Japanerin in einer Behelfssiedlung
Japanerin in einer Behelfssiedlung
Geigerzähler misst radioaktive Strahlung
Geigerzähler misst radioaktive Strahlung

11.03.2016

Fünf Jahre nach Fukushima tickt der Geigerzähler weiter Das Leben steht still in der verbotenen Stadt

Die Böden sind verseucht, ganze Ortschaften noch immer unbewohnbar. Fünf Jahre nach dem 11. März 2011 sind die Auswirkungen der Reaktor-Katastrophe von Fukushima in Japan noch immer enorm.

Yoshiko hatte sich so gefreut. Endlich nach Hause kommen. Einen Tag am Wochenende, um nach dem Rechten zu sehen. Doch schon der Weg dorthin fühlte sich verkehrt an. Überall musste sie der Polizei ihren Pass vorzeigen, wie eine Fremde. Und dann liefen in ihrer Küche Kakerlaken und Mäuse herum; den Garten hatten Wildschweine verwüstet. "Das war nicht nach Hause kommen", sagt die 64-Jährige. "Vielleicht ist ja die Entscheidung besser, nicht mehr zurückzugehen." Und plötzlich bricht Yoshiko in Tränen aus. Sie faltet rasch die Hände vor dem Mund, verneigt und entschuldigt sich. Dann ist sie einen Moment still.

Evakuierung verzögert

Yoshiko Amano kommt aus Namie, der verbotenen Stadt. Die zersiedelte Kleinstadt mit einst 20.000 Einwohnern liegt am Rand der 20-Kilometer-Sperrzone rund um den havarierten Atommeiler Fukushima-Daiichi. Der Wind hat in jenen Märztagen radioaktive Teilchen über die Luft weit in der Region verteilt. Namie wurde nach der Katastrophe vollständig evakuiert. Aber nicht gleich. In den ersten Tagen herrschte in der Bevölkerung nur große Verwirrung. Und vermutlich hätten viele der 50 Toten und 136 Vermissten von Namie gerettet werden können, wenn die Betreiberfirma Tepco und die Behörden besser informiert hätten.

Dabei hatte Yoshiko Amano eigentlich noch vergleichsweise gute Chancen, etwas Konkreteres zu erfahren. Beide Söhne der Witwe arbeiteten für Dienstleister von Tepco - und sie tun es auch heute noch. Ordentlich bezahlte Jobs sind rar in der strukturschwachen Präfektur Fukushima. Ein Grund, warum Tepco dort Ende der 60er Jahre das Kraftwerk Daiichi ("Fukushima I") errichtete.

Das heftige Seebeben vor der Küste warf an jenem 11. März in Yoshikos Haus die Regale um. Ihre Söhne Shuichi und Naoto halfen ihr beim Aufräumen, trugen ihren Futon zum Schlafen nach draußen - falls es Nachbeben gäbe. Dann fuhren sie nach Hause. Yoshiko sollte sie für viele Tage nicht mehr sehen.

Am nächsten Morgen fuhr sie früh zu ihrer Arbeit in einer Behindertenwerkstatt; doch kaum einer erschien. Als auch noch ein Feuer in der Stadt ausbrach, fuhr sie, auf der Suche nach Hilfe für ihre Schützlinge, in Richtung des Reaktors. Sie brauchte einen Ort und ein Fahrzeug, um sie in Sicherheit zu bringen. Sie kam an eine Absperrung - alles war in Eile und Chaos. "Da erkannte ich zum ersten Mal, dass etwas wirklich Schlimmes passiert sein musste." Erst abends um sieben kam schließlich ein Bus, der ihre Leute fortbrachte.

Geräusche des Geigerzählers ständiger Begleiter

Namie ist ein gebeutelter Ort. An einem der Stadtränder kann man die Schneise besichtigen, die die Wasserwand des Tsunami in die ufernahe Bebauung schlug. Eine Straße, halb abgebrochen, unter der in 15 Meter Tiefe der Pazifik tost. Das durchdringliche Fiepen des Strahlungsmessgeräts ist schon seit Minuten ständiger Begleiter.

Sieben Kilometer sind es von hier zum Reaktor. Das Stadtzentrum in der Dämmerung: surreal. Eine Geisterstadt, von einem Moment auf den anderen aus dem Leben gerissen. Abgesperrt bis auf eine einzige Durchgangsstraße, an der die verlassenen Ladenlokale aufgereiht sind wie Perlen. Dornröschenschlaf. Google Streetview erhielt 2013 eine Sondererlaubnis für eine Kamerafahrt durch Namie.

Seitdem hat die Natur noch drei Jahre mehr Zeit gehabt, sich durch den Beton zu kämpfen - und die Arbeiter, Grundstück für Grundstück verseuchte Erde abzutragen.

Containersiedlungen entstanden

Yoshiko landete damals, im März 2011, wie Hunderttausende andere in einer der staatlichen Containersiedlungen, wie sie überall in der Präfektur Fukushima am Straßenrand liegen. "Erst hatte ich keinerlei Lust, hier mit anderen in Kontakt zu treten", erzählt sie. "Ich isolierte mich und trauerte. Doch dann erkannte ich, dass sich all die anderen wahrscheinlich exakt so fühlten wie ich." Von da an entwickelte sie sich zur Mutter Courage der Zufallsgemeinschaft, ist heute die Ansprechpartnerin ihrer Behelfssiedlung für die Behörden.

Mit vielen Aktionen wie Basteln, Gärtnern und kleinen Ausflügen hat Yoshiko den Zusammenhalt gefördert. Das hat zunächst gut geklappt. Doch mit den Jahren gingen all jene weg, die irgendwie konnten. Die Stimmung in der Siedlung kippt. Im März 2017 soll hier Schluss sein.

Dann will die Regierung den Evakuierungsbeschluss für Namie aufheben. Yoshikos Söhne halten eine Rückkehr für zu gefährlich. Und sie haben es ihrer Mutter ausgeredet. "Sie wissen es besser als ich", sagt die Witwe traurig. Sie zieht nun im August nach Iwaki, zu einem ihrer Söhne, an den Rand der Sperrzone.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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