Rosenkranzbasilika in Fatima
Rosenkranzbasilika in Fatima

20.04.2017

Das portugiesische Fatima zieht jährlich Millionen Besucher an In der Champions League der Marienorte

Vor 101 Jahren war Fatima ein völlig unbedeutendes Nest im Westen Portugals. Das sollte sich in den folgenden Monaten gründlich ändern. Für immer. Grund war eine besondere Besucherin.

Fatima - ein eigentümlicher Name für einen katholischen Marienwallfahrtsort im äußersten Westen Europas. Er geht zurück auf die Zeit der christlichen Rückeroberung der Region Santarem aus der Hand der Muslime Mitte des 12. Jahrhunderts. Fatima, so die Legende - die es freilich in Variationen auch in mehreren anderen Orten Portugals gibt - war die schöne Tochter eines maurischen Fürsten. Von Christen entführt und an den örtlichen Grafen von Ourem verkauft, soll sie aus Liebe zu diesem schließlich 1158 die Taufe empfangen haben. Wie auch immer - spätestens seit 1917 bestimmt eine sehr andere Frau die Geschicke des Örtchens.

Seit die Gottesmutter Maria hier während des Ersten Weltkriegs mehrfach drei armen Hirtenkindern erschien, ist nichts mehr, wie es war in Fatima. Es gibt zahlreiche Parallelen zum Pyrenäenort Lourdes, der 1858, ebenfalls in einer extremen Notzeit, durch eine Erscheinung aus völliger Bedeutungslosigkeit gerissen wurde. Heute hat Lourdes 15.000 Einwohner, fast ebenso viele Hotelbetten und mehrere Millionen Übernachtungsgäste pro Jahr.

Fatima in Portugal feiert 2017 das 100. Jubiläum seiner Erscheinungen. Höhepunkt ist der 13. Mai, wenn auch Papst Franziskus erwartet wird. Dann wird der Platz zwischen der Rosenkranz-Basilika und der riesigen, modernen Dreifaltigkeits-Basilika mit Hundertausenden Menschen gefüllt sein.

Wer an einem "normalen Tag" nach Fatima kommt, wird kaum glauben können, dass die gigantische Freifläche der «Cova da Iria» überhaupt je zu füllen wäre. Nicht mit Schafen oder Ziegen wie die der Seherkinder von einst, und erst recht nicht mit frommen Pilgern. Auch heute sind sicher einige tausend Besucher hier; aber sie verlaufen sich in der flirrenden Weite.

Auf Knien hinunter zur Steineiche

Ein einziger Frommer rutscht auf Knien die markierte Linie hinunter in Richtung der Erscheinungskapelle, eher unscheinbar halblinks zwischen den beiden großen Basiliken anstelle jener Steineiche gelegen, über der sich die Gottesmutter zu zeigen pflegte. Einige Dutzend Pilger beten hier ihren sonoren Rosenkranz. Ein paar Meter dahinter tost eine nur schwer erträgliche Hitze: An der Kerzenstation läuft schmelzendes Wachs in Strömen. Ruß und Qualm der blakenden Kerzen stehen für das, was Maria 1917 von den kleinen Seherkindern beständig einforderte: Buße für die Sünden der Menschheit.

Fatima, gut 120 Kilometer nördlich von Lissabon, müsste eigentlich ein Inbegriff des Beschaulichen sein. Doch seit 1917 hat sich das Dorf für alle Zeiten verändert. Mit der Autobahn 1 ist es bestens angebunden zwischen der Hauptstadt und der zweiten Metropole des Landes, Porto. Rund 11.500 Einwohner leben hier von und mit dem Pilgerbetrieb, der Millionen Menschen bewegt und die Andenken- und Devotionalienläden leert und immer neu befüllt.

Die Liste der Partnerstädte von Fatima ist ein Who is who der europäischen Marienorte: Altötting in Deutschland, Loreto in Italien, Lourdes in Südfrankreich, Mariazell in Österreich und Tschenstochau in Polen. Die mystische Aufladung im südfranzösischen Lourdes basiert - neben den eigentlichen Marienerscheinungen - vor allem auf jenen unerklärlichen Heilungen, die sich an der Mariengrotte ereigneten und weiter ereignen. In Fatima sind es die Prophezeiungen selbst: die sogenannten Geheimnisse von Fatima - jene Botschaften, die die Muttergottes den drei Seherkindern Lucia dos Santos und Jacinta und Francisco Marto gemacht haben soll.

Die Erscheinungen in der Cova da Iria (Senke der Irene/des Friedens) begannen ihren Berichten zufolge am 13. Mai 1917 und setzten sich regelmäßig bis Oktober fort. Es waren dramatische Monate, in denen sich Maria zu Wort meldete: Russland taumelte zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution, und die ersten portugiesischen Einheiten waren soeben in die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs verwickelt worden, in denen Hunderttausende starben.

