Will die Todesstrafe einführen: Philippinens Präsident Duterte (v.)
Philippinens Präsident Duterte (v.) im Gebet

12.01.2017

Die katholischen Philippinen zwischen Verhütung und Kirchenmoral ​Das Kreuz mit der Pille

Das Bevölkerungswachstum wird auf den Philippinen zur Existenzfrage. Seit 2012 ermöglicht ein Gesetz die Gratisverteilung von Verhütungsmitteln an Arme - gegen harten Widerstand der Kirche.

Die Gesundheitsstation von Montalban, einer Armensiedlung vor den Toren Manilas, wimmelt von Müttern mit kleinen Kindern. In dem Flachbau steigen der Geräuschpegel und die schwülen Temperaturen an diesem Mittag um die Wette. "Bei uns bekommen Frauen die Pille, Kondome und die Dreimonatsspritze gratis", erklärt die medizinische Assistentin Analyn Borbe. Mehr als die Hälfte der gebärfähigen Frauen auf den tief katholischen Philippinen verhüte inzwischen.

"Wir müssen aber noch besser aufklären, viele Frauen verstehen nicht, dass sie die Pille regelmäßig nehmen müssen, damit sie wirkt", so die Krankenschwester. "Die Pille ist entscheidend im Kampf gegen die Armut" - das müsse auch die Kirche einsehen.

Kirche kämpft gegen Gesetz

Erbittert sträubten sich die Bischöfe gegen das "Gesetz zur Verantwortlichen Elternschaft und Reproduktionsgesundheit" von 2012, das die Gratisabgabe von Kontrazeptiva an arme Frauen erlaubt. Das Oberste Gericht erklärte es 2014 bis auf wenige Ausnahmen für grundsätzlich verfassungskonform. In dieser Woche bekräftigte Staatspräsident Rodrigo Duterte per Dekret, dass es strikt und flächendeckend anzuwenden sei.

Nach katholischer Lehre ist nur natürliche Familienplanung qua Enthaltsamkeit und Kalendermethode erlaubt. Aber die sei viel zu unsicher und die Frauen mit der Temperaturmessung überfordert, berichtet Borbe aus Erfahrung. "Und wie sollen sich Paare verhalten, bei denen ein Partner auswärts arbeitet und nur alle paar Monate kurz nach Hause kommt?"

Bevölkerung wächst rasant

Mit durchschnittlich 3,1 Kindern pro Frau hat der Inselstaat das stärkste Bevölkerungswachstum Südostasiens. Bis 2050 könnte die Einwohnerzahl von 100 auf 150 Millionen anwachsen. Einst bildete die Großfamilie in bäuerlichen Gesellschaften das soziale Netz; in urbanisierten Entwicklungsländern verstärkt sie dagegen die Armut.

Arbeitsmarkt, Bildungssystem und sozialer Wohnungsbau halten mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt - schon gar nicht auf den Philippinen, die ihre Schwachen schon lange abgehängt und zurückgelassen haben. Jeder Vierte lebt in Armut. Rund zehn Millionen Philippiner hat die Not in die Arbeitsmigration getrieben.

Duterte stellt sich als Heiland dar

Eine kleine Elite aus etwa 20 Familien, die den größten Teil der Wirtschaft unter sich aufgeteilt haben, und Vertreter der dünnen Mittelschicht führen gern die Bibel im Munde. Doch statt Chancengleichheit und gerechter Verteilung herrschen Korruption, Ausbeuterlöhne, hohe Arbeitslosigkeit und Wohnungselend. In den Slums, wo jeder Dritte jünger als 15 Jahre ist, hoffen sie auf Duterte, der sich als Heiland und Rüpel mit brutalen Methoden gegen die grassierende Drogenkriminalität empfahl.

In der Ambulanz von Montalban wartet Jorelyn Mariano auf eine Hormonspritze. Die 24-Jährige hält ihr viertes Kind im Arm. Sie alle seien ein Geschenk Gottes, sagt die zierliche Frau. Aber nun lebten sie zu sechst auf 20 Quadratmetern. Verheiratet ist Jorelyn nicht - bei aller Kirchentreue keine Seltenheit. Ihr Partner arbeitet als Tagelöhner auf dem Bau. Wenn es gut läuft, habe die Familie umgerechnet knapp 30 Euro pro Woche. Mit dem Priester wolle sie nicht darüber sprechen. "Das wäre mir peinlich."

Umfragen: Mehrheit der Bevölkerung für Gratisabgabe

Dutzende Kilometer stadteinwärts blickt Senatorin Risa Hontiveros von ihrem Büro über die südlichen Ausläufer Manilas. Baukräne prägen die Silhouette. Sie ziehen immer neue Büro- und Wohntürme in die Höhe, für jene, die ihren sicheren Platz unter den 23 Millionen Einwohnern gefunden haben. Eineinhalb Jahrzehnte rangen liberale Politiker mit konservativen Gegnern und der Kirche um das Verhütungsgesetz, erinnert sich Hontiveros. Laut Umfragen befürworteten drei Viertel der Bevölkerung die Gratisabgabe von Pille und Kondom an Arme - auch wegen der hohen Müttersterblichkeit.

Für Hontiveros, damals Abgeordnete und Mitautorin des Gesetzes, ging es schlicht um ein Gebot von Gerechtigkeit. "Reiche Frauen, die sich Verhütungsmittel leisten können, bekommen im Schnitt zwei Kinder", berichtet sie. "Von armen Müttern wissen wir, dass die meisten nach zwei oder drei Kindern eigentlich auch nicht mehr schwanger werden wollen." Tatsächlich bekämen sie dann aber sechs, sieben oder mehr. Diesen Familien gelinge es nicht mehr, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen.

Selbst Mutter von vier Kindern, bezeichnet sie sich als praktizierende Katholikin, die immer nach der natürlichen Methode verhütet habe. Mit ihrer Kampagne gegen das Gesetz habe sich die Kirche damals zu sehr in die Politik eingemischt. Bis heute berufen sich Kommunalregierungen auf die kirchliche Position - und blockieren die Gratisverteilung der Pille.

Papst-Äußerung sorgte für Aufregung

Für ein kleines Erdbeben sorgte ausgerechnet Papst Franziskus, als er 2015 auf seinem Rückflug von Manila klarstellte, Katholiken sollten sich nicht vermehren "wie die Karnickel". Den saloppen Vergleich deuteten einige als Abrücken vom kirchlichen Verbot von Verhütungsmitteln. Am Bischofssitz von Manila nahe der alten Kathedrale aus spanischen Kolonialzeiten warnt man vor Missverständnissen. "Franziskus ging es um die katholische Pflicht zur verantwortlichen Elternschaft - von der schon Paul VI. 1968 in seiner Enzyklika 'Humanae vitae' gesprochen hat", betont Weihbischof Broderick Pabillo. Ehepaare sollen demnach ihre Familienplanung auch mit den wirtschaftlichen Voraussetzungen abstimmen - "aber nicht indem der Staat die Frauen mit Chemie und Hormonen vollpumpt".

Für Pabillo läuft die ganze Diskussion längst in eine völlig falsche Richtung. Kinder vor allem als Armutsrisiko zu sehen, werde der Schönheit von Familie nicht gerecht. "Es gibt nicht zu viele Kinder, sondern zu wenig Chancen und Gerechtigkeit." Aus seiner Sicht will der Staat mit der Gratispille vor allem eines: "sich aus der Verantwortung stehlen".

Christoph Schmidt
(KNA)

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