Gerichtsprozess zum vatikanischen Finanzskandal
Gerichtsprozess zum vatikanischen Finanzskandal

05.10.2021

Prozess im Vatikan vertagt Scharfe Kritik an Strafverfolgung

Ein schneller Prozess rund um den Vatikan-Finanzskandal wird es nicht mehr. Am Dienstag, dem zweiten Verhandlungstag nach zehn Wochen Pause, wurde der Prozess erneut vertagt. Im Fokus steht das Handeln der Strafverfolger.

Der Mammut-Finanzprozess im Vatikan rund um Kardinal Giovanni Angelo Becciu kommt weiter über formale Fragen nicht hinaus. Zehn Wochen nach dem Auftakt wurde der Prozess am Dienstag erneut vertagt.

Am Mittwoch wollen die drei Richter um den Vorsitzenden Giuseppe Pignatone ihre Entscheidung verkünden, ob das Verhalten der Strafverfolgung hinsichtlich Zeugenbefragung und Sicherung von Beweismaterialien rechtens war. Im Fokus steht die Befragung des Hauptzeugen und nicht angeklagten Alberto Perlasca.

Zehn Angeklagte

Der bislang größte Strafprozess der vatikanischen Justiz war Anfang Juli angekündigt worden und hatte Ende Juli begonnen. Nach mehrstündiger Verhandlung wurde er jedoch am ersten Prozesstag auf Oktober vertagt, unter anderem, um weitere Beweismittel einzubringen. Die Verteidiger hatten auch mangelnde Vorbereitungszeit beklagt.

Die zehn Angeklagten, darunter Kardinal Becciu, sollen allesamt an dubiosen und äußerst verlustreichen Investitionen in eine Londoner Luxusimmobilie beteiligt gewesen sein. Mit Becciu sitzt zudem - infolge einer Rechtsanpassung durch Papst Franziskus im Frühjahr - erstmals ein Kardinal auf der Anklagebank. Er war an beiden Prozesstagen anwesend.

Weitere Angeklagte sind unter anderen Beccius Sekretär Mauro Carlino, der Schweizer Finanzexperte und Ex-Präsident der vatikanischen Finanzaufsicht, Rene Brülhart, die Finanzmanager Gianluigi Torzi und Raffaele Mincione sowie die Sicherheitsberaterin Cecilia Marogna. Die Vorwürfe reichen von Amtsmissbrauch, Veruntreuung und Geldwäsche bis hin zu Betrug und Erpressung.

Kritik an der Strafverfolgung

Die Verteidiger forderten am Dienstag unisono und wortstark eine sofortige Herausgabe aller Beweismaterialien - darunter Video- und Audioaufnahmen von Perlasca. Andernfalls könne der Prozess nicht fortgesetzt werden. Fraglich sei zudem, ob eine Befragung Perlascas ohne Anwälte überhaupt rechtens gewesen sei. Auch hierzu brauche es die Aufnahmen.

Beccius Anwalt zitierte dabei den Strafverfolger Alessandro Diddi, der beim Prozessauftakt eine Herausgabe der Aufnahmen zugesagt hatte, um sich zwei Wochen später, entgegen des richterlichen Erlasses, zu weigern. Begründung: Schutz der Persönlichkeitsrechte und "ernsthafte und nicht wiedergutzumachende Beeinträchtigung der Rechte".

Diddi verteidigte am Dienstag sein Vorgehen. Die Strafverfolgung sehe sich nicht im Stande - physisch und finanziell -, die zu umfangreichen Audio- und Videoaufnahmen in Gänze zur Verfügung zu stellen, einzelne Elemente könnten zudem Beteiligte diskreditieren.

Außerdem gebe es eine Abschrift der Befragungen. Diese halten die Verteidiger jedoch für unvollständig.

Diddi kritisierte aber auch den Umgangston im Prozess. Es habe sehr scharfe und nicht gerechtfertigte Angriffe gegen die Strafverfolgung gegeben. Die Strafverfolgung habe das vatikanische Strafrecht immer im Sinne der Kirche ausgelegt.

Vatikanisches Strafrecht in Frage gestellt

Mehrere Verteidiger der Angeklagten hatten jedoch bereits zum Prozessauftakt genau dieses vatikanische Strafrecht in Frage gestellt. So wurde am Dienstag auch von den Verteidigern kritisiert, dass der Vatikan mit drei Nebenklägern vertreten sei: das Staatssekretariat, die Güterverwaltung APSA und die sogenannte Vatikanbank IOR.

Das werfe die Frage auf, wer bei einem Urteil eventuelle Entschädigungszahlungen erhalten müsse oder ob alle als einzelne Nebenkläger zu betrachten seien. Auch hier steht wieder die große Frage im Raum, ob das vatikanische Strafrecht und dieser ganze Prozess per se Bestand haben.

Dabei hängen sich die Verteidiger nun an der Frage nach Macht und Handeln der Strafverfolger auf. Der Hauptzeuge Perlasca soll fünfmal befragt worden sein - unter welchen Umständen, bleibt unklar.

Perlasca war viele Jahre Verwaltungsleiter der ersten Abteilung im Staatssekretariat. Er schloss im Auftrag Beccius und seines Nachfolgers Erzbischof Edgar Pena Parra erste Verträge mit den angeklagten Finanzmanagern Mincione und Torzi. Mittlerweile lebt er wieder in seinem Heimatbistum Como und hält sich völlig im Hintergrund.

Anna Mertens
(KNA)

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