Papst Johannes Paul II. spricht in der Kathedrale von Santiago de Compostela am 9. November 1982.
Papst Johannes Paul II. spricht in der Kathedrale von Santiago de Compostela am 9. November 1982.

23.10.2017

Papst Johannes Pauls II. 1982 in Santiago de Compostela "Ich kann es!" - Ein Weckruf

Als Papst Johannes Paul II. Santiago de Compostela besuchte, war vom heutigen Pilgerboom nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Mit seiner visionären europapolitischen Rede 1982 erweckte der Papst den Symbolort des Kontinents erst zu neuem Leben. 

Wir dokumentieren Auszüge aus der Ansprache Papst Johannes Pauls II. vom 9. November 1982:

"(...) Ich sehe von Santiago de Compostela aus den europäischen Kontinent vor mir: das ausgedehnte Straßennetz, das die Städte und Nationen miteinander verbindet; und jene Wege, die schon im Mittelalter hierher führten und immer noch ungezählte Scharen von Pilgern zur Verehrung des Apostels lenken. Seit dem 11. und 12. Jahrhundert pilgerten Gläubige aus allen Teilen Europas über den Jakobsweg zum Grab des Jakobus bis zur Finis terrae - dem Ende der Erde, wofür die Menschen damals diese Landschaft noch hielten.

 

Hierher kamen Christen aus allen gesellschaftlichen Schichten, vom König bis zum ärmsten Dorfbewohner (...) und mit unterschiedlichem geistigen Niveau. Es kamen Heilige wie Franz von Assisi und Brigitte von Schweden bis hin zu vielen Sündern, die hier nach Vergebung suchten. (...)

 

Schon Goethe hat erkannt, dass das Bewusstsein Europas aus der Wallfahrt erwachsen ist. (...) Die Pilgerreise nach Santiago war eines der wichtigsten Elemente, um das gegenseitige Verständnis so verschiedener Völker wie der Lateiner, Germanen, Kelten, Angelsachsen und Slawen zu fördern. (...) Sie brachte Menschen näher zusammen, verband und einte sie. Über Jahrhunderte begegneten sich auf der Pilgerfahrt Menschen als Zeugen Jesu Christi, die sich zur Frohen Botschaft bekannten (...).

 

So richte ich meinen Blick von hier auf Europa als jenen Kontinent, der so viel zur Entwicklung der Welt beigetragen hat, im Bereich der Ideen wie in Bereichen von Arbeit, Wissenschaft und Künsten. (...) Aber ich kann auch nicht von der Krise schweigen, die das christliche Zeitalter an der Schwelle zum dritten Jahrtausend kennzeichnet.

 

Politisch ist Europa geteilt. Seine unnatürlichen Brüche erlauben den Völkern nicht mehr, sich in einem Klima der Freundschaft zu begegnen - und freiwillig ihre Kräfte und Fähigkeiten solidarisch im Dienst friedlichen Zusammenlebens und zur Lösung gemeinsamer Probleme zu bündeln.

 

Das Zusammenleben ist verweltlicht und von Ideologien geprägt, die von einer Leugnung Gottes und der Beschränkung von Religionsfreiheit bis zu einer Überbewertung wirtschaftlichen Erfolgs gegenüber den menschlichen Werten von Arbeit und Produktion reichen. Das reicht von den Weltanschauungen von Materialismus und Hedonismus - die die Werte von Familie, empfangenem Leben und moralischem Schutz der Jugend infrage stellen - bis zu einem Nihilismus, der den Willen zur Auseinandersetzung mit den wirklich entscheidenden Problemen lähmt: den neuen Armen, den Emigranten, ethnischen und religiösen Minderheiten, den rechten Gebrauch der Medien - und die zugleich den Terrorismus mit Waffen beliefert.

 

(...) So rufe ich, Johannes Paul, Sohn der polnischen Nation, (...) dir, Altes Europa, von Santiago aus voll Liebe zu: Kehre um! Finde zu dir zurück! Sei wieder du selbst! Besinne dich auf deinen Ursprung! Belebe deine Wurzeln neu! Baue deine geistige und freie Einheit wieder auf in einer Atmosphäre der Achtung gegenüber anderen Religionen! (...) Noch immer kannst du Leuchtturm der Zivilisation und Anreiz zum Fortschritt für die Welt sein. Die anderen Kontinente blicken auf dich - und hoffen, von dir die Antwort des heiligen Jakobus zu hören, die er einst Christus gab: 'Ich kann es!'"

(KNA)

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