Kinder im Jemen mit Essensmarken einer Hilfsorganisation
Kinder im Jemen mit Essensmarken einer Hilfsorganisation

10.10.2017

Bischof Hinder zur humanitären Katastrophe im Jemen "Für die meisten zu weit weg"

Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit spielt sich im Jemen eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der jüngsten Zeit ab. Doch warum bleibt die internationale Aufmerksamkeit aus und welche Perspektiven gibt es für die Menschen dort?

KNA: Im Jemen herrscht seit Jahren Krieg beziehungsweise Bürgerkrieg. In dem ärmsten Land dieser Region liefern sich seit Jahren schiitische Huthi-Rebellen und die sunnitisch geprägte Zentralregierung einen kriegerischen Machtkampf. Die Lage der einfachen Bevölkerung spitzt sich zu: Hunger, Krankheiten, Gewalt. Besonders die Schwächsten sind bedroht, Kinder und Alte. Hinzu kommt aktuell eine schwere Cholera-Epidemie. Wie beurteilen Sie die aktuelle humanitäre Lage im Jemen?

Bischof Paul Hinder (Schweizer Kapuziner und Leiter des Apostolischen Vikariats Südarabien): Der Jemen leidet seit Jahrzehnten unter inneren Konflikten. Der offene Ausbruch des Bürgerkrieges im Frühjahr 2015 und die Intervention Saudi-Arabiens mit seinen Alliierten haben die Lage dramatisch verschärft und zur gegenwärtig katastrophalen Situation geführt. Die Infrastruktur ist in wichtigen Teilen des Landes beschädigt oder gar zerstört. Das gilt nicht nur für das Verkehrssystem, sondern auch und gerade für das Gesundheitssystem wie Spitäler und die medizinische Versorgung allgemein.

Das mehrfach geteilte Land kann kaum mehr bereist werden. Die Einfuhr von Hilfsgütern ist erschwert und für gewisse Teile des Landes praktisch verunmöglicht. Die Konsequenz: Unzählige Menschen haben zu wenig zu essen und keinen Zugang zu gesundem Wasser. Der Ausbruch der Cholera war eine Frage der Zeit und hat unterdessen Tausende von Opfern gefordert, auch und gerade weil die medizinische Versorgung nicht genügend funktioniert.

KNA: Welche Rolle spielen die Religionen im aktuellen Konflikt?

Hinder: Die Jemeniten sind ein religiöses Volk. Allerdings hängen sie zum größten Teil zwei verschiedenen "Konfessionen" innerhalb des Islam an. Diese Verschiedenheit war lange Zeit kein wesentliches Problem. Die wachsende Affinität der Sunniten, der rund 56 Prozent der Bevölkerung angehören,) mit Saudi-Arabien und der schiitischen Zaiditen, die etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, mit Iran hat zur Verschärfung des Konflikts geführt und die Perspektive auf einen dauerhaften Frieden in die Ferne rücken lassen.

Die Christen und andere religiöse Minoritäten spielen in diesem Konflikt schon wegen ihrer zahlenmäßigen Schwäche keine Rolle.

KNA: Gibt es Aussichten, dass sich die Lage in absehbarer Zeit entspannen könnte? Wer hat Einfluss auf die Kriegsparteien?

Hinder: Die Aussichten auf ein Ende des Konflikts sind nicht rosig. Allerdings könnten der internationale Druck und die wirtschaftlichen Probleme die Wirkung haben, dass sich die Kriegsparteien ernsthaft um einen Waffenstillstand und einen späteren Friedensschluss bemühen. Wenn es gelingt, die Verhandlungen so zu Ende zu bringen, dass keine der Parteien das Gesicht verliert - ein in der arabischen Kultur besonders wichtiger Aspekt - könnte es trotz aller Schwierigkeiten einen Silberstreifen am Horizont geben. Zudem sollte man die Einbindung der Stämme in den Prozess nicht vernachlässigen.

