Gottesdienst im Bigard Memorial Seminary in Enugu.
Gottesdienst im Bigard Memorial Seminary in Enugu.
Okolie Polycarp Odinakachi, Priesteranwärter im Bigard Memorial Seminary in Enugu.
Okolie Polycarp Odinakachi, Priesteranwärter im Bigard Memorial Seminary in Enugu.

11.06.2017

Nigerias größtes Priesterseminar steht in Enugu und hat 800 Anwärter "Mutter soll am Ende stolz sein"

Über mangelndes Interesse am Priesterberuf kann sich die katholische Kirche in Nigeria nicht beklagen. Allein an der größten Ausbildungsstätte im Land bereiten sich derzeit 779 junge Männer darauf vor.

Okolie Polycarp Odinakachi hat einen langen Ausbildungsweg eingeschlagen. Zehn Jahre studiert der 32-jährige Nigerianer bereits, zuerst Philosophie und jetzt Theologie. Doch an den Abschluss ist weder in diesem noch im nächsten Jahr zu denken.

Trotzdem steht er nach der Sonntagsmesse unter einem großen Baum und lächelt. "Wenn alles klappt, dann werde ich in zwei Jahren geweiht", sagt er ruhig und blickt einmal kurz in Richtung Kirche. Nach dem zweistündigen Gottesdienst leert sie sich langsam. Gezweifelt an seiner Wahl habe er im Studium zwar einige Male; bereut habe er seine Entscheidung aber nie.

Zölibat oder Heirat?

Okolie Polycarp Odinakachi ist einer von 779 Studenten, die derzeit an Nigerias bekanntestem Seminar für katholische Priesteramtsanwärter studieren. Das Bigard Memorial Seminary wurde 1924 eröffnet. In Nigeria bezeichnet sich die große Mehrzahl der rund 185 Millionen Einwohner selbst als religiös oder sehr religiös. Während der Norden muslimisch geprägt ist und in zwölf Bundesstaaten die Scharia gilt, also das islamische Recht, leben im Süden mehrheitlich Christen.

Doch obwohl Religion fester Teil des Alltags und die Frage, zu welcher Kirchengemeinde man gehört, selbstverständlich ist, war es für den angehenden Priester nicht einfach, seine Familie zu überzeugen. Vor allem Odinakachis Mutter fand die Idee alles andere als gut: "Eltern fordern von ihren Söhnen, dass sie heiraten und sie selbst schnell zu Großeltern machen. Meine Mutter hatte sich so sehr gewünscht, dass ich Vater vieler Söhne werde."

Lange Diskussionen

Die Diskussion sei umso größer gewesen, als er nur noch einen Bruder hat. Anfangs blieb der Mutter noch eine Hoffnung, da ihr Sohn nach der weiterführenden Schule zunächst als Mathematiklehrer arbeitete und später Handys verkaufte - das jedoch nur, um Geld für sein Theologiestudium zu sparen.

Dass Okolie Polycarp Odinakachi in Enugu studieren wollte, war ihm stets klar. Der Ort hat eine symbolische Bedeutung und war in der Kolonialzeit Hauptstadt des Südostens. Auch die Kirche setzte ein Zeichen, als sie sich 1951 endgültig entschied, künftige Priester hier auszubilden. Das weitläufige Gelände liegt mitten in der Stadt. Der Weg zwischen Einfahrtstor und Kirche erinnert an einen Park. Fast 600 Studenten leben hier. Die übrigen werden von ihren Kongregationen in der Stadt untergebracht.

Hohe Nachfrage

Über mangelndes Interesse kann sich Bigard-Leiter Albert Okey Ikpenwa, der acht Jahre lang als Priester in Passau arbeitete, nicht beklagen. "In den 1960er und 70er Jahren hatten wir nur wenige Bewerber." Dass die Zahlen steigen, liegt seiner Meinung nach an der Evangelisierung im Südosten. Im Laufe der Jahrzehnte seien allein in dieser Region fünf weitere Ausbildungsstätten entstanden. Ikpenwa ist überzeugt, dass sich daran auch künftig nichts ändern wird.

Kritische Fragen muss sich die Ausbildungsstätte gefallen lassen, wenn es etwa um Missbrauch von Kindern geht. "Wir nehmen das Thema ernst. Die Bischöfe haben uns in die Verantwortung genommen und wollen, dass Studenten wie Dozenten gut darüber informiert sind", sagt Albert Okey Ikpenwa.

Große Pläne

Diskussionen um Politik sind auch unter den Studenten beliebt. Ein wichtiges Thema derzeit ist der Umgang mit dem Biafra-Krieg. Ausgerechnet Enugu war vor 50 Jahren die erste Hauptstadt eines unabhängigen Staates, der nur 30 Monate überlebte und 1970 wieder in Nigeria eingegliedert wurde.

Unter dem Schatten des Baums beteiligt sich Okolie Polycarp Odinakachi gerne an solchen Gesprächen. "Der Mensch ist doch ein politisches Wesen." Das möchte er auch nach seiner Priesterweihe weitergeben - und, so sagt er, Missstände in seinem Heimatland anprangern. Vielleicht hört dann auch seine Mutter zu. Sie hat seine Berufswahl am Ende verstanden und dürfte, davon geht er aus, sogar stolz auf ihn sein.

Katrin Gänsler
(KNA)

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