Ummul Mohammed, Binnenflüchtling aus Madagali, in Sangere Futy am 23. Juni 2017
Ummul Mohammed, Binnenflüchtling aus Madagali, in Sangere Futy am 23. Juni 2017
Erzbischof Musa Panti Filibus
Erzbischof Musa Panti Filibus

04.07.2017

In Nigeria wollen 1,9 Millionen Menschen zurück in ihre Heimat Vergessene Flüchtlinge

Trotz zahlreicher Spendenaufrufe leiden im Nordosten Nigerias weiterhin zwei Millionen Menschen an Mangelernährung. Einige betroffene Regionen erhalten gar kein Geld. Die Not ist groß.

Ummul Mohammed spricht leise und stockend. Immer wieder hält die 26-Jährige mitten im Satz inne und blickt für einen Moment in die Ferne. Sie steht vor ihrem kleinen Zimmer in Sangere Futy, einem Vorort der Provinzhauptstadt Yola. "Seit drei Jahren bin ich hier", sagt die Mutter von vier Kindern. 2014 floh sie aus ihrer Heimatstadt Madagali, die im Norden des Bundesstaates Adamawa und somit dicht an der Grenze zur Unruheprovinz Borno liegt. Damals nahmen Kämpfer der Terrorgruppe Boko Haram die Region überraschend ein.

Bei der Flucht musste Ummul Mohammed alles zurücklassen - auch ihre Nähmaschine. "Ich habe meinen Beruf sehr geliebt und wahnsinnig gerne genäht", sagt sie und versucht zu lächeln. Doch Geld für eine neue Nähmaschine hat sie nicht. Schon die Miete von 1.000 Naira pro Monat - umgerechnet 2,50 Euro - aufzubringen, ist schwierig. Noch komplizierter ist es jedoch, eine Lobby zu finden.

5,8 Millionen Menschen brauchen Hilfe

Dabei ist die Lage im Nordosten Nigerias mittlerweile hinlänglich bekannt. Vor einem Jahr hatten Berichte der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen weltweit für Entsetzen gesorgt. Seitdem fordern internationale Organisationen regelmäßig mehr Unterstützung. Anfang Juni rief auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Unterstützung für Nigeria auf. Laut dem Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) brauchen aktuell 5,8 Millionen Menschen Hilfe bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln; zwei Millionen leiden an Mangelernährung. Für die Bekämpfung des Hungers und weitere Projekte sind für dieses Jahr nach UN-Angaben rund 1,1 Milliarden US-Dollar notwendig. Aktuell ist mit 35,8 Millionen US-Dollar lediglich ein Bruchteil finanziert.

In Yola weiß der katholische Priester Maurice Kwairanga (42) deshalb manchmal nicht, wie er die zahlreichen Binnenvertriebenen versorgen soll. Der Leiter des Caritas-Komitees für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden (JDPC) betreut ein privates Flüchtlingscamp rund um die katholische Kathedrale Sankt Theresa, in dem derzeit mehr als 400 Menschen leben. Mehrmals die Woche nimmt er weitere Flüchtlinge auf. Manche kommen, weil ihre Familie bereits im Schatten des großen Kirchengebäudes lebt. "Viele stammen aus Gwoza", sagt Kwairanga. Die Stadt liegt im Süden des am stärksten betroffenen Bundesstaates Borno. Eine Flucht ins 300 Kilometer entfernte Yola ist einfacher, als in Bornos völlig überlaufener Provinzhauptstadt Maiduguri unterzukommen. Dennoch bleibt finanzielle Unterstützung laut Maurice Kwairanga aus. Vergangenes Jahr habe er Spenden von Misereor und Missio erhalten.

"Die Versorgung der Menschen ist eine große Herausforderung"

"Wir sind darauf angewiesen, dass Mitglieder unserer Kirchengemeinden spenden, etwa nach der Ernte", so der Priester. Ihm zufolge konzentriert sich die internationale Hilfe, sofern sie überhaupt ankommt, auf den Bundesstaat Borno. Dort seien auch die internationalen Organisationen präsent. "Dabei leben auch bei uns viele Tausend Menschen, die weiterhin nicht in ihre Heimatorte zurückkehren können." Laut OCHA verzeichnet Nigeria derzeit 1,9 Millionen Binnenflüchtlinge.

Diese Lage macht auch Erzbischof Musa Panti Filibus Sorgen, der seit Mai Präsident des Lutherischen Weltbundes ist und rund eine Autostunde von Yola entfernt in Numen lebt. Neben der großen Anzahl der Binnenflüchtlinge sorgt er sich um die unsichere Lage im Nordosten: "Wir sind noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem wir sagen können: Es ist vorbei. Stattdessen sind die Rebellen noch immer da und verüben weiterhin Anschläge." Laut Filibus darf dabei aber noch etwas anderes nicht vergessen werden: "Diese Situation hat viel Hass, Misstrauen und Angst erzeugt. Künftig müssen wir uns auch um diese Dimension kümmern. Das wird viele Jahre dauern."

Auf eine lange Wartezeit hat sich auch Ummul Mohammed in Sangere Futy eingestellt. Auf die Frage, wann sie nach Madagali zurückkehren kann, zuckt sie mit den Schultern und sagt leise: "Ich weiß es nicht." Noch ist die Angst zu groß und die Versorgungslage zu schlecht. In der Nähe von Yola erhält sie immerhin regelmäßig Lebensmittelspenden und schafft es, zu überleben. Trotzdem bleibt die Rückkehr ihr größter Wunsch: "Es ist und bleibt mein Zuhause."

Katrin Gänsler
(KNA)

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