Kardinal Peter Turkson
Kardinal Peter Turkson

25.12.2016

Kardinal Turkson zur Entwicklungspolitik des Vatikan "Ganzheitliche soziale Verantwortung"

Mit Jahresbeginn wird Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson Leiter der von Papst Franziskus neu geschaffenen Behörde "für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen". Im Interview äußert er sich zum künftigen Profil seines Amtsbereiches.

KNA: Ab dem 1. Januar leiten Sie die Vatikanbehörde für ganzheitliche Entwicklung. Unter ihrem Dach werden die Bereiche humanitäre Hilfe, Menschenrechte sowie Entwicklungs- und Gesundheitspolitik gebündelt. Was wird da neu?

Kardinal Peter Turkson: Der 1. Januar ist keine Deadline. Wir arbeiten an der Struktur der neuen Behörde, aber ihr Profil wird, realistisch gesehen, erst an Ostern klarer werden. Die Beteiligten beraten jetzt gemeinsam. Wir werden aus den vier Dikasterien nicht einfach ein Konglomerat bilden. Die Herausforderung liegt in einer Neuformulierung der kirchlichen Sorge für die Sozialordnung. Wie können wir - auf der Grundlage des Konzilsdokuments "Gaudium et spes" wie auch der Lehräußerungen von Benedikt XVI. und Franziskus - eine gesellschaftliche Vision der Kirche entwerfen?

KNA: Das heißt, die neue Behörde startet von Grund auf?

Turkson: Ja und nein; wir nutzen vorhandene Elemente. Dass der Papst eine Reform will, darf nicht als Ausdruck einer Unzufriedenheit mit den bisherigen Strukturen verstanden werden, so als hätten die Behörden versagt oder machten ihre Arbeit nicht ordentlich.

Der Punkt ist: Weil sich in der Lehre von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. eine "ganzheitliche Ökologie" herausgebildet hat, müssen wir jetzt über eine ganzheitliche soziale Verantwortung nachdenken. Das haben wir bislang getrennt unter den Aspekten Migration, humanitäre Hilfe, Gesundheit und Gerechtigkeit und Frieden getan, und jetzt wollen wir das zusammen anschauen. Das Personal bleibt so weit wie möglich das alte. Wo nötig, holen wir Verstärkung von außen.

KNA: Aber natürlich denkt man bei Reformen an ineffiziente Strukturen.

Turkson: Ich würde sagen: unkoordinierte Strukturen. Für sich genommen waren sie effizient. Wenn sich das eine Büro mit Konflikten oder wirtschaftlichen Bedingungen als Migrationsursachen befasst und es daneben ein Büro für Migrantenseelsorge gibt, spricht vieles dafür, sich in ein- und demselben Büro darum zu kümmern.

KNA: Eine Zusammenlegung von Behörden wäre auch eine Gelegenheit für Einsparungen ... 

Turkson: In der Wirtschaft wäre das ein Hauptzweck, aber nicht bei uns. Franziskus will nicht, dass durch den Umbau irgendjemand seinen Job verliert. Einzige Einsparmöglichkeit: Priester und Ordensleute, die hier arbeiten, können zurück in ihre Bistümer oder Konvente. Von den Laien schicken wir niemanden weg. Natürlich ergeben sich durch die Zusammenlegung auch Dopplungen. Mit den überzähligen Mitarbeitern führen wir Orientierungsgespräche, wie wir sie entsprechend ihren Neigungen und Fähigkeiten einsetzen oder umschulen können.

KNA: Sie bekommen künftig auch die Mittel von "Cor unum", dem päpstlichen Hilfswerk? 

Turkson: Wir erhalten die Finanzverantwortung für die Einrichtungen, die hier angesiedelt werden. "Cor unum" hat zwei Stiftungen, eine für Afrika, eine für Lateinamerika. Die kommen natürlich zu uns, aber sie unterstehen ihrerseits eigenen Aufsichtsräten, und die Gelder sind zweckgebunden. In Zukunft könnte es auch nötig werden, das Stiftungskapital aufzufüllen. Wir müssen womöglich ein bisschen Fundraising betreiben.

