Bischof Heiner Koch
Bischof Heiner Koch

04.02.2014

Papst und Bischöfe müssen mit den Antworten der Familienumfrage umgehen "Franziskus wird Erwartungen enttäuschen - so oder so"

Verhütung, Sex vor der Ehe, homosexuelle Partnerschaften. Das Ergebnis der vatikanischen Familienumfrage steht fest. Bischof Heiner Koch, Mitglied der Familienkommission der Bischofskonferenz, im domradio.de-Interview zu den Lehren aus der Umfrage.

domradio.de: Bischof Koch, jetzt gibt es sozusagen schwarz auf weiß, was Viele schon lange geahnt haben. Jetzt sind natürlich auch Antworten darauf gefordert. Kann man sagen, mit diesen Ergebnissen der Umfrage ist die katholische Sexuallehre komplett hinterfragt?

Koch: Also, wenn sie hinterfragt ist, ist es ja gut, weil Fragen drängen ja nach Antworten. Die Frage ist, welche Antworten jetzt gegeben werden. Ich sehe da schon Zweifel, Ablehnung, Skepsis, Unverständnis hinter diesen Fragen und hinter den gegebenen Antworten, die jetzt ganz gewaltigen Erwartungsdruck natürlich provozieren auf die Antworten, die die Synode gibt, aber auch auf die Antworten, die wir als deutsche Kirche und als deutsche Bischöfe geben. Viele Aussagen haben den, der die gesellschaftliche und auch die kirchliche Situation kennt, nicht überrascht. Was ansteht, ist unser Umgehen mit diesen Antworten und das wird ein sehr ehrliches Antworten sein. Wir haben eine große Zahl von ganz persönlich betroffenen Menschen bekommen und wir müssen deshalb auch würdig und achtsam und mit großer Hochachtung unsere Antworten formulieren.

domradio.de: Dann nehmen wir doch mal ein konkretes Beispiel: Neun von zehn Befragten sagen, sie würden sich nicht an das Gebot halten, auf Geschlechtsverkehr vor der Ehe zu verzichten. Wie kann man denn konkret auf gerade solche Ergebnisse antworten?

Koch: Zunächst einmal müssen wir, damit überhaupt die kirchliche Haltung verständlich wird - auch wenn ich sie nachher nicht teile - erst einmal verstehen, warum ist das eigentlich so. Die christliche, kirchliche Lehre von der Sexualität und der Ehe bedeutet ja, ich vereinfache jetzt etwas, dass die Liebe gemeinsam wächst. Die geistige Liebe zwischen zwei Menschen, die körperliche Liebe und die religiöse Dimension dieser Liebe, also die spirituelle Dimension der Ehe. Das soll wachsen. Je verbindlicher und fester es wird und je größer diese Liebe wird bis zu dem Punkt, wo man sagt, wir gehen den Lebensweg gemeinsam - das ist ja die größte Aussage, mehr Freiheit kann einer dem anderen nicht mehr schenken als zu sagen, ich geh jetzt mit dir mit. Da ist eigentlich nach der Kirchenlehre der Punkt, das Zusammengehen der sakramentalen Ehe, der körperlichen Vereinigung, des Geschlechtsverkehrs - blödes Wort, finde ich jedenfalls in dem Zusammenhang - und der persönlichen Bindung. Und das ist völlig auseinandergebrochen, diese Parallelisierung von geistiger, körperlicher und geistlicher, religiöser Dimension. Und die Sexualität wird unverbindlicher, das bedeutet nicht mehr so viel, hat jedenfalls einen geringeren Wert. Das kann man so sehen. Will man das? Was bedeutet das? Was bedeutet das für das Miteinander, auch für die Sexualität? Darüber muss man sprechen. Gesellschaftlich wird das so gesehen und da sind wir sicherlich in einer Minderheitensituation, völlig klar. Aber, nochmal: Wir müssen es erstmal verdeutlichen und zweitens müssen wir uns fragen lassen, ob diese Bedeutung von den Menschen mitgegangen wird und ob diese Bedeutung in ihrer Aussagekraft überhaupt noch verstanden wird.

domradio.de: Gibt es denn dann Möglichkeiten, wie man Lehre und Praxis wieder einander annähern kann?

