Rosenkränze und Karten mit dem Bild von Papst Franziskus
Rosenkränze und Karten mit dem Bild von Papst Franziskus

27.10.2021

Autor fordert radikales Umdenken in der Kirche "Zum Teufel mit den Traditionen!"

In seinem Buch "Franziskus Hilf'" pocht Autor Hummel auf ein radikales Umdenken und systemische Änderungen in der Kirche. Denn "es ist ja nicht die Oma, die jeden Tag Rosenkranz betet, die diese Krise verursacht hat, sondern es ist das System."

DOMRADIO.DE: "Franziskus Hilf'" heißt ihr neuestes Buch. Wobei soll der Papst denn helfen? 

Peter Hummel (Autor und Katholik): Na ja, der Papst, dem kann ja die aktuelle Kirchenkrise nicht entgangen sein. Er ist 2013 angetreten als der große Reformator - so habe ich ihn damals auch gesehen und habe auch auf ihn gehoff - und jetzt muss er tatsächlich dabei helfen, die Kirche wieder zu einem Ort zu machen, in der das Gebet und die Seelsorge und die Hilfe für die Armen wichtiger ist als etwa die Frage, ob ein Mann oder eine Frau vorne steht oder ob gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden können. Und da nehme ich ihn in die Pflicht und sag: "So, lieber Franziskus. Seit 2013 ist jetzt schon ein paar Jahre vergangen. Jetzt musst du auch deine Versprechen einlösen". 

DOMRADIO.DE: Die Dinge, die Sie gerade genannt haben, das sind ja für einige Katholikinnen und Katholiken zumindest Schreckgespenster. Da wird eben oft argumentiert, dass die Tradition der katholischen Kirche das ist, die den Laden zusammen halte und man eben nicht dem Zeitgeist verfalle, wie so ein Fähnchen im Wind, wie es andere Organisationen tun würden. Was ist Ihre Meinung dazu? 

Hummel: Na ja, die Kirche hat sich ja immer verändert. Wir hätten ja nie ein Konzil gebraucht, oder? Es gab ja mehrere Konzil über die Jahrhunderte, wenn nicht irgendwas verändert werden hätte müssen. Wir meinen aber heute, dass wir an Themen und Regeln festhalten müssen, die irgendwann im Mittelalter entstanden sind. Also zum Beispiel der Zölibat. Der hat meiner Meinung nach über die Jahrhunderte hinweg sicher mehr Leid angerichtet, als dass er genutzt hat.

Und für mich ist die katholische Kirche natürlich eine Zeitgeist-Kirche, sonst würden wir heute noch Hexenverbrennung und Kreuzzüge veranstalten und Ablässe verkaufen. Aber gerade beim Thema Sexualität, das ja ohnehin eines der wichtigsten Themen in der katholischen Kirche zu sein scheint, bleiben wir irgendwie im Mittelalter stehen und ich finde es einfach albern, immer noch in die Schlafzimmer anderer Leute zu gucken und zu kontrollieren und die Liebe von Menschen beurteilen zu wollen. Deshalb schreibe ich in meinem Buch auch mehrfach provokant, aber doch auch deutlich: Zum Teufel mit den Traditionen! 

DOMRADIO.DE: Im Katholischen steckt aber nicht nur was Traditionelles, sondern auch eine Weltkirche. Ist es hauptsächlich das, was Reformen, die ja in Deutschland seit Jahren schon angestoßen werden, verhindert? 

Hummel: Da kenne ich mich nun relativ gut aus, wenn ich auch sonst kein Theologe bin, sondern ein ganz normaler Katholik. Ich habe in meinem Leben als Journalist 52 verschiedene Länder dieser Welt besucht und habe dort Weltkirche wirklich hautnah erlebt. Und tatsächlich nimmt man das in vielen Ländern nicht so bürokratisch wie hier bei uns in Mitteleuropa oder gar in Deutschland. Die machen einfach!

Der Zölibat spielt in den allermeisten Ländern in Afrika, Asien und Südamerika kaum noch eine Rolle. Und genau dort wächst die Kirche im Moment. Die sehen das einfach so: Na ja, mei, es ist halt so. Aber Rom ist weit weg und wir leben hier unseren Glauben, so wie es immer gemacht haben. Und so ist es gut. 

