Auf der einen Seite sind es Geschichten von Hoffnung und viel Blick in die Zukunft. Alle Kinder, die hier ankommen wollen lernen, wollen sich eine eigene Zukunft aufbauen. Genauso wie ihre Familien, mit denen wir ebenfalls gesprochen haben und die Akteure und Akteurinnen aus den Unterkünften. 

Auf der anderen Seite berichten die Kinder uns natürlich auch von dem, was sie auf ihrer Reise hierher erlebt haben. Das sind oft traumatisierende Erlebnisse, die sie hier in den Unterkünften nur unzureichend verarbeiten können, weil es oft an Personal, an Ansprechpartnern, an allem möglichen mangelt, um tatsächlich mit diesen sehr, sehr schweren und belastenden Situationen zurechtzukommen. Das wiederum wirkt sich auf die Zukunft aus. Deshalb nennen wir unser Programm "Zukunft von Ankunft an". Wir sagen nämlich: Jetzt muss man sich kümmern und jetzt muss man in die Wege leiten, dass diese Kinder eine bessere Zukunft haben – in diesem Land oder vielleicht anderswo.

DOMRADIO.DE: Wie sollen dieses Kümmern und die bessere Zukunft denn aussehen? Was fordern Sie als konkrete Schritte?

Riebau: Insgesamt fordern wir, dass Kinder mitbedacht werden in allen Maßnahmen für die der Staat verantwortlich ist. Das richtet sich an die Bundesebene, die Landesebene aber auch an die kommunale Ebene. Wir sehen, dass die Kinderrechtskonvention in all diesen rechtlichen, aber auch praktischen Handlungen nicht präsent ist. Sie ist nicht in den Köpfen der Menschen. Das hat dann tatsächlich zur Folge, dass die Kinder am Ende darunter leiden.

DOMRADIO.DE: Eine ihrer Ideen ist ein Unterkunfts-TÜV. Wie würde der aussehen?

Riebau: Ein solcher Unterkunfts-TÜV muss man sich wie ein Ampel-System vorstellen. Wir haben verschiedene sogenannte Indikatoren herausgefiltert, zum Beispiel: Wo liegt die Unterkunft? Ist sie gut an das öffentliche Nahverkehrssystem angebunden? Gibt es Zugang zu Vereinen? Gibt es Zugang zu Schulen und Bildung? All das zusammen ergibt dann am Ende eine Bewertung, ob eine solche Unterkunft tatsächlich kindgerecht ist. 

DOMRADIO.DE: Wir diskutieren im Moment auch die sogenannten Anker-Zentren. Es soll darum gehen, dass in den nächsten Monaten in Deutschland mindestens sechs Flüchtlingsheime entstehen werden, wo die Menschen schon komplett betreut werden - wo sie wohnen, wo das komplette Asylverfahren bis zur Anerkennung oder Abschiebung stattfinden soll. Was würde das denn für die Familien und insbesondere für die Kinder bedeuten?

Riebau: Wir halten das insgesamt für eine sehr besorgniserregende Entwicklung, gerade vor dem Hintergrund dessen, was wir aus der Studie wissen. Dieses Abschirmen und zentralistische Vorgehen ist eigentlich genau das Gegenteil von dem, was es laut unserer Studie braucht, um Menschen hier ein gutes Ankommen zu ermöglichen. Deshalb hoffen wir, dass wir mit der Politik noch ins Gespräch kommen und sie sich diese Erkenntnisse zu eigen macht. Es kann nicht in ihrem Interesse sein, Menschen am Ende in Isolation zu halten. Denn das wirkt sich langfristig negativ aus. Mit den Folgen werden wir alle zu kämpfen haben.  

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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