Ruine einer 2008 zerstörten und niedergebrannten Kirche im Balluga im Bundesstaat Odisha am 22. November 2016.
Ruine einer 2008 zerstörten und niedergebrannten Kirche im Balluga im Bundesstaat Odisha am 22. November 2016.
Felix Machado, Erzbischof im Bistum Vasai, Westindien (l.), vor einem Gottesdienst in Vasai am 20. November 2016.
Felix Machado, Erzbischof im Bistum Vasai, Westindien (l.), vor einem Gottesdienst in Vasai am 20. November 2016.

14.12.2016

Christen in Indien beklagen wachsenden Druck "Es herrscht eine vergiftete Stimmung"

Indien ist wohl einer der vielfältigsten Staaten der Erde – religiös, ethnisch, sprachlich und kulturell. Es gibt eine Jahrhunderte alte Tradition der Toleranz. Doch die scheint inzwischen stark bedroht.

"Es geht um die Seele Indiens." Teesta Setalvad, eine der bekanntesten Bürgerrechtlerinnen des Landes, ist alarmiert. In der mit 1,3 Milliarden Einwohnern größten Demokratie der Welt, die im August 70. Geburtstag feiert, verändern sich die Koordinaten. Nichtregierungsorganisationen werden kriminalisiert und behindert.

Muslime, Christen und moderate Hindus geraten unter Druck, bilanziert die 54-Jährige im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).  Indien ist eine säkulare und plurale Demokratie, so steht es jedenfalls in der Verfassung von 1950. Doch besonders seit dem Wahlsieg von Narendra Modi von der hindu-nationalistischen Partei BJP 2014 wachsen die Konflikte.

"Radikaler Hindus verändern das Klima."

Auch Erzbischof Felix Machado aus dem Bistum Vasai macht sich Sorgen. Eine kleine, aber einflussreiche Minderheit radikaler Hindus verändere das bislang weitgehend tolerante Klima, sagt der katholische Geistliche. "Sie versuchen, Indiens Identität mit dem Hinduismus gleichzusetzen und haben Rückhalt bis in höchste Regierungskreise."

Mit besonderer Sorge verfolgen Menschenrechtler und kirchliche Hilfsorganisationen wie das internationale katholische Missionswerk missio Aachen, wie die fanatische Hindu-Bewegung RSS, die eng mit der Regierungspartei BJP verknüpft ist, an Einfluss gewinnt. "Indien den Hindus", lautet die Parole. Premier Modi spricht sich zwar offiziell für Pluralismus aus, schweigt aber zu radikalen Äußerungen und Übergriffen.

Gewalt gegen Christen und Muslime hat zugenommen

Es geht um Macht. Christen und Muslime prangern etwa eine Hinduisierung des Bildungswesens an. Selbst kleine Anlässe wie etwa der Verzehr von Rindfleisch durch Muslime können zu Lynchmorden führen. Auch der Vorwurf der Missionierung bedrängt Christen und Muslime. Mehrere Bundesstaaten haben Antikonversionsgesetze erlassen - die aber nicht greifen, wenn es um Konversionen zum Hinduismus geht. Hindu-Nationalisten behaupten, 2014 mehr als 30.000 Menschen zum Hinduismus "heimgeführt" zu haben.

Gewalt gegen Christen und Muslime hat seit Modis Machtantritt deutlich zugenommen. Menschenrechtsorganisationen haben mehr als 760 gewalttätige Übergriffe gegen religiöse Minderheiten zwischen Mai 2014 und September 2015 dokumentiert. 136 der seit März 2015 verübten 163 Angriffe waren gegen Christen gerichtet. Ein Hotspot ist der Bundesstaat Odisha (bis 2011 Orissa).

"Wir haben Angst vor Weihnachten", sagt Ajaya Kumar Singh, katholischer Priester in Bhubaneswar, der Hauptstadt des Bundesstaates an der Ostküste. Jedes Jahr versuchten radikale Hindus, durch Straßenblockaden und bewaffnete Schlägertrupps Christen vom Besuch der Weihnachtsgottesdienste abzuhalten. "Die Behörden versprechen Sicherheit - aber nichts geschieht", kritisiert der Träger des Nationalpreises für Menschenrechte.

Morde, Häuser und Kirchen geplündert und in Brand

Dabei leiden die Christen in Odisha, besonders in der Region Kandhamal, unter einem großen Trauma: Im August 2008 eskalierte die Situation, nachdem dort ein bedeutender Hindu-Mönch ermordet worden war. Obwohl maoistische Gruppen die Verantwortung übernahmen, schoben Hindu-Nationalisten den Christen die Schuld zu. Vier Monate tobte der Mob. Mehr als 100 Christen wurden ermordet, Tausende verletzt, 5.600 Häuser geplündert und in Brand gesteckt und mehr als 300 Kirchen zerstört. Mehr als 50.000 Christen mussten fliehen - und leben teils bis heute in Behelfsunterkünften, weil sie nicht in ihre Dörfer zurückkehren dürfen. Und die, die zurückkehren, fürchten täglich, dass ihre Nachbarn wieder zu Plünderern und Mördern werden könnten.

"Es herrscht eine vergiftete Stimmung", sagt die Grundschullehrerin Shibani Behera bei einem Treffen im katholischen Seminar von Balliguda. Auch Singh ist besorgt. Der katholische Priester schreibt mit am für 2017 erwarteten Bericht des UN-Menschenrechtsrates zu Indien. In seinen Büroräumen in Bhubaneswar ist kaum ein Durchkommen: Auf Tischen und auf dem Fußboden stapeln sich DVDs und gedruckte Berichte, die die Gewalt in Kandharmal dokumentieren. An Wäscheleinen baumeln Fotos von verbrannten und verstümmelten Menschen. An den Wänden erzählen gemalte Bilder von zerstörten Häusern und Kirchen.

"Wer uns hilft, bekommt selbst Probleme"

Unterstützung bietet der Geistliche auch den sieben Frauen, deren Männer 2008 wegen des Mordes an dem Hindu-Mönch bei Nacht aus ihren Häusern geholt und in einem offenkundig manipulierten Prozess verurteilt wurden. Acht Jahre später sind die Männer immer noch in Haft. Ein Akt der Willkür, wie der Geistliche betont. Und für die Ehefrauen eine Katastrophe. Vier von ihnen, die an diesem Morgen zum Treffen im Seminar von Balluga gekommen sind, wirken trotz ihrer bunten Saris verhärmt und schwer gebeugt. "Es ist so schwer zu leben ohne Mann und Vater", berichten sie mit Tränen in den Augen. 

"Wer uns hilft, bekommt selbst Probleme", schluchzt eine der Frauen und verhüllt ihren Mund mit ihrem Schleier. "Ich kann keinem Hindu mehr trauen. Ich habe Angst, mit ihnen zusammenzuleben", sagt die andere. Singh hofft unterdessen, dass die Justiz doch noch für Gerechtigkeit sorgt. Zumindest hat das Oberste Gericht im August die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen die sieben Christen angeordnet.

Christoph Arens
(KNA)

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