Wer wirklichen Einfluss auf welche Kriegsparteien hat, ist nicht immer leicht zu sagen. Hinter Saudi-Arabien und seinen Alliierten haben sicher die USA ein wichtiges Wort zu sagen. Auf der anderen Seite muss Iran ebenfalls an Bord geholt werden, damit Verhandlungen eine Chance haben. Ganz allgemein gilt: Solange es Leute gibt, die an diesem Krieg gewinnen, wird er auch weiter schwelen. Und diese Leute sitzen in den meisten waffenproduzierenden Ländern der Welt!

KNA: Haben Hilfsorganisationen ausreichend Zugang zu den bedürftigen Menschen?

Hinder: Die Hilfsorganisation haben sicher keinen ausreichenden Zugang zu den Notleidenden. Das hängt zum Teil an der See- und Luftblockade, zum Teil am politischen Unwillen, internationalen Organisationen Zutritt zu gewähren. Trotz allem sind aber der Rote Halbmond (Rotes Kreuz), Ärzte ohne Grenzen, Medeor und andere in beschränktem Maße weiterhin im Land aktiv tätig. Allerdings ist es nicht leicht, zuverlässige Informationen über die Aktivitäten vor Ort zu bekommen.

KNA: Was erwarten Sie von anderen Staaten, von Europa, den USA?

Hinder: Ich erwarte von allen Staaten, ob im sogenannten Westen oder Osten, dass sie weniger auf eine kriegerische Lösung des Konfliktes setzen, sondern Druck ausüben, um die Konfliktparteien ernsthaft an den Verhandlungstisch zu bringen. Gleichzeitig Bomben abzuwerfen und Friedensgespräche zu führen ist weder glaubwürdig noch effizient.

KNA: Wie erklären Sie es sich, dass die Welt - zumindest aber die Öffentlichkeit in Deutschland - kaum Notiz nimmt von der Situation im Jemen? Naturkatastrophen wie die Hurrikane in der Karibik und die Erdbeben in Mexiko oder politische Brennpunkte wie Nordkorea scheinen die Aufmerksamkeit aufzusaugen...

Hinder: Das hat wesentlich mit der Informationsblockade zu tun. Journalisten erhalten kaum Einreisebewilligungen. Alle Kriegsparteien sind interessiert, das von ihnen angerichtete Grauen nicht an die Weltöffentlichkeit zu bringen. Zudem ist Jemen für die meisten Leute in Europa zu weit weg und zu wenig interessant, obwohl es mit rund 27 Millionen Einwohnern ein sehr volksreiches Land mit einer langen Kulturgeschichte ist. Für viele scheint der Krieg in Jemen nicht der Rede wert zu sein, obwohl er zu einer der schwersten humanitären Katastrophen geführt hat.

KNA. Wie beurteilen Sie die Lage und die Zukunft der Christen in ihrem Vikariat angesichts eines zunehmend aggressiv erscheinenden Islam?

Hinder: Wir Christen sind auf der Arabischen Halbinsel Migranten und werden es bleiben. Unsere Präsenz hängt - abgesehen von der mehr oder weniger toleranten Politik der jeweiligen Regierungen - wesentlich von wirtschaftlichen Faktoren ab. Solange Arbeitskräfte von außen gebraucht werden, wird es auch eine mehr oder weniger große christliche Minderheit geben. Von Einzelfällen abgesehen, kann ich in meinem Vikariat nicht von einer Verschlechterung unserer Lage reden.

In aller Regel herrscht großer gegenseitiger Respekt und ein Bemühen, die gegenseitigen Beziehungen nachhaltig zu verbessern. Es ist ja nicht so, dass der Islam generell immer aggressiver wird. Es gibt ebenso wichtige Strömungen innerhalb des Islam, die diesbezüglich gegensteuern.

Das Interview führte der Chefredakteur des "Altöttinger Liebfrauenbote", Wolfgang Terhörst.

(KNA)

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