Kinderarbeit in Indien
Rund 1,7 Millionen indische Kinder sterben jährlich

11.04.2013

Misereor: Deutschland muss Indien bei Armutsbekämpfung helfen Armes reiches Indien

Trotz boomender Wirtschaft hat die Hälfte der Inder zu wenig zu essen. Ein Skandal, findet Indienreferentin Anna Dirksmeier vom katholischen Hilfswerk Misereor. Sie fordert die deutsche Regierung dazu auf, Indien bei der Armutsbekämpfung zu helfen.

domradio.de: Die Opposition in Indien spricht von einer "Armenlüge". Denn ein Inder ist nicht mehr arm, wenn er im Monat umgerechnet 9,76 Euro verdient. Wie sieht es tatsächlich aus?

Anna Dirksmeier (Indienreferentin bei Misereor): Das ist wirklich nicht wahr, denn zu Grunde gelegt wird ein Mindestkalorienbedarf von 80 Prozent dessen, was wir normalerweise als Mindestkalorienbedarf zu Grunde legen würden. Viele Inder müssen mit zwei Mahlzeiten oder sogar weniger am Tag auskommen. Wenn man das als genügend ansieht, ist das eine ganz falsche Grundlage. Das sieht man auch daran, dass so viele Kinder sterben. Die meisten davon sterben wirklich an Hunger und an Armutskrankheiten, die bei einer angemessenen Ernährung wirklich ganz leicht zu vermeiden wären und wenn zum Beispiel das Trinkwasser sauber wäre.

domradio.de: Zum einen verhungern in Indien Kinder, zum anderen zählt das Land zu denjenigen, die das größte Wirtschaftswachstum verzeichnen. Wie kommt diese Diskrepanz zustande?

Dirksmeier: Seit Beginn der 90er Jahre hat Indien ein rasantes Wachstum zu verzeichnen, aber dieses Wachstum ging komplett an den Armen vorbei und kommt stattdessen bei den Reichen und Wohlhabenden an. Wenn man auf andere Anzeichen für menschliche Entwicklung schaut, dann sieht es ganz schlecht aus. Indien ist da auf dem Niveau der 80er Jahre. Wir haben auf der einen Seite ein Wirtschaftswachstum, aber auf der anderen Seite eine Ungerechtigkeit in der Verteilung. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut und das sind 400 Millionen Inder, die wirklich zu wenig zu essen haben und das ist ein Skandal gemessen an  den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes.

domradio.de: 1,7 Millionen Kinder sterben jährlich an Unterernährung. Was vergisst die Regierung da offenbar nach 20 Jahren Wachstum?

Dirksmeier: Es fehlt ein gutes Steuersystem beispielsweise, was eine gerechte Verteilung mitnehmen würde, es fehlt eine Agrarreform, so dass also die Landbevölkerung sich selber ernähren kann und nicht nur auf Lebensmittelzuschüsse angewiesen ist. Es müssten richtig strukturelle Veränderungen, Reformen stattfinden mit Blick ganz gezielt darauf, wie kann ich die Armutsbekämpfung vorantreiben. Da fehlt es an klaren Strategien. Man begnügt sich damit, dass es einzelne Wachstumsbranchen gibt, aber es fehlt wirklich an dem gezielten Blick, etwas zur Bekämpfung der Armut zu tun.

domradio.de: Als spezifisch indischer Grund für die fortwährende Armuts- und Hungerkrise muss oft das Kastensystem herhalten. Ist das so richtig betrachtet?

Dirksmeier: Es stimmt, dass die sogenannten Unberührbaren, die Dalits, wie sie sich selber nennen, dass diese Bevölkerungsgruppe wirklich immer noch ausgeschlossen ist von jeglichem sozialen Fortschritt. Es gibt Regierungsprogramme, die speziell die vom Kastensystem Ausgeschlossenen und die niedrigen Kasten durch ein Quotensystem versuchen zu integrieren, aber gerade auf dem Land herrschen sehr viele archaische Vorstellungen noch vor. Da gibt es neben der Diskriminierung der Kastenlosen oder der unteren Kasten noch eine Diskriminierung der ethnischen Minderheiten, der Frauen. Also weite Bevölkerungsgruppen, die sehr stark abgehängt sind von dem Rest der Gesellschaft. Die Verfassung verbietet zwar das Kastensystem, das lebt aber auf dem Land immer noch weiter und da müsste die Regierung wirklich mehr tun, um dies wirklich zu bekämpfen. Die sogenannten Unberührbaren müssen sehr harte Feldarbeit leisten, sie sind oft in Schuldknechtschaft, sie gehören wirklich zur am meisten ausgebeuteten Kaste.

domradio.de: In Berlin kommt es jetzt zu Gesprächen mit dem indischen Premier. Was kann Deutschland dazu beitragen, dass sich in Indien etwas ändert?

Dirksmeier: Deutschland müsste tatsächlich genau diese Fragen ansprechen, also oft bezieht sich der Dialog ja nur auf wirtschaftliche Möglichkeiten, aber gleichzeitig hat Deutschland die Verantwortung deutlich anzusprechen, was die indische Regierung tut, um die Armen mitzunehmen, um zum Beispiel behindernde Faktoren wie das Kastenwesen auch tatsächlich abzuschaffen und nicht nur in der Rechtsprechung. Dass man der indischen Regierung vielleicht auch Hilfe anbietet, wie sie ihre eigentlich recht guten Gesetze besser nachverfolgt und besser umsetzt. Da könnte die Bundesregierung auch einige Hilfen leisten.

Das Interview führte Monika Weiß

(dr)

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