Kaffee vor dem Vatikan
Kaffee vor dem Vatikan
Kardinal Giovanni Angelo Becciu 2018 im Vatikan
Kardinal Giovanni Angelo Becciu 2018 im Vatikan

02.10.2020

Vatikanjournalist Nuzzi über die römische Finanzaffäre "Ich würde mit Becciu keinen Kaffee trinken"

Wie schlimm steht es im Vatikan um die Finanzen? Seit dem Eklat von Kardinal Becciu wird diese Frage immer lauter gestellt. Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi vermutet den Vatikan kurz vor dem finanziellen Ruin.

DOMRADIO.DE: Schauen wir auf den aktuellen Fall von Giovanni Angelo Becciu. Dieser wurde von Franziskus mehr oder weniger gefeuert, weil er ihm nicht mehr vertraut hat. Einem Artikel, nach dem Becciu Gelder veruntreut und eine unabhängige Finanzprüfung verhindert haben soll, widerspricht der Beschuldigte. Er habe sich nichts vorzuwerfen. Was ist nach Ihren Recherchen die Wahrheit?

Gianluigi Nuzzi (Journalist und Buchautor): Also, es gibt in dieser Geschichte mehrere Dinge, die man betrachten muss. Die erste Ebene ist die Befragung im Vatikan zu den Finanz- und Immobiliengeschäften Beccius, die dubiose Finanzgeschäfte betreffen. Auch hat er seinen Brüdern Geld gegeben. Man sieht also, dass Becciu Fehler gemacht hat. Die Befragung zeigt auch, dass es um Becciu ein großes Netzwerk gegeben hat, das diese finanziellen Machenschaften unterstützt hat. Giovanni Angelo Becciu hat also in seiner Amtszeit eher private Interessen vertreten als die des Vatikans.

Die zweite Ebene ist die Beziehung zwischen Becciu und dem Papst. In den letzten Jahren hat Franziskus in Becciu immer mehr einen Mann gesehen, der an der eigenen Macht interessiert ist, als einen treuen Gefährten und Diener Gottes. Deshalb hat Franziskus kein Vertrauen mehr in Becciu gehabt und ihm die Rechte als Kardinal genommen. Das heißt, er bleibt zwar Kardinal, aber er kann am nächsten Konklave nicht mehr teilnehmen. Diesen Fall hat es in der langen Geschichte des Vatikans sehr selten gegeben. Vielleicht fünf oder sechs Mal. Das Vertrauen zwischen dem Papst und seinen Kardinälen ist das Wichtigste, da die Kardinäle dem Papst am nächsten stehen.

Becciu hat völlig unangemessen auf diesen Vertrauensverlust reagiert und eine Pressekonferenz einberufen in der er gesagt hat, er hoffe, dass der Papst nicht manipuliert worden sei. Er zweifelt damit die geistigen Fähigkeiten des heiligen Vaters an und das sagt viel über Beccius Charakter aus. Er hat gesagt, dass er das Vertrauen in den Papst erneuert und ihm weiterhin vertraut. Dabei ist es aber der Papst, der Becciu das Vertrauen entzogen hat. Ein Kardinal erneuert nicht das Vertrauen in den Papst, sondern er ist ein treuer Diener Gottes und unterstützt den Papst bei seiner Aufgabe. Das alles zeigt die Distanz zwischen dem Papst und Kardinal Becciu, denn der Kardinal gehört noch der alten Denkweise, sagen wir mal der alten Schule an. Er gehört einer alten Kirche an, die es nicht mehr geben sollte. Die neue Kirche muss transparent sein und sich um die Armen kümmern, so sagt es auch Franziskus.

DOMRADIO.DE: Was denken Sie? Ist das veruntreute Geld noch da? Becciu behauptet das ja.

Nuzzi: Das sind unwichtige Details. Es gibt viele Anschuldigungen gegen Becciu. Die Verzweigungen des auf Machtinteressen basierenden Netzwerkes Beccius sind sehr weit. Es geht hier aber nicht primär um die finanziellen Machenschaften des Kardinals, sondern um den Wiederruf des Vertrauens des Papstes. Natürlich ist das ein unglaublicher Finanzskandal, aber das hat nichts mit dem Vertrauensverlust zu tun. Der Papst hat Becciu seine Kardinalsrechte genommen bevor der Strafprozess begonnen hat, weil er denkt, dass Becciu ein Lügner ist.

DOMRADIO.DE: Was denken Sie persönlich über Kardinal Becciu? Ist er die korrupteste Person im Vatikan?

Nuzzi: Was ich persönlich von ihm halte? Ich würde mit Becciu keinen Kaffee zusammen trinken, noch nicht einmal ein Glas Wasser.

DOMRADIO.DE: Nun ist Kardinal Pell, der ehemalige Finanzchef des Vatikans, wieder in Rom. Glauben Sie, er wird bei der weiteren Aufarbeitung eine Rolle spielen?

