Bau der israelischen Sperrmauer
Bau der israelischen Sperrmauer
Morgenmesse als Protest
Morgenmesse als Protest

04.09.2015

Christen protestieren gegen Weiterbau der israelischen Sperranlage "Der letzte Nagel im Sarg Bethlehems"

Die Proteste werden lauter: Die israelische Landnahme beim Bau der Sperrmauer im Cremisan-Tal rügen neben den betroffenen Palästinensern auch Kirchenvertreter und EU-Vertretungen.

Pastor Saliba Rishmawi muss sich anstrengen, um gegen den Lärm der Schaufelbagger anzupredigen. "Wir sind hier, um für unsere Rechte zu beten und hoffen, dass Gott uns helfen wird." Seit Beginn der Bauarbeiten für die israelischen Trennanlagen, die mitten durch das Cremisan-Tal in Beit Jala bei Bethlehem führen sollen, findet jeden Morgen eine Messe statt. Pater Aktham Hijazin, der katholische Priester aus der christlich-palästinensischen Kleinstadt, organisiert den friedlichen Protest direkt an der vom israelischen Militär bewachten provisorischen Grenze.

Der Pater begrüßt gemeinsam mit dem lutherischen Pastor Rishmawi Touristen aus Süddeutschland, die mit einer "Solidaritäts- und Begegnungsreise" von der katholischen Friedensorganisation Pax Christi das Heilige Land besuchen. Vor den beiden Geistlichen stehen Pflänzchen angehender Olivenbäume. Denn der Bau der acht Meter hohen Mauer beginnt mit der Rodung uralter Olivenbäume.

Jahrelang kämpfte die Stadtverwaltung Hand in Hand mit 58 palästinensischen Familien und den beiden Salesianer-Klöstern im Cremisan-Tal gegen den Staat Israel, bis im Juli der Oberste Gerichtshof doch den Weiterbau genehmigte. Neue Enteignungen von privaten und kirchlichen Ländereien sind seither absehbar, was wiederum "das Potenzial für einen existenzfähigen palästinensischen Staat untergräbt und den Weg für die weitere Ausdehnung der Siedlungen in Palästina ebnet", wie Fuad Twal, der römisch-katholische Patriarch in Jerusalem, den Entscheid kommentierte.

Zugang zu Ländereien für Bauern gesperrt

Israel rechtfertigt die insgesamt fast 700 Kilometer lange Sperranlage mit dem Argument der Selbstverteidigung. Tatsächlich folgte der Beschluss 2001 auf eine blutige Terrorkampagne, in der mehrere hundert Israelis bei Bombenanschlägen getötet worden. "Der Sicherheitszaun wird mit dem einzigen Ziel errichtet, das Leben israelischer Bürger zu retten", begründete die Regierung den Bau. Die Trennanlagen bestehen überwiegend aus Zäunen und elektronischen Warnvorrichtungen, nur in bewohnten Regionen wird ein Betonwall errichtet.

Doch die Palästinenser wollen nicht glauben, dass die Mauer im Cremisan-Tal aus Sicherheitsgründen gebaut wird. Denn die Sperranlage trennt soviel vom palästinensischen Land ab, dass auf israelischer Seite nur die beiden Siedlungen Gilo und Har Gilo bleiben. Die Mauer werde palästinensischen Bauern den Zugang zu ihren Ländereien versperren und deren Existenz gefährden, kritisierte die EU. Bischof Stephan Ackermann, Vorsitzender der Deutschen Kommission Justitia et Pax, forderte kürzlich bei einem Bischofstreffen im Heiligen Land einen Baustopp.

"Ein wahrer Frieden braucht keine Mauern", predigt Pater Aktham Hijazin und betet für die israelische Regierung und die Soldaten, dass "Gott ihre Herzen öffnen möge". Die Kritik der Palästinenser richtet sich nicht nur gegen die Mauer an sich, sondern gegen den von Israel festgelegten Verlauf. Die Trennanlagen führen nicht entlang der Waffenstillstandslinie von 1967, sondern reichen wie in Beit Jala oft tief in palästinensisches Land hinein.

Pastor Rishmawi kämpft gegen den Lärm der Baufahrzeuge an und bittet einen der deutschen Pilger, Psalm 71 zu lesen. "Auf dich, oh Herr, vertraue ich", heißt es dort. Rishmawi wiederholt den Text auf Arabisch für palästinensische Christen, die an dem Gottesdienst teilnehmen. Begleitet von einer Klarinette stimmt die deutsche Gruppe das Magnificat an, als ein Militärjeep bis auf nur einen Meter Abstand heranrollt.

Kloster der Nonnen bleibt auf israelischer Seite

Cecile Abu Saad geht fast jeden Morgen zum Protestgottesdienst. Die Mauer entsteht direkt vor ihrer Haustür. "Es wird immer unerträglicher", stöhnt die 63-jährige Katholikin über Schikanen wie "Absperrungen", "Militärpatrouillen" und "unbegründete Ausweiskontrollen". Ihre fünf Kinder erwägen, ins Ausland zu gehen. Abu Saad kann es ihnen nicht verübeln. "Ich mache mir immer Sorgen, wenn meine Enkel unterwegs zur Schule sind."

Die Schüler der Salesianer-Nonnen werden sich, wenn die Mauer erst einmal steht, an neue Lehrerinnen gewöhnen müssen. Denn das Kloster der Nonnen bleibt auf israelischer Seite und ist dann nicht mehr von Beit Jala zu erreichen. Die Mauer im Cremisan-Tal sei "der letzte Nagel im Sarg Bethlehems", kritisiert die Menschenrechtsorganisation "Saint Yves Society". Die Teilnehmer der Pax-Christi-Gruppe stimmen nach dem Segen das amerikanische Protestlied "We shall overcome" an.

 

Susanne Knaul
(epd)

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