Koch: Die gibt es, bin ich ganz fest von überzeugt. Denn immer wieder wird ja eigentlich nur gesprochen von den kritischen Punkten, wo man die kirchliche Lehre ablehnt oder es ist vom Scheitern die Rede. Was aber auch eklatant ist, sind die hohen, extrem hohen Erwartungen an Ehe, an Treue, an Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Zweitens wird ja völlig übersehen, dass 70 Prozent der Menschen in einer Ehe leben. Es ist ja nicht so, dass das eine Minderheit ist, ein Auslaufmodell. Die Frage ist, wie wir im Fall eines Scheiterns mit ihr umgehen, aber die kann man nur beantworten, wenn man vorher die Frage stellt, was bedeutet uns eigentlich Ehe? Warum ist die für uns ein Sakrament? Was ist das Besondere an der christlichen Ehe? Wo ist das Proprium? Das scheint mir überhaupt nicht klar zu sein, ich erlebe immer wieder, auch wenn ich mit Menschen spreche, dass das unklar ist, dass keiner mehr sagen kann, was unterscheidet eigentlich eine christliche, sakramentale Ehe von einer anderen Beziehung. Was unterscheidet Ehe von einer Beziehung zweier, die unverheiratet zusammen leben. Wenn man diese Fragen nicht mehr erörtert, dann kann man nachher auch nicht erwarten, dass Menschen sagen, ja, das sehen wir ein, das wollen wir teilen. Nochmal: Ich seh das als eine große Herausforderung, vor allem aber auch ans Miteinander. Ich halte für einen sehr großen Impuls dieser Umfrage, dass die Leute sagen, wir möchten hier in das Gespräch mit einsteigen. Wir möchten wirklich unser Lebenswissen, unsere Lebenserfahrung eingeben. Es kann doch nicht sein, dass wir immer nur konfrontiert werden mit Aussagen, die Andere machen. Das halte ich für das Wichtigste. Wir müssen da ins Gespräch miteinander gehen und nicht nur ins Gespräch für uns, sondern ins Gespräch, das eine Strahlkraft in die nicht-christliche Gesellschaft hinein hat.  

domradio.de: Anlass für die Umfrage war ja die Bischofssynode in Rom, die ansteht, die sich mit Fragen der Ehe, Familie und Partnerschaft auseinandersetzt. Sind denn da überhaupt konkrete Maßnahmen zu erwarten? Sie haben ja die Erwartungshaltung schon angesprochen, darauf aufbauend die Frage: Haben Sie Angst vor einer Enttäuschung, sollte es da nicht konkret etwas geben?

Koch: Ja, die habe ich. Zunächst mal, die Synode wird erstmal eine Feststellung der Situation sein: Wie sieht es aus in der Welt? Welche Fragen stehen an? Da wird sich natürlich schon zeigen, das ist mir völlig klar, dass es auf der ganzen Welt sehr unterschiedliche Einschätzungen, Bewertungen, Sichtweisen gibt. Das ist so. Das wird man zur Kenntnis nehmen. Welche Schlussfolgerung die Kirche als Ganze zieht, ist das eine. Da hat auch jedes Land und jede Region, jeder Erdteil seine spezifischen Erfahrungen. Sie erwarten alle von Franziskus Massives. Und das ist ein gewisses Problem, dass natürlich, sobald er eine Aussage macht, andere enttäuschen wird. Also, ich sage es mal ganz konkret: Überlegt er, ob es Zugangsbedingungen, Möglichkeiten gibt für Menschen, die einer sakramentalen Ehe leben und diese Ehe nicht mehr führen und eine neue Beziehung eingegangen sind. Gibt es Möglichkeiten für die, zur Eucharistie zu gehen? Wenn er ja sagt, unter gewissen Bedingungen, werden die enttäuscht sein, die sagen, wir müssen das hochhalten, wir sind die Einzigen, die noch zur Unauflöslichkeit der Ehe stehen. Sagt er nein, werden die enttäuscht sein, die erwartet haben, dass es hier eine gewisse Öffnung gibt. Also, der Punkt der enttäuschten Erwartungen, der wird noch kommen, egal was und wie die Synode sich verhält. Es ist eine gefährliche Situation, die sehe ich schon, zumindest eine große Herausforderung.

(DR)

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