Die Milieukrippe von Lyskirchen
Die Milieukrippe von Lyskirchen
Eine Krippe im Milieu Lyskirchens der 20er oder 30er Jahre des 20. Jahrhunderts
Eine Krippe im Milieu Lyskirchens der 20er oder 30er Jahre des 20. Jahrhunderts

08.12.2019

Die Milieukrippe von Sankt Maria in Lyskirchen "Das gesamte Spektrum ist dabei"

Adventszeit ist Krippenzeit. Eine besondere Interpretation gibt es jedes Jahr in Sankt Maria in Lyskirchen in der romanischen Basilika am Rheinufer. Da entsteht in jedem Advent die sogenannte Milieukrippe immer wieder neu.

DOMRADIO.DE: Milieukrippe, der Name deutet das ja schon an. Das Weihnachtsgeschehen ist bei Ihnen in einem ganz bestimmten Milieu angesiedelt. In welchem?

Benjamin Marx (Ehrenamtlicher Krippenbauer): Das Weihnachtsgeschehen in Lyskirchen ist angesiedelt in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Grundgedanke ist der, dass Jesus neu geboren wird in die heutige Zeit. Man hat dabei nicht die aktuelle Zeit genommen, als diese Krippe ursprünglich 1982 entstanden ist, sondern man hat eine Zeit genommen, die in diesem Milieu relativ schwierig war. Und das war die Zeit 1926/1927. Damals war das Gebiet von einem großen Hochwasser heimgesucht worden. Es war ein Rotlicht-Milieu in diesem Viertel – es war ein armes Viertel. Im Mittelalter war es mal die Marienburg von Köln. Das hatte sich aber, nachdem der Rheinauhafen entstanden war, komplett gewandelt. Es war eigentlich ein klassisches Hafenviertel mit den entsprechenden Figuren.

DOMRADIO.DE: Was für Figuren sind denn da entsprechend, wer gehört da hin?

Marx: Da gehört der Rhingroller rein, das ist so ein Gelegenheitsarbeiter, ein Tagelöhner, der am Rhein lang "rollte" – und den man dann angeheuert hatte, um ein Schiff zu beladen oder zu entladen. Das waren relativ zwielichtige Gestalten, die in den Kneipen immer gewartet haben, bis man ihnen dann Arbeit gegeben hat. Es gehört der Matrose dazu, der auf dem Schiff war. Dann gehört auch die Prostituierte dazu, es gehören die Sozialwaisen aus dem Waisenhaus der Franziskaner dazu. Auch eine Marktfrau ist zu sehen, sowie der holländische Heringsverkäufer und der Pastor. Eine Nonne ist vertreten – es ist so das gesamte Spektrum dabei.

DOMRADIO.DE: Woher haben Sie Ihre Informationen? Das klingt unheimlich detailverliebt, was Sie da erzählen.

Marx: Die Krippe ist auch sehr detailverliebt. Sie hat ja sehr viele Besucher. Und gerade in der Weihnachtszeit strömen die Menschen dahin, um diese Krippe zu sehen, weil die Krippe lebt von dem Detail, und die Krippe lebt von den Dingen, die sich dort entwickeln. 1996 habe ich zum ersten Mal ein Adventsbild in der Krippe aufgebaut, zuvor war die Krippe immer nur erst ab Weihnachten aufgebaut. Sie wurde von Pastor Kirsch aufgebaut. Die Krippe ist 1996 auch erweitert worden. Sie ist in das südliche Seitenschiff gewandert, und aus einer Platzszene ist eine Straßenszene entstanden.

Es sind also weitere Kulissenteile und auch weitere Figuren dazugekommen. Zum Beispiel Menschen, die auch später gelebt haben, die in dem Viertel gewirkt haben. Und es sind symbolische Figuren dazugekommen. Es ist zum Beispiel ein Roma-Mädchen hinzugekommen. Es ist der jüdische Apotheker, ist dazugekommen. Wir haben einen Flüchtling in der Krippe, und Frau Brecht, die jahrelang auch an der Krippe mitgewirkt hat, ist mittlerweile in der Krippe vertreten sowie die Frau Färber, die sich im Viertel sehr um die Senioren gekümmert hat. Ihre Figur haben dann die Senioren gestiftet. Auch sie steht mittlerweile in der Krippe.

DOMRADIO.DE: Das heißt, auch Sie könnten irgendwann mal in der Krippe vorkommen?

Marx: Ach, das hoffe ich noch nicht – in 30 Jahren vielleicht.

DOMRADIO.DE: Altdeutscher Weihnachtsmarkt prangt jetzt da in altdeutschen Lettern auf dem Eingangsschild. Das Problem ist ja: Nicht jeder ist erwünscht auf diesem altdeutschen Weihnachtsmarkt. Wie stellen Sie das dar?

Marx: Ja, das ist so dargestellt. Und es hat auch einen historischen Bezug. Zu dem Viertel gehört auch der Filzengraben. Im Filzengraben 2 war die Druckerei des sogenannten "Westdeutschen Beobachters", das war das Naziorgan-Blatt in den 1920er und 1930er Jahren für das Rheinland und für Westdeutschland. Und die hatten ihren Verlag hier bei uns im Quartier.

