Der emeritierte Papst Benedikt XVI. und sein Privatsekretär, Kurienerzbischof Georg Gänswein, 2015
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. und sein Privatsekretär, Kurienerzbischof Georg Gänswein, 2015
Papst em. Benedikt XVI. (Archiv)
Papst em. Benedikt XVI. (Archiv)

05.01.2020

BR-Reportage über den emeritierten Papst Benedikt XVI. "Die bayerische Heimat hat seinen Glauben geprägt"

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. lebt zurückgezogen im Kloster Mater Ecclesiae. Ein Team des Bayerischen Rundfunks hat einen seltenen Blick hinter die Kulissen wagen dürfen. Von der Begegnung mit Benedikt XVI. berichtet Tassilo Forchheimer.

DOMRADIO.DE: Benedikt XVI. ist 92 Jahre alt und wirkt relativ angeschlagen. Man hört aus dem Vatikan zum Beispiel von Erzbischof Gänswein immer, dass es ihm geistig gut geht, die Kräfte aber nachlassen. Was ist Ihr persönlicher Eindruck gewesen im Gespräch und in der Begegnung mit dem emeritierten Papst?

Tassilo Forchheimer (Leiter des BR-Studios Franken): Nach meinem Eindruck stimmt das, was Gänswein sagt. Er ist spritzig im Kopf, er ist schnell im Denken, aber er ist wirklich gezeichnet durch das hohe Alter. Er tut sich extrem schwer beim Gehen und, worunter er wahrscheinlich am allermeisten leidet, seine Stimme ist sehr, sehr schwach geworden. Man muss ganz nah herangehen, um ihn überhaupt zu verstehen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, ein richtiges Interview mit ihm führen konnten Sie als Journalisten dann nur schwer. Aber worüber redet man denn, wenn man mit Benedikt XVI. Kontakt hat?

Forchheimer: Man kann normal mit ihm reden, aber das ist für uns Radioleute insofern schwierig, weil die Originaltöne, die da rauskommen, wirklich nur bedingt verständlich sind. Aber das war ein Gespräch – also es war möglich.

Das Kuriose ist: Er hat sich seinen Humor bewahrt. Wenn man irgendwelche kuriosen Dinge anspricht, dann merkt man das richtig, dann sieht man dieses spitzbübische Lachen. Nur ein Beispiel: Papst Franziskus ist ja im Aufzug stecken geblieben vor etlichen Wochen und dann zum Angelus zu spät gekommen. Darüber hat er sich köstlich amüsieren können.

DOMRADIO.DE: Lassen Sie uns mal noch einen Schritt zurückgehen. Es ist eigentlich undenkbar, diesen ganz persönlichen, ganz direkten Eindruck zu bekommen – und das dann auch noch als Journalist oder als Journalisten, die mit Kameraleuten unterwegs sind. Wie haben Sie das hingekriegt? Wie ist das Ganze zustande gekommen?

Forchheimer: Ich habe, ehrlich gesagt, sehr lange daran gearbeitet und einfach um Vertrauen geworben. Und das hat man dem Bayerischen Rundfunk als seinem Heimatsender, dem er immer schon sehr verbunden war, dann doch zugestanden. Uns nimmt man einfach ab, dass wir ihn nicht schlecht aussehen lassen wollen.

Man sieht zum Beispiel die Aufnahme in den Vatikanischen Gärten und im Film, wo er seinen Spaziergang macht – und da sind wir bewusst weit weg geblieben. Da sind wir eben nicht nah dran, wie das vielleicht andere machen würden. Ich glaube, wir haben seine Würde gewahrt, und das war dann im Grunde wahrscheinlich auch der Grund, der uns dorthin gebracht hat und andere eben nicht.

DOMRADIO.DE: Nehmen Sie uns mal ein bisschen mit in die Vatikanischen Gärten und in das Kloster Mater Ecclesiae. Wie läuft das da ab? Wie ist es gewesen, als Sie mit Ihrem Team angekommen sind? Klingelt man da und ist dann in einem ganz normalen Haus drin, oder was erlebt man? Wie kann man sich das vorstellen?