DOMRADIO.DE: Da gibt es ja einige Beispiele in ihrem Buch für so eine Ortskirche, die sich da nicht so sehr an Traditionen klammert und sich in erster Linie eben für die Menschen vor Ort einsetzt. Haben Sie da vielleicht ein Beispiel für uns? Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? 

Hummel: Mir ist ein Satz vor allem in Erinnerung geblieben. Den habe ich in Mali erlebt bei einem Pfarrer, der hatte auch eine Freundin oder eine Lebensgefährtin. Und ich habe ihn gefragt, wie das eigentlich funktioniert und ob da nicht der Bischof schimpft oder wie er das erklären würde, wenn er jetzt nach Rom käme. Da hat er gesagt: Ich habe bei meiner Priesterweihe geschworen, nicht zu heiraten, aber ich habe nicht geschworen, keusch zu leben. Und das ist dieser Pragmatismus, mit dem die Leute dort an dieses Thema herangehen.

Anderes Beispiel: In Venezuela war ich mal ganz im Osten. Da hat ein Pfarrer zu den Bauern, die Soja für die Brasilianer und nicht mehr das Gemüse für die eigene Bevölkerung anbauen wollten: So Leute, dann kommen halt eure Kinder nicht zur Kommunion. Und am nächsten Sonntag ist er mit einer Madonnenstatue und mit so einer örtlichen Statue der Eingeborenen durch die Felder gegangen, hat die Felder gesegnet und gesagt: So, das sind jetzt gesegnete Felder, da probiert mal jetzt Soja für Brasilien anzubauen. Und zack war dieses Thema vom Tisch. Das ist Weltkirche - ganz nah an den Menschen - wie sie gut funktioniert. 

DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch steckt ja auch viel Enttäuschung, vielleicht sogar ein bisschen Wut auf den Klerus. Ich hatte auch das Gefühl, dass Sie eine Spaltung zwischen katholischen Laien an der Basis und den Bischöfen und Kardinälen sehen. Ist das so richtig? 

Hummel: Ja, das kann man durchaus so sehen, denn die Krise unserer Kirche ist ja keine Krise der Laien, sondern sie wurde von den Klerikern, die vielleicht ein Prozent ausmachen, initiiert oder zumindest nicht verhindert. Es ist tatsächlich eine Krise derer, die meinen, Kraft ihrer Weihe auch automatisch mehr Macht zu haben. Und diese Macht, das kann man ihnen auch nicht verdenken, die nutzen sie natürlich aus oder haben sie ausgenutzt.

Tatsächlich finde ich aber, ist die Weihe ein Auftrag zu dienen. Und wer mehr dient, missbraucht weniger und baut sich weniger vor anderen Leuten auf. Unsere Kleriker vermitteln aber das Bild, dass durch die Weihe - zudem noch beschränkt auf ein einziges Geschlecht - auch eine gewisse Schlauheit verbunden ist. Das sieht man ja auch an der Laienpredigt, die verboten ist. Wenn jemand geweiht ist, darf er predigen, wenn nicht, nicht. Es wird mit der Weihe eine Schlauheit verbunden. Dass diese Schauheit tatsächlich vorhanden ist, bezweifle ich angesichts dieses Desasters, das explizit Leute aus dem Klerikerkreis angerichtet haben. 

DOMRADIO.DE: Dann drehen wir den Spieß mal um. Den Pflichtzölibat haben wir gerade schon angesprochen. Der Umgang mit Frauen in der Kirche wird immer wieder kritisiert. Dieses hierarchische System, das ja auch sexuellen Missbrauch begünstigt, eine gewisse Art von Klüngelei und von einigen wird eben auch von einem Klima der Angst berichtet - das sind die Baustellen. Ja, wie geht man die denn jetzt an? Müssen wir jetzt quasi zu einer evangelischen Kirche werden oder muss man einen kompletten Neustart hinlegen? Was meinen Sie?

Hummel: Ja, natürlich muss man da was umkrempeln, denn genau das sind die Baustellen. Es ist ja nicht die Oma in der Kirche, die jeden Tag einen Rosenkranz betet, die diese Krise verursacht hat, sondern es ist das System. Und natürlich sind nicht alle Priester und Ordensleute Täter. Aber ich finde sie stehen mit in der Verantwortung in dieser Täter-Organisation. Das ist für viele keine schöne Situation. Klar, ich weiß. Andererseits kennt jeder, der in den letzten Jahren und 50 Jahren katholisch sozialisiert wurde, irgendwelche Missbrauchsgeschichten und hat trotzdem geschwiegen. Ich übrigens auch.