Nuzzi: Pell ist sehr aufgeregt, weil er gerade in Australien einen Prozess überstanden hat, in dem er von jedem Vorwurf freigesprochen wurde. Er ist in den Vatikan zurückgekehrt im Wissen, dass die Anschuldigungen gegen ihn falsch sind. Diese Anschuldigungen waren sehr schmerzhaft für Pell und haben verhindert, dass er in der Kurie Franziskus' Finanzreformen durchsetzen konnte. Sie haben mich vorhin gefragt, warum alles im Vatikan so langsam läuft. Das ist so, weil Franziskus' Reformen sabotiert wurden. George Pell hat den Papst unterstützt und ist in ein schlechtes Licht gerückt worden. Das ist nicht nur Pell passiert, sondern auch Libero Milone. Er wurde aus der Kurie entfernt, weil er gestört hat. Er war ein Störfaktor, weil er dem Papst geholfen hat! Pell möchte für wahre Gerechtigkeit sorgen und wird sich auch so verhalten.

DOMRADIO.DE: Am Mittwoch hat eine zweiwöchige Untersuchung der europäischen Anti-Geldwäsche-Kommission im Vatikan begonnen. Was – glauben Sie – wird da am Ende herauskommen?

Nuzzi: Der Vatikan hat zwar ein Anti-Geldwäschegesetz verabschiedet, aber nach einem Jahr haben die Verantwortlichen im Vatikan dem Papst gesagt, dass sie in den Banken das Gesetz nicht anwenden konnten. Sie hätten keine konkreten Anweisungen zur Umsetzung des neuen Gesetzes gehabt. Das Gesetz kam also nicht zur Anwendung und ich hoffe, dass diese Untersuchung keine bösen Überraschungen hervorbringen wird.

DOMRADIO.DE: Sie haben sich auch in Ihrem neuen Buch “Habgier im Vatikan“ mit den Finanzen des Kirchenstaates befast. Ihr Fazit lautet: Der Vatikan steht vor dem heiligen Crash. Wie schlimm ist die Lage dort denn wirklich?

Nuzzi: Der Vatikan und der Papst sind sehr besorgt, weil weniger Geld ankommt. Die Skandale um Finanzen, Missbrauch und die Machtspiele haben die Spenden und Berufungen reduziert. Es wurde eine geheime Arbeitsgruppe gebildet, um den Zahlungsverzug zu verhindern. Es gibt zwar ein großes Immobilienvermögen, aber die Kirche kann die Häuser und Palazzi nicht verschleudern, weil die Ausgaben und Spekulationen steigen. Deshalb ist das Risiko des Verzugs sehr groß.

DOMRADIO.DE: Bereits unter Papst Benedikt wurde versucht, mehr Transparenz in die Finanzen des Vatikans zu bringen. Franziskus hat diesen Kurs zumindest für die Öffentlichkeit fortgesetzt. Warum ist bisher alles erfolglos geblieben?

Nuzzi: Ratzinger hat mit diesem Kurs begonnen. Da sind sozusagen viele Kaufleute im Tempel. Es gibt viele Priester, die mehr Interesse am eigenen Konto haben als am Evangelium. Das hat Franziskus viele Probleme verschafft und er hat versucht die römische Kurie zu reformieren. Man muss dazu sagen, dass im Vatikan alles sehr lange dauert. Zudem wird Franziskus' Reform intern nicht genügend unterstützt, weil viele eigene Prioritäten haben. Papst Franziskus ist der Erste, der sich ums Geld kümmert und die Konten kontrollieren möchte. Man muss das Ganze auch mit einem säkularen Blick sehen. Die Päpste standen auf dem Balkon auf dem Petersplatz und haben das Evangelium verkündet. Die römische Kurie hingegen hat sich um die finanziellen Angelegenheiten gekümmert. Dieser jesuitische Papst kümmert sich um Beides, Geld und Verkündigung. Das ist eine Neuheit. Das ist ein langer und schwieriger Kampf.

DOMRADIO.DE: Was muss also passieren, damit der Kurs der Transparenz fortgesetzt werden kann?

Nuzzi: Der von Franziskus eingeschlagene Weg muss weitergeführt werden. Außerdem müssen seine Reformen von den Mitarbeitern mehr unterstützt werden, weil viele im Vatikan immer noch den Kurs Ratzingers verfolgen. Ratzinger ist ein Intellektueller und ein Mann des Glaubens und kein Finanzexperte. Franziskus hat sich leider von diesen Leuten entfernt. Außerdem hat Franziskus neue Gesetze erlassen. Wir stehen also am Ende der Reform und eigentlich steht einer Veränderung nichts mehr im Wege. Hoffen wir also, dass das auch klappen wird mit der Veränderung.

Das Gespräch führte Nina Odenius. 

Info Das Buch “Habgier im Vatikan: Wie die Jünger des Geldes Papst Franziskus Reformen sabotieren“ von Gianluigi Nuzzi ist erschienen im Orell Füssli Verlag und kostet 25 Euro.

 

 

 

(DR)

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