Krise in Venezuela
Krise in Venezuela
Venezuelas Präsident Nicolas Maduro
Venezuelas Präsident Nicolas Maduro

29.06.2017

Menschen in Venezuela leiden unter Hunger und Unruhen Die "Maduro-Diät"

Seit Monaten gehen Bürger in Venezuela gegen Präsident Nicolás Maduro auf die Straße, allein seit April hat es dabei 77 Tote gegeben. Reiner Wilhelm vom katholischen Hilfswerk Adveniat beobachtet die explosive Lage im Land.

domradio.de: Bereits vor dem Zwischenfall hatte Maduro angekündigt, er werde mit Gewalt gegen seine Gegner vorgehen. "Was wir nicht mit Wahlstimmen schaffen, erreichen wir dann mit Waffen", so Maduro. Wie schätzen Sie das ein - steht Venezuela am Rande eines Bürgerkriegs?

Reiner Wilhelm (Referent für Venezuela beim katholischen Hilfswerk Adveniat): Ja und nein. Zu einem Bürgerkrieg gehören immer zwei Mächte, die sich gegenüber stehen. Zurzeit ist es in Venezuela so, dass die Polizei, das Militär und paramilitärische Einheiten gegen das Volk vorgehen. 77 Tote hat es dabei bisher schon gegeben und fast jeden Tag kommt einer dazu. Wir hoffen trotz allem, dass die Situation nicht weiter eskaliert und dass es tatsächlich irgendwann zu Ende sein wird mit dieser Regierung. 

domradio.de: Die katholische Kirche hat sich immer wieder gegen den diktatorenhaften Regierungsstil Maduros gewandt - gibt es auch Stimmen zu den jüngsten Entwicklungen?

Wilhelm: Ja, die gibt es durchaus. Maduro hatte ja zuletzt versucht, den Vatikan gegen die Ortskirche auszuspielen. Am 18. Juni ist aber die Leitung der venezolanischen Bischofskonferenz nach Rom gereist. Sie haben sich dort mit dem Papst getroffen und mit ihm beraten, wie sie dieser Situation begegnen sollen. Dabei ist herausgekommen, dass der Papst gut informiert ist, dass er auf der Seite der Menschen steht, auf der Seite der Unterdrückten und auf der Seite der Ortskirche. Damit ist Maduro in dieser Frage jeder Wind aus den Segeln genommen

domradio.de: Maduro will am 30. Juli eine verfassungsgebende Versammlung einberufen. Diese soll ein neues Grundgesetz ausarbeiten und das Land zu einem sozialistischen Staat umbauen. Den allermeisten Venezolanern gefällt das gar nicht. Würde sich da überhaupt viel ändern - Venezuela wird ja bereits jetzt sehr autoritär regiert...

Wilhelm: Die Gesellschaft ist tief gespalten: Zwei Drittel der Venezolaner haben für die Opposition gestimmt bei den letzten Parlamentswahlen; und noch mal ein Drittel für einen so genannten chavistischen Block (also Anhänger von Maduros Amtsvorgänger Hugo Chavez). Aber diese verfassungsgebende Versammlung hat die Polarisierung weiter vertieft und den Chavismus selbst noch einmal  gespalten. In eine Art reinen Chavismus, dem die Gefolgsleute und Anhänger des verstorbenen Ex-Präsidenten angehören und auf der anderen Seite einen Madurismus, dem die radikalen Sozialisten unter Maduro selbst anhängen -  diejenigen, die viel zu verlieren und wenig zu gewinnen haben.

domradio.de: Maduro und seine Getreuen haben Angst vor einem Staatsstreich - ein Putsch gegen Maduro wäre aber vermutlich auch nicht gerade hilfreich für die Menschen im Land, sollte es tatsächlich dazu kommen, oder?

Wilhelm: Die Opposition hat ihre Lehren aus dem Putsch gegen Chavez 2002 gezogen; deshalb ist keinem wirklich daran gelegen, Präsident Maduro jetzt per Staatsstreich aus dem Amt zu befördern. Sie versuchen stattdessen, auf demokratische Art und Weise gegen ihn vorzugehen. Sie halten sich genau an die Verfassung, die Maduro und seine Leute ja außer Kraft setzen und damit im Grunde eine Diktatur zementieren wollen. Die alte Verfassung bietet durchaus solche Möglichkeiten.

domradio.de: Was wissen Sie von Ihren Projektpartnern - wie geht es den Menschen - angesichts der permanenten Unruhen und der Wirtschaftskrise?

Wilhelm: Wenn wir Besucher aus Venezuela bei uns begrüßen, sehen wir das ganz konkret. Sie erzählen uns nicht nur davon, wie es den Menschen geht, sondern sie haben SELBST allesamt einige Kilos verloren. Einer Statistik zufolge hat heute jeder Venezolaner  durchschnittlich acht Kilo abgenommen; die Leute nennen das augenzwinkernd "dieta de Maduro", also die "Maduro-Diät". Und die Situation hat sich noch dramatisch verschärft. Im Land werden kaum noch Lebensmittel produziert; und wenn doch, haben die Leute Angst, ihre Ware auf den Märkten anzubieten, weil sie dort sofort überfallen werden. Das hören wir immer wieder: Dass diejenigen, die gar nichts mehr haben, versuchen, mit Gewalt an Nahrung zu kommen. Und wenn solche Angreifer überwältigt werden, werden sie teilweise auch gelyncht. Es gibt also eine wahre Lynchjustiz. Wir von Adveniat helfen den Menschen, indem wir über unsere Partner Lebensmittel organisieren oder Medikamente. Es gibt zwar noch Dinge zu kaufen, aber nur mit entsprechenden Devisen. Man sieht überall Menschen im Müll nach Essen wühlen. Inzwischen soll es auch kaum noch Hunde und Katzen geben; Vieh auf der Weide schon lange nicht mehr. Die Situation ist dramatisch und auch das gehört zu unseren Aufgaben: Darüber zu informieren. 

Das Gespräch führte Hilde Regeniter.

(DR)

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