Mich hat mal ein Bischof, der damals noch im Amt war, vor anderen Leuten gezwungen, die OP-Narbe an seiner Schulter auf der Haut zu fühlen. Und ich habe das gemacht. Da denke ich mir im Nachhinein: Das darf ja wohl nicht wahr sein! Aber er war ja mein Bischof und alle anderen fanden es irgendwie lustig. Da finde ich, dieses Schweigen müssen wir durchbrechen, diese Angst, den falschen Respekt. Denn es funktioniert nicht, wenn wir einfach so weitermachen wie bisher - vielleicht aufgehübscht mit ein paar Aufklärungskommissionen. Das bringt überhaupt gar nichts, wenn das System nicht grundsätzlich geändert wird. 

DOMRADIO.DE: "Franziskus hilf'"heißt Ihr Buch. Ist der Papst an der Spitze der Kirche dann nicht irgendwo auch Teil des Problems? Wie kann jetzt Papst Franziskus Ihrer Meinung nach helfen? 

Hummel: Ich nehme ihn natürlich in die Pflicht und ich wünsche mir, dass er wieder mehr Seelsorger wird, der er immer war, auch in seiner Zeit in Argentinien. Im Moment scheint es mir aber so, dass er zerrieben wird zwischen diesen Fronten. Da sind auf einer Seite diese Traditionalisten, ganz wenige Leute, aber sehr, sehr laut, die am liebsten wieder die lateinische Messe einführen wollen, damit auch ja niemand was versteht. Denn wer nicht versteht, gehorcht besser. Auf der anderen Seite sind die Reformer, die mitunter fast ein bisschen zu forsch vorgehen, vielleicht weil sie noch zu Lebzeiten Erneuerungen erleben möchten. Die Kirche tickt aber nicht in Lebzeiten.

Was müssen wir tun? Was wir tun müssen, ist, zu Lebzeiten unsere Impulse zu setzen. Und angesichts dieses Desasters im Moment sind es nicht nur Impulse, sondern es müssen Nadelstiche sein. 

DOMRADIO.DE: Sie sind gläubiger Katholik, engagieren sich auch in der Kirche, haben schon einige Bücher geschrieben, eigentlich auch immer direkt an den Papst adressiert. Was macht Ihnen Hoffnung, dass sich da etwas ändert und die Kirche nicht mehr homophob auftritt, geschlechtergerecht wird, sich mehr wieder in den Dienst der Menschen stellt? 

Hummel: Ja, da habe ich die Hoffnung auf die vielen jungen Menschen, die heute in einer Welt aufwachsen, in der die katholischen Moralvorstellungen beispielsweise kaum noch eine Rolle spielen. Das kann man aus katholischer Sicht als Nachteil sehen. Ich sehe es eher als Vorteil. Denn auch die Kirche wird irgendwann erkennen, dass Glaube, Liebe, Hoffnung, dass das Gebet, die Seelsorge, die Sakramente, das Dasein für andere Menschen viel, viel wichtiger ist als die Frage, ob zwei gleichgeschlechtliche Menschen nun gesegnet werden dürfen oder nicht. In dem Punkt wird sie sowieso nicht ernst genommen und wird auch in Zukunft nicht mehr ernst genommen. Oder dass ein Geschlechtsmerkmal ein einziges unterschiedliches Chromosom zwischen Mann und Frau in Zukunft nicht mehr der Grund dafür sein kann, die einen auszuschließen und die anderen nicht.

Und die jungen Leute, die deswegen nicht weniger glauben oder nicht weniger fromm sind oder nicht weniger die Sakramente wollen, haben diese Themen nicht mehr auf ihrer Agenda. Für die sind die Themen durch. Und sie werden dieses ein Prozent der Kleriker, die immer noch an diesen Sachen festhalten werden, lehren: Mit uns nicht. Und das ist meine große Hoffnung und ich glaube, die ist auch berechtigt. 

Das Interview führte Jann-Jakob Loos.

(DR)

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