Der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Joseph III. Younan
Der Patriarch von Antiochien, Ignace Youssef III Younan

02.12.2013

Der Patriarch von Antiochien über die Situation in Syrien "Der Westen vergisst die Christen in unserem Land"

Ignace Youssef III Younan, der Patriarch von Antiochien, war am Wochenende im Erzbistum Köln zu Besuch. Nach der Feier der Heiligen Messe mit der syrisch-katholischen Gemeinde und einem Besuch bei Kardinal Meisner, hat er domradio.de ein Interview gegeben.

domradio.de: Eure Seligkeit, Sie sind der syrisch-katholische Patriarch von Antiochien. Ihr Bischofssitz ist in Beirut im Libanon. Wie sind Ihre Kontakte nach Syrien?

Youssef III Younan: Ich bin immer in Kontakt mit den Bischöfen, Priestern und anderen Menschen in Syrien, es sind nur etwa 100 km nach Damaskus. Die Lage ist schrecklich. Ich war kürzlich in Homs zu einer Beerdigung. Ich musste inkognito dorthin reisen, aufgrund der Sicherheit. Ich war sehr traurig darüber, dieses zerstörte und gebrochene Land zu sehen. Viele sind ermordet, viele sind ausgewandert, viele sind entführt – auch Priester und Laien.

domradio.de: Wie ist denn die Situation spezifisch der Christen dort?

Youssef III Younan: Es ist für uns eine sehr traurige Situation. Unser Überleben dort ist ernsthaft in Frage gestellt. Fanatismus, Terrorismus und Intoleranz sind dort vorherrschend. Viele Staaten im Nahen Osten, aber auch Westeuropa und die Vereinigten Staaten haben keine gute Rolle gespielt. Ich würde sagen, sie haben die Christen verkauft – für das Öl. Besonders die Christen in Syrien, im Irak, im Libanon aber auch im Heiligen Land. Man denkt dort, dass es den großen, einflussreichen Staaten auf der Weltbühne vollkommen egal ist, ob das Christentum im Nahen Osten überlebt oder nicht. In einer Region, in der es die Christen seit Jahrtausenden gibt, länger als den Islam. Heute werden diese Christen auf viele verschiedene Weisen verfolgt und aus ihrer Heimat vertrieben.

domradio.de: Was hoffen Sie für die Christen in Syrien?

Youssef III Younan: Wir müssen die Hoffnung neu beleben. Wir haben sie nicht verloren, wir sind auch nicht verzweifelt. Wir müssen aber unsere Brüder im Westen, besonders in Deutschland und Europa, daran erinnern, dass sie ihren Prinzipien der Demokratie treu bleiben müssen: das Bürgerrecht jedes einzelnen Menschen zu verteidigen. Diese Prinzipien und Werte darf man wegen wirtschaftlicher Gründe nicht verraten.  Das bedeutet: Wenn es in einem Land verschiedene Religionsgruppen gibt, dann müssen sie alle das Recht haben, respektiert zu werden. Sie müssen die Freiheit haben, ihre Religion auszuüben entsprechend ihrer Überzeugung. Es ist traurig zu sehen, dass wir in diesem Zusammenhang meistens vergessen werden, ja, sogar betrogen, aufgrund des Öls, also aus wirtschaftlichen Gründen. Aber auch aufgrund der Angst vor dem Aufkommen eines muslimischen Fundamentalismus. Und wenn in diesen Ländern gekämpft wird, dann meistens gegen unschuldige Zivilisten.

domradio.de: Wir sehen hier in den deutschen Medien immer nur Assad auf der einen Seite und die Rebellen auf der anderen. Wer soll Ihrer Meinung nach in Syrien das Heft in die Hand nehmen?

Youssef III Younan: Es ist traurig zu sehen, dass die Meinung der Menschen von den großen Medienkonzernen beeinflusst wird. Besonders hier in Westeuropa und den USA. Wir Patriarchen, die religiösen Anführer von Syrien, vom Irak, vom Libanon und sogar von Ägypten, haben schon vor Jahren gesagt, dass die Medien sehr vorsichtig sein sollten. Natürlich muss sich in dem syrischen Regime etwas ändern. Es muss reformiert werden, denn es ist diktatorisch. Aber: Wir stehen nicht auf der Seite irgendeiner Person, einer Familie oder eines Regimes. Wir stehen auf der Seite des Volkes. Wenn Gewalt eingesetzt wird, führt das nur zu noch mehr Gewalt. Die Situation in Syrien ist nicht mit der in Ägypten oder Tunesien zu vergleichen. Die Situation bei uns ist sehr kompliziert. Die Mehrheit sind Sunniten. Sie tolerieren keine andere religiöse Überzeugung als ihre eigene.  Sie sagen, dass sie Freiheit und Demokratie verteidigen, aber das ist nicht die Wahrheit, da sie die Freiheit der anderen nicht anerkennen. Jetzt geht die Gewalt immer weiter und weiter. Und die, die am meisten darunter leiden sind die Unschuldigen. Deshalb haben wir gehofft, dass die europäischen Politiker ihren Werten und Prinzipien treu bleiben, und uns helfen, damit es Versöhnung und eine Reform des Regimes gibt.

domradio.de: Hab ich Sie richtig verstanden: Sie wünschen sich das Regime, aber es muss sich in sich reformieren?

Youssef III Younan: Genau. Wir hoffen auf einen Dialog, auf eine Versöhnung und darauf, dass das Regime reformiert wird. Was wir bekämpfen müssen ist die Korruption. In Syrien gehört Korruption zur Tagesordnung. Der Hintergrund des Konfliktes ist aber was anderes: das ist das Öl, das ist das Geld und der religiöse Hass, und wir haben auch keine Angst das offen auszusprechen.

domradio.de: Seit Assad auf internationalen Druck hin eingewilligt hat, die chemischen Waffen zu zerstören, hört man hierzulande weniger aus Syrien als noch zur Zeit davor. Hat sich denn seit dem wirklich etwas verändert in Syrien?

Youssef III Younan: Ich muss sagen: Papst Franziskus hat wirklich ein Wunder getan, als er am 7. September die Gläubigen in aller Welt aufgerufen hat mit ihm gemeinsam für den Frieden in Syrien zu beten. Dieser Schritt Seiner Heiligkeit hatte international großen Einfluss, nicht nur was die Chemiewaffen angeht. Die ging es mehr um die geopolitische Situation, um das Spiel der großen Nationen. Wir müssen auf Gottes Vorsehung vertrauen, und uns daran beteiligen die Lage zu beruhigen. Wir als Christen im Nahen Osten sind Papst Franziskus sehr dankbar. Vergangene Woche habe ich ihn persönlich in Rom getroffen und er hat versprochen, dass er sich weiterhin für den Frieden im Nahen Osten einsetzt, in Syrien, in Palästina, oder auch im Irak. In dieser Region ist endlich Zeit für Frieden.

Das Interview führte Martin Korden.

(DR)

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