Christen in Syrien
Christen in Syrien
Berthold Pelster, Kirche in Not
Berthold Pelster, Kirche in Not
Zerstörung in Aleppo
Zerstörung in Aleppo

08.08.2016

Kirche in Not zur Lage der Christen im syrischen Aleppo Glaube als letzter Halt

Gottesdienste in einer fast gänzlich zerstörten Stadt? Ja, die gebe es, denn die Christen im syrischen Aleppo zögen aus ihrem Glauben Hoffnung auf einen Funken Besserung, sagt der Nahost-Experte von "Kirche in Not".

domradio.de: Es gibt das Zitat Ihres Hilfswerks Kirche in Not, das lautet: "Die einzige Wahrheit, die wir kennen, ist die, dass die Menschen hier leiden und sterben". Wie sieht es in Aleppo aus?

Bertholt Pelster (Fachreferent für Öffentlichkeitsarbeit und Experte zum Thema Christenverfolgung beim Hilfswerk Kirche in Not): Aleppo ist eine der größten und eine, der in diesen Tagen am heftigsten umkämpften Städte in Syrien. Die Stadt ist von hoher strategischer Bedeutung. Sie ist seit vielen Monaten sozusagen zwischen der Regierungsseite und ihren Truppen, die den Westen der Stadt kontrollieren und Rebellengruppen, die den Osten der Stadt belagern, aufgeteilt. Zwischen beiden Gruppen werden heftige Kämpfe geführt, die sich in den vergangenen Tagen noch einmal verschärft haben. Das führt dazu, dass sich die Menschen in großer Angst befinden. Es fallen täglich Bomben und Granaten. Die Menschen kämpfen in Aleppo schlicht ums Überleben.

domradio.de: Früher war Aleppo eine der christlichen Hochburgen des Landes mit mehreren hunderttausend Christen. Jetzt ist nur noch ein Viertel davon ungefähr in der Stadt geblieben. Wie geht es den Christen denn jetzt? Und ganz konkret, wie sieht deren Leben aus? Gibt es sonntags noch Gottesdienste?

Pelster: Natürlich gibt es noch Gottesdienste. Die Christen treffen sich immer wieder zu Gottesdiensten, Messen und auch zu Gebetsandachten. Der Glaube ist für die Menschen ganz wichtig. Ich staune immer wieder, wie tief verwurzelt gerade diese Menschen im Glauben sind. Das ist sozusagen ihr letzter Halt. Der Alltag ist natürlich vom Überlebenskampf bestimmt. Die Menschen müssen sehen, dass sie etwas zu essen kriegen und Unterschlupf finden. Die Häuser sind ja vielfach zerstört und die Menschen leben häufig in den Kellern, wo sie einigermaßen sicher vor Granaten und Bomben sind. Aber es passiert auch immer wieder, dass Christen wie andere Menschen auch durch Bombeneinschläge verletzt werden. Man muss sich um die Verletzten kümmern, wobei die Kirche ganz maßgeblich hilft.

domradio.de: Die Christen sind aber nicht mehr bedroht als andere Minderheiten in der Stadt, oder?

Pelster: Nein. Den Christen geht es genau so schlecht wie allen Menschen in Aleppo und großen Teilen Syriens. Es gibt durchaus auch vereinzelt gezielte Angriffe auf Christen von christenfeindlichen oder islamistischen Gruppierungen. Prägend ist jedoch die allgemeine Gewalt, die zum einen von der Regierungsseite ausgeht, wenn sie die von Aufständischen belagerten Stadtviertel bombardiert. Andererseits schießen die Aufständischen aber auch zurück auf den Westteil der Stadt.

domradio.de: Aus der einstigen Stadt mit zwei Millionen Einwohnern wurde eine Ruine, in der nun schätzungsweise 350.000 Menschen leben. Wie stehen die Chancen für Hilfskorridore zu diesen Menschen, um sie mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten zu versorgen?

Pelster: Die Regierungstruppen haben ja nun Fluchtkorridore eingerichtet. Den Truppen war es im Juli gelungen, den Ostteil der Stadt und damit die von den Rebellen besetzen Stadtviertel zu umzingeln. Sie haben dann Fluchtkorridore angeboten, durch die die Menschen aus den belagerten Stadtvierteln flüchten können. Aber die Menschen dort sind sehr stark verunsichert. Sie wissen nicht, was ihnen passiert, wenn sie aus dem Rebellengebiet fliehen und sich in das Regierungsgebiet begeben. Den Aufständischen hat Präsident Assad angeboten, dass auch sie in sein Herrschaftsgebiet überwechseln können. Wenn sie das in den nächsten drei Monaten tun und die Waffen niederlegen, dann würden sie sogar straffrei ausgehen. Aber man weiß überhaupt nicht, was man von solchen Versprechungen halten soll. Deswegen sind bislang auch kaum Menschen durch diese Fluchtkorridore geflüchtet. Vor wenigen Tagen erst ist es den Rebellengruppen gelungen, diese Umzingelung wieder aufzubrechen und sie haben angekündigt, dass sie ganz Aleppo erobern wollen. Was uns jetzt bevorsteht, ist vielleicht eine dramatische Entscheidungsschlacht mit heftigen Kämpfen, vielen Verletzten und Toten. Es zeichnet sich ein ganz düsteres Szenario ab.

domradio.de: Das heißt, die Menschen wollen die kriegsumkämpfte Stadt nicht verlassen, weil es ihnen außerhalb vielleicht noch schlechter geht?

Pelster: Das kann passieren. Wenn man in dem Gebiet der Rebellen gelebt hat, dann wird einem schnell unterstellt, dass man mit den Rebellen vielleicht sympathisiert hat. Da weiß man nicht, wie es ihnen im Regierungsgebiet ergehen wird.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(dr)

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