Forchheimer: Zunächst einmal muss man überhaupt die ganzen Sicherheitskontrollen im Vatikan überwinden. Da ist zuerst die Schweizergarde, dann kommt die Gendarmerie. Allein überhaupt dorthin zu kommen, ist also schon mal ein ziemlich mühsamer Prozess. Dann steht man vor einem großen Metalltor. Das öffnet sich tatsächlich auf Klingeln, wenn man angekündigt ist, und dann parkt man sein Auto im Vorhof. Dann gibt es noch eine Haustür, aber da wartet dann in der Regel schon entweder Erzbischof Gänswein oder eine der betreuenden Schwestern auf den Besuch.

Man merkt sehr schnell, das ist eine sehr familiäre Atmosphäre dort. Gänswein geht mit Benedikt wirklich wie ein Sohn mit seinem Vater um. Das tun die zwei auch, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Das ist wirklich ein sehr vertrauensvolles Verhältnis.

Die Schwestern sind wie Familienmitglieder. Sie bilden eine Tischgemeinschaft, eine Gebetsgemeinschaft. Auffällig ist die starke Taktung seines Tages. Der Tag beginnt immer mit einem Gottesdienst um 7:30 Uhr, und so ist im Grunde der ganze Tag durchstrukturiert. Und ich glaube, diese Regelmäßigkeit tut ihm sehr gut.

DOMRADIO.DE: Sie haben das als Bayerischer Rundfunk gemacht. Bayern ist ein ganz wichtiges Thema, auch für den emeritierten Papst. Ihre Reportage heißt "Klein Bayern im Vatikan". Was findet man denn Bayerisches im Kloster von Papst Benedikt?

Forchheimer: Erzbischof Gänswein sagt es so schön in einem Originalton: "In diesem Haus gibt's fast nichts, was nicht bayerisch ist." Das ist wirklich auffällig, wenn man durch das Haus geht.

Es beginnt mit dem traditionellen Palmbuschen vom Palmsonntag aus dem Chiemgau, der da im Speisezimmer steht. Da sind viele Bilder, sein Geburtshaus, Geschenke, die er überreicht bekommen hat in seiner bayerischen Zeit. Dann ist da die Madonna vom Münchner Marienplatz in einer maßstabsgetreuen Kopie.

Das Bayerische zieht sich wirklich durch dieses Haus, und das bringt einen sehr schnell auf die Spur, dass dieser Papst ohne diese bayerische Prägung einfach nicht vorstellbar ist.

DOMRADIO.DE: Sie gehen ja sogar noch ein Stück weiter, und Sie stellen in dem Film die These auf: Wer Benedikt verstehen will, der muss verstehen, dass er ein bayerischer Patriot ist. Was heißt das denn?

Forchheimer: Das heißt, dass ihm dieses Land wirklich am Herzen liegt. Die bayerische Heimat hat seinen Glauben geprägt. Diese sehr interessante Mischung aus Intellektualität und Volksfrömmigkeit, die man bei ihm findet, das ist für mich das typisch Bayerische. Auch die Landschaft hat ihn geprägt. Einer seiner langjährigen Wegbegleiter beschreibt ihn als Landmenschen – und da ist auch etwas dran.

Er hat immer, im Gegensatz zu Franziskus zum Beispiel, diese starke Nähe zur Natur gesucht. Deshalb zieht es ihn auch heute noch nach draußen, jeden Tag zum Rosenkranzbet unter freiem Himmel. All das, was man da in Bayern an den Orten erleben kann und sehen kann, die ihn geprägt haben, das findet man letzten Endes in seiner Persönlichkeit wieder. Und das waren doch etliche Orte, weil die Familie oft umziehen musste. Das ist das für uns das Spannende gewesen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Hinweis: "Klein Bayern im Vatikan - Ein Besuch bei Papst Benedikt XVI em" läuft am 6. Januar, also am Dreikönigstag um 11:15 Uhr im Bayerischen Rundfunk und kann zudem in der ARD Mediathek angesehen werden.

(DR)

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