Schräg gegenüber war die Glockenapotheke – die Glockenapotheke gehörte einem jüdischen Apotheker. Dass der Mann Jude ist, hat er erst durch die Gesetzgebung der Nazis erfahren. Er steht auch bei uns in der Krippe. Er trägt ein Eisernes Kreuz, weil er im Ersten Weltkrieg als Deutscher gekämpft hat. Er trägt aber auch gleichzeitig den Davidstern, weil die Nazis ihn ausgebürgert haben. Er ist gewarnt worden durch die Hetze, die unmittelbar in seiner Nachbarschaft immer vorhanden war, und ist dann auch noch rechtzeitig ausgewandert nach Skandinavien, wo er später gelebt hat.

DOMRADIO.DE: Ausgrenzung ist also Thema der Milieukrippe. Das ist ein sehr hartes Thema. Inwiefern ist das für Sie heute aktuell?

Marx: Aktuell ist es eigentlich dahingehend, dass wir öfters mal lesen müssen und hören müssen, wer zu uns gehört und wer nicht zu uns gehört. Und wenn irgendetwas passiert, wird direkt danach gefragt: Welche Hautfarbe hat derjenige? Aus welchem Land kommt der? Ein Mensch begeht ein Unrecht, und er wird direkt zugeordnet: Ob es eventuell der Grund sein könnte, dass er Migrationshintergrund hat. Und wir haben das in diesem Jahr in Halle erlebt, dass Juden in einer Synagoge ihr Fest feiern wollten und sie bedroht wurden und sie nur deshalb geschützt waren, weil sie hinter den verschlossenen Türen gefeiert haben. Allein schon der Gedanke, dass man hinter verschlossenen Türen seinen Gottesdienst feiern muss, denke ich, ist schon ein sehr schwieriges Thema.

Ausgrenzung ist bei uns wieder diskussionswürdig geworden. Das hätte ich nicht gedacht, dass das so schnell passiert. Martin Niemöller hat mal nach dem Zweiten Weltkrieg den Satz gesagt: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaften holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte." Und das ist einfach die Botschaft dieser Krippe: Dass wir aufpassen müssen, dass Menschen wieder ausgegrenzt werden. Denn irgendwann sind wir alle ausgegrenzt. Das ist auch die Botschaft, die an der Litfaßsäule steht und in diese Krippe transportiert wird.

DOMRADIO.DE: Die Litfaßsäule, das ist ein ganz wichtiges Element der Milieukrippe, wo in jedem Advent eine Botschaft auch draufsteht. Unabhängig von dieser Litfaßsäule, wo man es wirklich schwarz auf weiß sieht: Haben Sie denn das Gefühl, die Besucher, die vorbeikommen und sich diese Milieukrippe anschauen, die verstehen das?

Marx: Ja, ich bin erstaunt, aber das wird auf Anhieb verstanden. Der Weihnachtsmarkt ist wirklich sehr schön. Und wir wollen auch den Menschen nicht die Adventszeit verderben. Wir freuen uns alle auf Weihnachten – und es ist ja auch ein Fest, was zu Herzen geht. Aber parallel dazu ist eine sehr nüchterne Szene dargestellt, wo der römische Volkszähler dann da steht und Menschen registriert. Da steht dann der Jude mit seinem Davidstern, dahinter steht der nicht Sesshafte, der als asozialer und arbeitsscheuer ausgegrenzt war. Dahinter steht das Roma-Mädchen, die Zigeunerin, die als fremdrassisch und asozial ausgegrenzt waren. Dahinter steht die Politikerin, eine SPD-Frau, die politisch ausgegrenzt war. Und dahinter steht eine Autistin, die auch in unserer Krippe ist, die Frau Tiefenbach, die als geisteskrank, als nicht wertes Leben ausgegrenzt war. Das hat es alles schon mal in irgendeiner Form gegeben.

DOMRADIO.DE: Jetzt sind Menschen, die eine Krippe besuchen, ja immer auch auf der Suche nach den ganz klassischen Elementen. Man sucht zum Beispiel den Engel des Herrn. Findet man solche Dinge auch?

Marx: Man findet auch den Engel des Herrn. Wenn man die Treppe rechts hochschaut, dann sieht man eine sehr schöne Szene. Da steht ein siebenarmiger Leuchter und der Engel Gabriel spricht zu Maria, besucht Maria und sagt, dass sie ein Kind zur Welt bringen wird. Das ist auch dargestellt. Auf dem Weihnachtsmarkt ist auch eine Krippe dargestellt. Wer genau hinschaut, sieht, dass in dem einen Schuppen in der Mitte eine kleine Krippe zu sehen ist. Diese Figuren wurden gestrickt von russischen Frauen in Köln-Seeberg, die sie immer zum Kaffee treffen und dann solche kleinen Figuren stricken. Und im vorigen Jahr haben sie dann Krippen gestrickt, und diese Krippe ist auch dargestellt.

DOMRADIO.DE: Das heißt, da kommt jeder auf seine Kosten?

Marx: Ja, es kommt jeder auf seine Kosten. Insbesondere auch Weihnachten kommt jeder auf seine Kosten, dann ist wirklich das Weihnachtsgeschehen ganz klassisch zu sehen. Und über dem Weihnachtsgeschehen hängt dann der kleine kölsche Engel: Euch ist der Heiland geboren (Üch eß der Heiland jebore).

DOMRADIO.DE: Wenn Sie einen Wunsch äußern könnten, was die Menschen, die diese Krippe besuchen, mitnehmen, Sie geben ja abends auch Krippenführungen: Was ist das, was wollen Sie mitgeben?

Marx: Ich würde ganz einfach die Botschaft von Martin Luther King mitgeben, der mal gesagt hat: Die Botschaft von Weihnachten: Es gibt keine größere Kraft als die Liebe. Sie überwindet den Hass und wie das Licht die Finsternis.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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