KNA: Zum Thema Frieden - dem Papst liegt das offenbar am Herzen. Wäre es gut, wenn er dazu einmal in eine Enzyklika veröffentlichte?

Turkson: Das wäre dringend nötig. 1963 schrieb Johannes XXIII. seine Friedensenzyklika "Pacem in terris" - damals drohte die Gefahr eines Nuklearkriegs. Jetzt spricht Franziskus von einem "Weltkrieg in Stücken". Die Situation das Kriegs hat uns nie verlassen. Wir können eine Friedensenzyklika hier vorbereiten, nur muss der Anstoß dazu vom Papst kommen. Das andere große Thema, das der Papst vielleicht im Sinn hat, ist die Migration. Immerhin wollte er in der neuen Behörde diesen Sachbereich persönlich leiten.

KNA: Hoffen Sie also auf eine Enzyklika zu Frieden oder Migration im kommenden Jahr? 

Turkson: Der Papst kann jederzeit eine Enzyklika verfassen. Aber wenn Sie mich fragen: Ich würde ein bis zwei Jahre zwischen den Dokumenten lassen. Sie brauchen Zeit, um aufgenommen zu werden. Der Papst schreibt sie ja nicht, um sie in die Buchläden zu bringen. Er will eine Botschaft vermitteln und umsetzen.

KNA: Welche Resonanz findet Papst Franziskus in Afrika?

Turkson: Sein Ansatz, dass die Kirche eine Kirche sein muss, die rausgeht, ist für sich genommen eine Herausforderung. Statt im Pfarrhaus zu bleiben, müssen unsere Priester nach dem Vorbild der Missionare mehr Kontakt zu den Menschen suchen, sie mobilisieren. Wir Katholiken haben das Podium anderen überlassen, sogenannten Sekten, Evangelikalen. Das passiert, wenn Kleriker sich mehr um sich selbst kümmern als um die Seelsorge.

KNA: Und die Botschaft der Barmherzigkeit gegenüber Ausgegrenzten oder Homosexuellen - wie kommt das bei afrikanischen Katholiken an? 

Turkson: Bestimmte Lebensstile - wie Homosexualität - werden gesellschaftlich teils schwer toleriert. Wir treten da für Respekt und Menschenrechte ein. Die Würde eines Menschen wird nicht hinfällig wegen eines Lebensstils, auch nicht geschmälert. Der feindseligen Behandlung, die solche Leute manchmal erfahren, setzen wir eine Geste der Barmherzigkeit und des Mitleids entgegen.

KNA: Ihr Kollege Kardinal Robert Sarah, der eher konservative Haltungen vertritt, gilt manchen als die Stimme Afrikas in Moralfragen. Repräsentiert er den katholischen Mainstream? 

Turkson: Wenn es um den Mainstream geht, müsste man eher auf das Symposium der afrikanischen Bischofskonferenzen SECAM schauen. Sarah ist ebenso Kurienmitglied wie sein Vorgänger Kardinal Francis Arinze aus Nigeria oder wie ich, und was wir hier in Rom denken oder tun, ist nicht so repräsentativ für die Position der afrikanische Kirche wie SECAM oder jemand, der konstant mit den Bischöfen Afrikas zusammenarbeitet.

KNA: Sie selbst sind eigentlich Alttestamentler, aber haben in Ihrer Behörde ständig mit ethisch-moralischen Fragen zu tun ... 

Turkson: ... und wir Christen führen ethische Erwägungen von der Schöpfungsgeschichte aus. Alle Welt, einschließlich der UN, gebraucht den Begriff Menschenwürde - aber was begründet eigentlich, dass jeder Mensch Würde haben soll? Wir sagen: Die Würde des Menschen stammt von seiner Gottebenbildlichkeit. Menschenrechte sind nicht etwas, was man von Gerichten zugesprochen bekommt. Sie leiten sich von dieser Würde her.

Das Interview führte Burkhard Jürgens.

(KNA)

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