Aiman Mazyek
Aiman Mazyek bei einer Veranstaltung in Berlin

21.12.2017

Weihnachten und die Muslime Und sie feiern doch?

Wird das Fest von Jesu Geburt immer öfter zum Stein des Anstoßes für muslimische Befindlichkeiten? Das wäre ziemlich absurd, zeigt nicht nur ein Blick in den Koran. Wie reagieren Muslime tatsächlich aufs Christkind?

Die Geschichte schlug in dieser Woche hohe Wellen: Ein Lüneburger Gymnasium hatte seine Weihnachtsfeier auf einen Termin außerhalb der Unterrichtszeit verlegt - angeblich nach Kritik einer muslimischen Schülerin, die sich von Weihnachtsliedern gestört fühlt.

Christliche Vertreter reagierten verstört und warnten davor, die religiöse Tradition dieses Landes aus den Schulen zu verbannen. Wenn der Sankt-Martinstag zum "Laternenfest" und der Weihnachtsmarkt zum "Wintermarkt" umgemodelt wird - oft aus vorauseilender, gar nicht erbetener Rücksichtnahme -, dann gehen Emotionen hoch und werden Ängste wach. Dann riecht es für viele Menschen inzwischen nach Überfremdung statt Lebkuchen.

Taugt das Weihnachtsfest für den religiösen Kulturkampf? 

Aber taugt ausgerechnet das Fest der Geburt Jesu für den religiösen Kulturkampf? Kaum. Jesus wird im Koran als großer Prophet und "Messias" bezeichnet und auch das heilige Buch der Muslime hat seine "Weihnachtsgeschichte". Sure 19 erzählt, wie Maria ein Engel erscheint und ihr die Geburt eines Sohnes mit Namen Jesus verkündet, als Zeichen Gottes für die Menschen. Auch im Koran beteuert die künftige Mutter ihre Jungfräulichkeit, doch der Engel beruhigt sie:

Gott schaffe auch das. Dann weicht die Geschichte vom biblischen Vorbild ab. Maria bringt ihren Sohn nicht im Stall von Bethlehem, sondern an einem entlegenen Ort unter einer Dattelpalme zur Welt. Das Jesuskind kann schon in der Wiege sprechen und verteidigt vor einer staunenden Menge die Ehre seiner Mutter.

Jesus hat für Muslime große Bedeutung

Für Muslime hat Jesus zwar große Bedeutung als wundertätiger Prophet und Überbringer des Evangeliums. Allein 93 Koranverse berichten über ihn. Als "Sohn Gottes" verehren sie ihn aber nicht, weil das gegen den obersten islamischen Glaubenssatz verstößt: die Einzigartigkeit und Unteilbarkeit Gottes. Weihnachten ist für Muslime kein Feiertag.

Trotzdem nimmt die islamische Welt daran Anteil. Christmetten werden vielerorts im Fernsehen übertragen, auch muslimische Staatschefs oder religiöse Würdenträger nehmen daran teil, etwa in Ägypten, im Libanon oder in den Palästinensergebieten. Oft gratulieren Muslime ihren christlichen Nachbarn zu deren Glaubensfest.

Großes Volksfest am 24. Dezember in Bethlehem

Und auch in Jakarta oder Istanbul stößt man im Dezember auf westliches Brauchtum, auf Lichterketten, Jingle-Bells-Musik und den Weihnachtsmann. In der Geburtsstadt Jesu begehen Christen und Muslime den 24. als großes Volksfest. Zusammen mit einheimischen Christen und Pilgern warten muslimische Palästinenser in den engen Gassen Bethlehems auf den traditionellen Einzug der Kirchenführer, hören auf dem überfüllten Krippenplatz Weihnachtslieder und genießen die festliche Stimmung. Präsident Mahmud Abbas betont regelmäßig den Stolz der Palästinenser, den Geburtsort Jesu und die älteste christliche Gemeinschaft im Land zu wissen.

Doch es gibt auch die dunkle Seite. Verheerende Anschläge wie 2011 auf die koptische Kathedrale in Kairo, den Berliner Weihnachtsmarkt oder jüngst auf eine Kirche in Pakistan machen beinahe jährlich klar, dass Christen gerade in dieser Zeit im Fadenkreuz der Extremisten stehen. Aus Furcht vor Anschlägen rüsten pakistanische Kirchengemeinden derzeit Freiwillige mit Schusswaffen aus und bringen ihnen in Schnellkursen Kampftechniken bei.

Muslime erinnern sich Weihnachten an die Bedeutung Jesu 

Und in Deutschland? Reißt das Fest der Liebe künftig immer öfter Gräben auf zwischen den Kulturen? "Da wird sehr viel aufgebauscht", meint Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, der ein Buch über den Umgang der Muslime mit dem Fest der Kerzen und Tannenbäume geschrieben hat. Falls sich im Lüneburger Fall tatsächlich eine Schülerin über den weihnachtlichen Trubel beschwert haben sollte, "dann gäbe es viele muslimische Stimmen, die das nicht gutheißen". Er selbst kenne keine Bestrebungen unter Muslimen, die Traditionen dieses Landes zu verstümmeln, sagt er. Und hegt einen anderen Verdacht: "Manchmal werden angebliche Befindlichkeiten von Muslimen einfach vorgeschoben von areligiösen Entscheidungsträgern, denen die ganze christliche Symbolik ein Dorn im Auge ist."

Auch wenn in den meisten muslimischen Familien an Heiligabend nicht aktiv gefeiert wird: Nach Mazyeks Erfahrung nutzen viele Muslime das Weihnachtsfest, um sich an die Bedeutung Jesu im Islam zu erinnern. "Das ist für uns eine gute Gelegenheit zur Besinnung, kein Anlass, um empfindlich zu werden."

Über die Geburt des Propheten Mohammed berichtet der Koran übrigens mit keiner Zeile. Seit dem Mittelalter hat sich zwar auch hier ein Datum in den Festkalender «eingeschlichen». Viel wichtiger bleiben aber das Opferfest während der Pilgerzeit und das Zuckerfest zum Ende des Fastenmonats Ramadan.

Christoph Schmidt
(KNA)

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