Bekehrung oder Krieg

Laut einer 1941 verfassten Niederschrift der Seherin und späteren Ordensfrau Lucia (1907-2005) bestand die Prophezeiung aus drei Teilen. Der erste enthielt die Vorhersage eines weiteren Krieges nach dem Ende des Ersten Weltkriegs - unter Papst Pius XI. Das zweite Geheimnis bestand laut Lucia darin, dass sich das gefallene Russland erst nach einer Weihe an das "Unbefleckte Herz Mariens" bekehren werde.

Den dritten Teil der Weissagung schrieb Lucia erst 1944 nieder. Sie verband dies mit der Auflage, den Text nicht vor 1960 zu veröffentlichen. Das Dokument wurde 1957 versiegelt in den Vatikan gebracht. Die Päpste von Pius XII. (1939-1958) bis Johannes Paul II. (1978-2005) lasen es, veröffentlichten aber den Inhalt nicht. Wegen dieser Geheimhaltung wurde lange vermutet, dass der Text schreckliche Zukunftsvisionen einer Weltuntergangs-Prophezeiung enthalte.

Tatsächlich ist die Anhänglichkeit der Päpste an diesen mystischen Ort augenfällig. Sie reicht bis hin zu Franziskus, der schon am 13. Mai 2013, zwei Monate nach seiner Wahl, sein Pontifikat der Jungfrau von Fatima weihen ließ. Zum 13. Oktober, Jahrestag der letzten Erscheinung mit dem sogenannten Sonnenwunder, ließ er die Marienstatue von Fatima auf den Petersplatz nach Rom bringen.

Benedikt schießt den Kreis

Auch Benedikt XVI. (2005-2013) kam 2010 mit seinem Fatima-Besuch einem lange gehegten Wunsch nach. 2007, bei den 90-Jahr-Feiern der Erscheinungen, war er verhindert gewesen, weil er zeitgleich im brasilianischen Marienort Aparecida weilte. Damals schickte er den früheren Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano als Stellvertreter nach Fatima. Damit schloss Benedikt XVI. einen Kreis, der perfekt in die Geschichte um Fatima und seinen verehrten Vorgänger Johannes Paul II. (1978-2005) passte.

Denn es war Sodano gewesen, der am 13. Mai 2000 bei der Seligsprechung von zwei der drei Seherkinder ankündigte, dass der Vatikan auf Wunsch des Papstes bald das bestgehütete "dritte Geheimnis" veröffentlichen werde. Allerdings brauche es dafür noch eine sorgfältige begleitende Erläuterung. Und der Verfasser dieses theologischen Kommentars war: Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation.

Die damals wichtigsten drei Männer des Vatikan lüfteten also am 26. Juni 2000 den Schleier jenes Geheimnisses, das durch seine Nichtveröffentlichung über Jahrzehnte zu einer Art endzeitlichem Damokles-Schwert geworden war. Tatsächlich musste vor allem der polnische Papst Johannes Paul II. das Dokument als sein Menetekel auffassen. Denn es berichtet nicht nur in düsteren Bildern über die Verfolgung der Kirche im 20. Jahrhundert. Der Text enthält auch die Vision eines in Weiß gekleideten Bischofs, der von Schüssen getroffen zusammenbricht.

Dass dann das Attentat auf Johannes Paul II. auf dem Petersplatz ausgerechnet am 13. Mai 1981 - dem Jahrestag der ersten Erscheinung von Fatima - erfolgte, war nach seiner Ansicht kein Zufall. Bis zuletzt waren Schwester Lucia und Johannes Paul II. fest davon überzeugt, die Rettung des Papstes sei dem Beistand der Muttergottes zu verdanken. Eine Kugel aus der Waffe des Attentäters Ali Agca ließ er fortan in der Marienkrone des Heiligtums aufheben.

Die letzte Seherin von Fatima, Ordensschwester Maria Lucia dos Santos, starb 2005 mit fast 98 Jahren, nur sieben Wochen vor Johannes Paul II. Dessen Nachfolger Benedikt XVI. setzte für sie die vom Kirchenrecht vorgesehene Fünf-Jahres-Frist zur Einleitung eines Seligsprechungsverfahrens außer Kraft - am 13. Februar 2008, ihrem dritten Todestag.

Die alte Basilika mit ihrem Arkadengang wurde am 13. Mai 1928 begonnen und 1953 geweiht; hier liegen die drei Hirtenkinder begraben. Einige hundert Meter gegenüber wurde 2007 die neue Dreifaltigkeitskirche geweiht, der bislang größte Kirchenneubau des 21. Jahrhunderts. Mit fast 9.000 Sitzplätzen gehört sie zu den größten katholischen Gotteshäusern weltweit. Dazwischen wollen am 13. Mai Hunderttausende Gläubige dem nachspüren, was vor 100 Jahre drei Kinder sahen - und Zehntausende andere im sogenannten Wunder der tanzenden Sonne bezeugten.

Von Alexander Brüggemann

(KNA)

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