Unterirdische Basilica sotterranea di Porta Maggiore in Rom
Unterirdische Basilica sotterranea di Porta Maggiore in Rom

18.03.2018

Ein antiker Kultort in Rom birgt noch viele Geheimnisse Die älteste Basilika der Welt

Ein Zufallsfund vor gut 100 Jahren: Römische Bahnarbeiter stießen auf eine unterirdische Basilika. Es könnte der Urtyp einer christlichen Kirche sein - dabei ist ihre Geschichte bis heute nicht geklärt.

Wo sonst könnte die "Mutter aller Kirchen" stehen als in Rom - die Lateranbasilika führt diesen stolzen Titel. Aber es gibt noch eine andere Mutter, eine vergessene, seit jeher versteckte, eine Heidin: die unterirdische Basilika bei der Porta Maggiore. Sie gilt als älteste Zeugin dieses Bautyps, stammt aus der Zeit Jesu und steckt voller Rätsel. Nur allmählich wird sie wiederentdeckt.

Niemand wusste von ihr - bis 1917 die Gleise zum römischen Hauptbahnhof ausgebaut wurden. Der Boden sackte ein, und unter dem Schlund tat sich ein antiker Saal auf: zwölf Meter lang, durch drei Pfeilerpaare in zwei schmalere Seitenschiffe und ein breiteres Hauptschiff mit Apsis unterteilt, die Gewölbe und Wände über und über geschmückt mit Stuckreliefs aus der antiken Mythologie.

Motive von Wachstum und Wandlung

Da erscheinen der Held Herakles und der Sänger Orpheus, der seine Frau aus der Unterwelt befreite; der schöne Ganymed, wie er von Zeus auf den Olymp entführt wird, und die Dichterin Sappho, die im Begriff ist, sich aus verschmähter Liebe vom Leukadischen Felsen zu stürzen.

Es sind Motive, die von Wachstum und Wandlung erzählen, von der Befreiung der Seele und dem Übergang zum Jenseits.

Keine Frage: Hier ist ein Ort des Glaubens. Aber über den genauen Zweck dieses Baus waren die Forscher so ratlos, dass sie ihn einfach "Basilica sotteranea" nannten, "unterirdische Basilika". Sie könnte das direkte Vorbild frühchristlicher Gotteshäuser sein. Doch als nach dem Ende der Verfolgungen Christen im 4. Jahrhundert begannen, Kirchen zu bauen, war diese Basilika gut 200 Jahre verfallen - und vergessen.

Verborgener Zugang

Geheimnisvoll verborgen liegt der Zugang: am verkehrsumtosten Beginn der Via Prenestina, hinter einem Bauzaun, der mit vergammelten Sichtschutzplanen behängt ist. Von einem Klinkerbau, praktisch nur eine Ausbuchtung der Stützmauer für die Bahngleise darüber, geht es eine Treppe hinunter durch schwere Schleusentüren, die das Raumklima konstant kühl und feucht halten.

Versteckt war die Basilika schon vor 2.000 Jahren. Man erreichte sie durch einen gedeckten Gang, über den heute die Züge rollen. Der Weg führte metertief hinab in den weichen Tuffstein. Licht kam durch eine sorgsam getarnte Öffnung in der Kuppel eines Vorraums.

Aber warum dieser Prachtsaal im Untergrund? Wissenschaftler schlugen zwei Thesen vor: Es könnte sich um ein nobles Familiengrab gehandelt haben oder um den Versammlungsraum einer Mysteriengemeinschaft.

Heutige Experten der römischen Archäologiebehörde neigen dazu, beides für richtig zu halten. Demnach erbaute Titus Statilius Taurus, Mitglied des Stadtadels und Konsul im Jahr 11, die Basilika als Grabmal. Jüngste Restaurierungen erbrachten aber Hinweise auf eine andere Nutzung noch in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts - offenbar durch eine Kultgemeinde.

Sie gruppierte sich wohl um den gleichnamigen Sohn des Taurus. Auch er amtierte als Konsul - im Jahr 44 - und wurde nachfolgend Prokonsul für Afrika. Seine Gärten bei der heutigen Porta Maggiore weckten den Neid von Agrippina, der Mutter Neros. Ihr kam es gut zupass, dass Taurus einem merkwürdigen fremden Glauben anhing, vermutlich der neopythagoreischen Lehre; als ihm deswegen eine Verurteilung drohte, zog er den Suizid vor.

Modriger Hohlraum

Als sicher gilt, dass der Komplex noch im ersten Jahrhundert aufgegeben war. Geröll und Erdreich brachen ein, die herrlichen Gewölbe mutierten zu einem modrigen Hohlraum. Bald wusste niemand mehr um die Basilika.

Erst Generationen später sollte die Frage aufkommen, wie Christen ihre Kultorte gestalten könnten. Solange sie verfolgt waren, feierten sie ihre Gottesdienste einfach in Wohnhäusern. Kaiser Konstantin (306-337) fand für die inzwischen legale Religion eine Bauform, die das Staatstragende unterstrich und sich zugleich von den alten Tempeln abhob: die "Königshalle" oder Basilika - ein Langraum, in dessen Apsis statt des irdischen Herrschers nun der König Christus verehrt wurde.

Das vermutlich erste Gotteshaus dieses Bautyps war die Lateranbasilika, eine kongeniale Neuerfindung jener Basilika, die einen Spazierweg entfernt im Boden schlummerte. Sie, die geistige Mutter der Mutter aller Kirchen, ist dem Vergessen entrissen. Jetzt befreien Restauratoren mit moderner Laser-Technik die fein modellierten Reliefs von einer Patina aus Staub und Kalkverkrustungen. Aber alle Geheimnisse gibt die Basilika noch lange nicht preis.

Burkhard Jürgens
(KNA)

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