Russlands Präsident Putin in einem russisch-orthodoxen Gottesdienst
Russlands Präsident Putin in einem russisch-orthodoxen Gottesdienst

04.02.2018

Seit 100 Jahren Trennung von Staat und Kirche in Russland Der Untergang einer Staatskirche

​Vor 100 Jahren besiegelte Lenin die Trennung von Staat und Kirche in Russland. Das Dekret ist das Startsignal für die brutale Unterdrückung der Kirche und die Verfolgung von Geistlichen.

Konstantin Pobedonoszew (1827-1907) ist der Inbegriff der einstigen Verbindung von Thron und Altar in Russland. Die graue Eminenz des Zarenhauses hatte enormen Einfluss auf Alexander III. Von 1880 bis 1905 steuerte Pobedonoszew, ein emeritierter Rechtsprofessor, als De-facto-Oberhaupt Russlands orthodoxe Kirche. In Personalunion war er Minister für Religionsfragen und "Oberprokuror" (Supervisor) des obersten Leitungsgremiums der Kirche, des Heiligen Synods. Die Bischöfe nutzte er als verlängerten Arm des Zaren. Für ihn waren es schlicht Staatsbeamte.

Diese Symbiose von Kirche und Staat beendete Revolutionsführer Lenin jäh. Der von ihm geführte Rat der Volkskommissare trennte sich mit einem am 5. Februar 1918 veröffentlichten Dekret nicht nur endgültig von der Kirche, sondern nahm ihr auch alle Vorrechte. Allein die Gewissensfreiheit wird darin formal garantiert. "Jeder Staatsbürger kann sich zu jeder beliebigen Religion oder auch zu keiner bekennen", heißt es. Kirchenprozessionen duldeten die kommunistischen Machthaber jedoch nur noch einige Jahre lang. Dann wurden auch sie unterdrückt.

Staat ohne Kirche?

Die antireligiöse Note findet sich freilich schon im Dekret: "Die Schule wird von der Kirche getrennt. Unterricht in religiösen Lehren wird in staatlichen oder allgemeinen Schulen nicht zugelassen, auch nicht in privaten Lehranstalten." Doch das Regime verbot den Religionsunterricht nicht nur. Es unterstellte bereits wenige Wochen zuvor alle rund 35.000 kirchlichen Schulen sowie die theologischen Ausbildungsstätten dem Volkskommissar für Bildung. Ihren gesamten Landbesitz verlor die Kirche bereits im November 1917 an den Staat.

Zur kirchenfeindlichen Politik gehörte auch die Ende 1917 angeordnete Übernahme des Geburts-, Todes- und Eheregisters, das bisher die Pfarreien führten. Die Zivilehe ersetzte die kirchliche Trauung. Alle Geistlichen des Heeres und der Marine sowie anderer staatlicher Institutionen wurden geschasst. Sämtliche kirchliche Gebäude gingen in staatlichen Besitz über. Das Dekret "Über die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche" war also nur die Krönung eines bereits seit Monaten andauernden Feldzugs.

Priester waren unbeliebt

Zur Hilfe kam den kommunistischen Machthabern der schlechte Ruf vieler Bischöfe und Pfarrer. Sie galten als staatshörig. Unbeliebt bei den Gläubigen war obendrein, dass Priester ihr Pfarramt oft dem eigenen Sohn vererbten. Die meisten russischen Intellektuellen hatten sich von der Kirchenführung abgewandt.

So hatte es Lenin leicht bei der Unterdrückung der einst stolzen Kirche. Allzu schroffe Formulierungen vermied er in dem Dekret allerdings. Die Liquidierung der Kirche kleidete er in geschmeidige Worte, um die orthodoxen Russen nicht vor den Kopf zu stoßen. 

Prozesse gegen Priester

Hart traf die bisherige Staatskirche der Schachzug der Staatsspitze, fortan kleine Splitterkirchen zu bevorzugen. Die rechtliche Vorrangstellung der orthodoxen Kirche gegenüber anderen Konfessionen und Religionen endete im November 1917. Die Regierung unterstützte besonders in den 1920er-Jahren massiv die "Erneuerer-Bewegung", die sich den Namen "Lebendige Kirche" gab.

Ihre Geistlichen traten in Prozessen gegen Priester, die dem Moskauer Patriarchen die Treue hielten, als Belastungszeugen auf. Bereits in den ersten fünf Jahren der Sowjetherrschaft wurden mehr als 20.000 Priester, Mönche und Nonnen, darunter auch einige Dutzend Bischöfe, verhaftet. Manche von ihnen wurden unmittelbar hingerichtet.

Kirche in Russland heute

Heute sieht die Welt in Russland anders aus. Kremlchef Wladimir Putin und der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. hofieren sich gegenseitig. Das Kirchenoberhaupt gilt als getreuer Gefolgsmann des Staatspräsidenten. Doch dieses Klischee wird ihm nicht gerecht. Der Patriarch verfolgt eigene Ziele.

Kyrills größte politische Erfolge sind, dass an russischen Schulen seit 2012 wieder orthodoxe Religion unterrichtet wird und die Kirche fast alle zu Sowjetzeiten verstaatlichten Gotteshäuser zurückerhalten hat. Bei aller Nähe zu Putin folgt der Patriarch dem Staatspräsidenten nicht immer. Als der Kreml die Kirche drängte, der georgisch-orthdoxen Kirche Südossetien und Abchasien wegzunehmen, erteilte Kyrill I. dem eine Absage. Stattdessen versicherte er den Georgiern seine tiefe Freundschaft.

Auch die im März 2014 von Russland annektierte ukrainische Schwarzmeerhalbinsel Krim beließ der Patriarch unter ukrainischer Kirchenverwaltung. Allerdings hat er die Einverleibung der Krim durch Russland nie kritisiert.

Oliver Hinz
(KNA)

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